In der aktuellen Episode von Börsepeople im Podcast S22/20 empfängt Host Christian Drastil den Wirtschafts- und Politikexperten Johannes Linhart vom Senat der Wirtschaft. Das Gespräch offenbart einen bemerkenswerten Werdegang zwischen Londoner Trading Floors, New Yorker Börsengängen und österreichischer Wirtschaftspolitik.

Der Black Monday als Karrierestart

Johannes Linharts Einstieg in die Finanzwelt hätte dramatischer kaum sein können. Am 19. Oktober 1987, dem berüchtigten Black Monday, erhielt er seine Jobzusage bei Philips & Drew, einem Broker, der gerade von der UBS übernommen wurde. Sein zukünftiger Chef George Gray begrüßte ihn mit den Worten: „Don't worry sunshine, we don't know what's going on, but you've got the job."

Dieser Artikel ist eine Added Value Version zu den Key-Insights einer Podcastfolge von audio-cd.at, aufgewertet durch Archivbausteine. Die hier veröffentlichten Gedanken/Schlüsse sind weder als Empfehlung noch als ein Angebot oder eine Aufforderung zum An- oder Verkauf von Finanzinstrumenten zu verstehen und sollen auch nicht so verstanden werden. Der Handel mit Finanzprodukten unterliegt einem Risiko. Sie können Ihr eingesetztes Kapital verlieren.

Als ausgebildeter Jurist kam Linhart nach eigener Aussage völlig unbedarft in die Börsenwelt. Die grundlegendsten Konzepte waren ihm zunächst fremd – selbst die Frage, warum eine Aktie mit einem Nennwert von einem Dollar für 300 Dollar gehandelt werden könnte, musste er erst verstehen lernen. Der Trading Floor von Philips & Drew, der die Größe von zwei Fußballfeldern hatte, wurde seine Schule. Zwei Monate Backoffice-Arbeit legten das Fundament für eine internationale Karriere, die ihn später nach Frankfurt, New York und wieder zurück nach Wien führen sollte.

Nachhaltigkeit vor dem Trend: Eine Studie von 1989

Bereits 1989, als Junior-Mitarbeiter, initiierte Linhart eine bemerkenswerte Studie mit dem Titel „Investing in a Green Europe". Er überzeugte die 150-köpfige Analyseabteilung der UBS, sich mit Themen wie Waldsterben, Chemikalien, pharmazeutischer Industrie und Wasserreinheit zu beschäftigen – zwei Jahre bevor Vizekanzler Josef Riegler die ökosoziale Marktwirtschaft ausrief.

Eine Anekdote aus dieser Zeit illustriert den kreativen Ansatz: Bei einem Kundenbesuch in München sammelte Linhart mit seinem Teamleiter Moos aus dem Wald und steckte es sich als Einstecktuch ins Sakko. Diese unkonventionelle Geste öffnete Türen bei deutschen Kapitalmarktbeteiligten, die damals für ihre Ernsthaftigkeit bekannt waren.

Linhart betont bis heute seine Überzeugung für die ökosoziale Marktwirtschaft, kritisiert jedoch die Umsetzung in den vergangenen Jahren: „Ökosoziale Marktwirtschaft hat ja leider die Marktwirtschaft vergessen in den letzten Jahren." Das Verbrenner-Aus und das Lieferkettengesetz hätten vom Inhalt her gute Ideen verfolgt, seien aber in der Umsetzung eine Katastrophe für Europa gewesen und hätten vor allem Bürokratie gebracht.

Stationen einer internationalen Bankerkarriere

Die Londoner Luft – insbesondere die ungefilterten Diesel-Taxis – trieb Linhart nach drei Jahren nach Frankfurt, wo er beim Aufbau des UBS-Börsengeschäfts half. Der Deal mit der Bank sah vor, dass er nach drei Jahren Deutschland nach New York wechseln durfte. UBS hielt Wort.

In New York erlebte Linhart zwischen 1995 und 2000 eine besonders prägende Zeit. Der Internet-Boom und der Durchbruch der Gentechnologie brachten zahlreiche Börsengänge mit sich, darunter Unternehmen wie Myriad Genetics. Die UBS hatte als Nischenbroker für Technologie und Biotech eine starke Position, und Linhart sammelte wertvolle Erfahrungen mit Jungunternehmen und IPOs.

Nach einem kurzen Intermezzo bei einer Venture-Capital-Firma wechselte er zu Merrill Lynch nach Frankfurt. Von seinen drei großen Bankenstationen – Deutsche Bank, Merrill Lynch und UBS – bezeichnet er Merrill Lynch als das absolute Aktienhaus und den Höhepunkt seiner Aktienkarriere. 2008 schickte ihn die Deutsche Bank nach Wien, wo er ein Team um bekannte Namen wie Eisenschenk und Berger führte und sogar kurzzeitig Vorstandsmitglied wurde.

Die Zahlen aus dieser Zeit verdeutlichen den damaligen Stellenwert des österreichischen Marktes: Monatsumsätze im ATX von mehr als 20 Milliarden Euro waren üblich – heute liegen sie bei sechs bis sieben Milliarden. Trotz dieses Erfolgs entschied die Deutsche Bank, das Wiener Business nach Frankfurt zurückzuholen.

Der Senat der Wirtschaft und das Kapitalmarkt-Plädoyer

Seit 2015 leitet Linhart den Bereich Wirtschaft und Politik beim Senat der Wirtschaft, einem Netzwerk von rund 700 Unternehmen, das vor 20 Jahren von Erhard Busek gegründet wurde. Die Grundidee: Der Mittelstand braucht eine Stimme. Das Netzwerk umfasst Unternehmen aller Größenordnungen, von Kleinstbetrieben bis hin zu ATX-Unternehmen wie Palfinger, Gebrüder Weiss oder Porr.

Ein zentrales Anliegen ist das aktuelle Plädoyer „Eigenkapital für Österreichs Wirtschaft". Der Kernvorschlag: Ein Fund of Funds nach dänischem Vorbild, bei dem jedoch nicht der Staat investiert, sondern private Anleger, Pensionskassen, Versicherungen und Stiftungen. Der Staat soll lediglich Bürgschaften geben, damit institutionelle Anleger gemäß ihrer Anlagerichtlinien überhaupt in solche Produkte investieren können.

Linhart kritisiert scharf die österreichische Aktienfeindlichkeit: „Ich glaube, es gibt kein OECD-Land, wo Kapitalmarkt so stiefmütterlich behandelt wird wie in Österreich." Die Diskriminierung von Eigenkapital gegenüber Fremdkapital und die fehlende Finanzbildung seien mitverantwortlich für die schlechte Vermögensverteilung im Land, gemessen am Gini-Koeffizienten.

Pensionsreform und politische Fortschritte

Die Forderungen des Senats haben offenbar Gehör gefunden. Im aktuellen Regierungsprogramm steht die Absicht, einen Fund of Funds einzurichten. Linhart sieht darin auch einen Erfolg der eigenen Lobbyarbeit. Allerdings kritisiert er die geplante Ausgestaltung: Die Regierung wolle selbst 500 Millionen Euro investieren, was er für den falschen Weg hält, da der Staat kein Geld habe.

Sein Rat an junge Menschen ist pragmatisch: „Ein junger Mensch, der keine Aktien hat, macht einen Riesenfehler." Dank ETFs könne man heute mit einem Euro pro Tag einen Sparplan beginnen – die Demokratisierung des Geldes, wie Linhart es nennt. Die früher prohibitiven Spesen sind Geschichte.

Auch beim ORF konnte der Senat Fortschritte erzielen. Nach einem Besuch am Küniglberg, bei dem Generaldirektor Weißmann und alle Wirtschafts-Chefredakteure anwesend waren, werde der Senat nun öfter zu Wirtschaftsthemen angefragt. Dennoch sieht Linhart noch Nachholbedarf: NGOs und kapitalismuskritische Institutionen erhielten nach wie vor mehr Gehör als marktorientierte Vertreter.

Ein ungewöhnlicher Ausklang: Vom Trading Floor zum Akkordeon

Abseits der Finanzwelt pflegt Linhart eine unerwartete Leidenschaft: das Akkordeon. Nach 20 Jahren Klavierunterricht entdeckte er das Instrument während eines Sommerjobs an der österreichischen Botschaft in Kuwait 1986. Eine Botschaftsmitarbeiterin gab ihm Noten für vier Wiener Lieder mit den Worten: „In vier Wochen haben wir Auftritt." Heute umfasst sein Repertoire 50 Wiener Lieder.

Die familiären Wurzeln reichen tief in die österreichische Politik: Sein Vater war Diplomat und Sekretär bei Bundeskanzler Gorbach, sein ältester Bruder Michael erreichte als Generalsekretär im Außenministerium den Höhepunkt einer diplomatischen Karriere und übernahm kurzzeitig die Aufgaben des Außenministers. Der zweite Bruder war 23 Jahre lang Bürgermeister von Bregenz.

Johannes Linharts Werdegang verbindet internationale Börsenexpertise mit österreichischer Wirtschaftspolitik. Seine zentrale Botschaft bleibt: Österreich braucht dringend eine Kapitalmarktreform, die nicht auf staatlichen Investitionen basiert, sondern privates Kapital mobilisiert – durch kluge Rahmenbedingungen, eine Pensionsreform und die Überwindung der traditionellen Aktienfeindlichkeit.