Europas Energiebosse schlagen auf der CERAWeek-Konferenz in Houston Alarm: Die Versorgungskrise durch den Iran-Konflikt und die eingeschränkte Passage durch die Straße von Hormus könnte Europa in die erste Energierationierung seit fast vier Jahren treiben. Shell-Chef Wael Sawan warnt vor Dieselengpässen im Sommer, während sein TotalEnergies-Kollege Patrick Pouyanné offen ausspricht, dass die Welt ein systemisches Problem bekommt, sollte die Krise länger als drei bis vier Monate andauern. Der Rohölpreis ist in wenigen Wochen um rund 40 % gestiegen und kratzte zwischenzeitlich an der Marke von 120 Dollar je Barrel.

Fünf Öl- und Gasaktien auf drei Kontinenten reagieren auf denselben Makroschock — aus grundverschiedenen Positionen heraus.

Shell: Lauteste Stimme der Versorgungskrise

Shell-CEO Sawan zeichnete das wohl düsterste Bild auf der CERAWeek. Der Druck auf die globalen Öl- und Gaslieferungen habe bereits dazu geführt, dass mehrere asiatische Länder ihren Energieverbrauch drastisch drosseln. Ein ähnlicher Welleneffekt drohe Europa — pünktlich zur Hochsaison für Treibstoffnachfrage im Sommer. Kerosin werde bereits knapp, ein Diesel-Engpass könnte folgen.

Operativ kämpft der Konzern mit einer zusätzlichen Belastung: Die Reparatur der Pearl-GTL-Anlage in Katar nach iranischen Angriffen wird voraussichtlich ein ganzes Jahr dauern. Das dürfte Produktion und Umsatz spürbar beeinträchtigen. Shell arbeite gemeinsam mit europäischen Regierungen an Maßnahmen wie der Aufstockung von Speicherkapazitäten und der Beschaffung von Energierohstoffen.

Die Aktie notiert heute bei 40,79 € — ein neues 52-Wochen-Hoch und rund 52 % über dem Jahrestief vom April 2025. Piper Sandler erhöhte das Kursziel deutlich von 89 auf 106 Dollar. Von 18 Analysten empfehlen 10 den Kauf, kein einziger rät zum Verkauf.

BP: Fossile Wende mit Hochdruck

BP nutzt den Ölpreisrückenwind, um den radikalen Strategieschwenk zu beschleunigen. Der Konzern verkauft seine Gelsenkirchener Raffinerie — mit einer Kapazität von rund 265.000 Barrel Rohöldestillation pro Tag — an die Klesch Group. BP erwartet, damit seinen Cash-Breakeven in der Raffination bis 2027 um etwa 3 Dollar pro Barrel zu senken.

Die Zahlen hinter der Portfoliobereinigung sind beeindruckend:

  • Desinvestitionsprogramm: Über 11 Mrd. Dollar eines geplanten 20-Mrd.-Dollar-Programms bereits angekündigt oder abgeschlossen
  • Jährliche Fossilinvestitionen: 10 Mrd. Dollar geplant
  • Strukturelle Kostensenkung: Zielkorridor auf 6,5 bis 7,5 Mrd. Dollar bis 2027 angehoben
  • ESG-Fonds: Über 60 aktive ESG-Fonds halten BP trotz der Abkehr von Erneuerbaren weiterhin im Portfolio

Raymond James hob das Kursziel auf 52 Dollar (zuvor 40 Dollar) und erhöhte die Gewinnschätzung je ADS für 2026 auf 4,50 Dollar — eine Steigerung um über 60 % gegenüber der früheren Prognose von 2,80 Dollar. BP-Aktien legten allein im März über 18 % zu und erreichten heute bei 6,87 € ebenfalls ein neues 52-Wochen-Hoch.

Petrobras: Brasiliens geopolitischer Trumpf

Während der Nahe Osten als Lieferant ausfällt, rückt Brasilien ins Zentrum der globalen Öllogistik. Käufer, die jahrelang erfolglos umworben wurden, drängen jetzt auf brasilianische Lieferungen. Petrobras' Offshore-Produktion in den Prä-Salz-Becken — weit entfernt von der Hormus-Krise — macht den Konzern zum natürlichen Profiteur der Umlenkung globaler Ölströme.

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Gleichzeitig steckt Petrobras in einem politischen Spagat. Im Wahljahr versucht die Regierung, die kriegsbedingte Energieinflation einzudämmen. Die 2023 aufgegebene internationale Preisparität gibt Petrobras zwar Spielraum bei der Preisgestaltung, birgt aber das Risiko von Dieselengpässen im Inland, sollte die Kluft zwischen Weltmarkt- und Inlandspreisen zu groß werden.

Die Produktionszahlen stimmen: Petrobras peilt für 2026 eine Förderung von 3 Millionen Barrel Öläquivalent pro Tag an, ein Anstieg gegenüber 2,8 Millionen im Vorjahr. Im vierten Quartal 2025 übertrafen die Erlöse mit 23,61 Mrd. Dollar die Analystenerwartungen um gut 6 %. Der Kurs kletterte heute um 4 % auf 7,79 € — ein Plus von über 56 % seit Jahresbeginn. Acht Analysten empfehlen den Kauf, keiner den Verkauf, allerdings liegt das mittlere Kursziel mit 15,53 Dollar deutlich unter dem aktuellen ADR-Kurs von 20,77 Dollar.

Future Fuels: Uranexplorer im eigenen Universum

Future Fuels operiert in einer völlig anderen Welt als die integrierten Ölkonzerne in diesem Überblick. Das kanadische Micro-Cap-Unternehmen besitzt weder Öl- noch Gasproduktion und generiert keine entsprechenden Erlöse. Sein Hauptprojekt ist das Hornby-Uran-Projekt im Nordwesten von Nunavut — 3.407 Quadratkilometer mit über 40 nur wenig erforschten Uranvorkommen.

In den vergangenen Wochen hat Future Fuels das Genehmigungsverfahren für Bohrungen am Hornby Basin formell eingeleitet. Geplant ist ein Sommerexplorationsprogramm 2026 mit bis zu 10.000 Metern Diamantbohrung. Zudem reichte das Unternehmen im März ein überarbeitetes Angebotsdokument im Rahmen seines LIFE Offering ein — der Abschluss wird für den 8. April erwartet. Parallel läuft die geplante Verschmelzung mit Hatchet Uranium Corp., einer 51-prozentigen Tochter von ValOre Metals.

Die Aktie steht heute bei 0,28 € — ein Minus von 42 % seit Jahresbeginn und rund 61 % unter dem 52-Wochen-Hoch. Formale Analystenkursziele fehlen. Der Kursverlauf hängt nahezu vollständig an Genehmigungsmeilensteinen und der Uranmarktstimmung, nicht am Ölpreis.

TotalEnergies: Nordsee-Konsolidator und Krisengewinner

TotalEnergies lieferte in kurzer Folge zwei Schlagzeilen, die den Konzern als vielleicht vielseitigsten Akteur dieser Krise positionieren. Erstens: Der Zusammenschluss des britischen Upstream-Geschäfts mit NEO NEXT zu NEO NEXT+ macht die neue Einheit zum größten unabhängigen Öl- und Gasproduzenten auf dem britischen Kontinentalschelf — mit einer erwarteten Produktion von über 250.000 Barrel Öläquivalent pro Tag in 2026.

Zweitens — und für Händler noch bemerkenswerter — soll TotalEnergies mit dem Aufkauf von Rohöllieferungen im Nahen Osten während der Hormus-Blockade mehr als eine Milliarde Dollar Gewinn erzielt haben. Rund 15 % der eigenen Produktion liegen zwar krisenbedingt still, bei Brent-Preisen über 100 Dollar kompensieren die gestiegenen Margen die verlorenen Barrel aber mehr als.

CEO Pouyanné warnte auf der CERAWeek, die Produktmargen — insbesondere bei asiatischem Kerosin — lägen auf einem Niveau, das die Welt noch nie erlebt habe. Er rechne mit LNG-Preisen von 40 Euro pro Megawattstunde, sollte der Konflikt bis zum Sommer andauern. Gleichzeitig kündigte TotalEnergies an, Offshore-Windprojekte im Wert von rund einer Milliarde Dollar zu beenden und die Mittel in Öl- und Gasprojekte umzuschichten — darunter die Rio-Grande-LNG-Anlage in Texas.

Die Aktie markierte heute mit 80,54 € ein neues Allzeithoch — ein Plus von 42,6 % seit Jahresbeginn. JP Morgan stufte TotalEnergies Anfang März auf „Overweight" hoch, Piper Sandler hob das Kursziel auf 92 Dollar.

Ölmarkt zwischen Preisrausch und systemischem Risiko

Die CERAWeek-Warnungen verdichten sich zu einem klaren Bild: Der Markt unterschätzt das Ausmaß der Versorgungsstörung. Slowenien führte als erstes europäisches Land Kraftstoffrationierung ein. Spanien schnürte ein 5-Milliarden-Euro-Hilfspaket mit Steuererleichterungen auf Strom und Gas. Die Branchenvertreter betonen, dass eine Rückkehr zu Vorkriegsniveaus in absehbarer Zeit unwahrscheinlich sei — schließlich seien 20 % des global exportierten Rohöls und 20 % der LNG-Kapazität betroffen.

Für Shell und TotalEnergies wird entscheidend sein, ob die hohen Margen die operativen Ausfälle dauerhaft kompensieren. BP setzt darauf, dass ein schlankeres, fossillastiges Portfolio in einem strukturell höheren Preisumfeld überlegene Renditen liefert. Petrobras muss den Spagat zwischen Inlandspreisstabilität und internationalen Marktpreisen meistern — im brasilianischen Wahljahr ein politisches Minenfeld. Future Fuels wartet auf den Abschluss des LIFE Offering und die Bohrgenehmigungen für Hornby Basin — zwei Mikrokatalysatoren, die mit dem Ölpreisschock kaum etwas zu tun haben, für die Aktie aber alles bedeuten.

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