Javier Milei und die österreichische Schule: Ein libertärer Präsident als Vorbild für Europa?
In der aktuellen Episode von „Börsepeople im Podcast" spricht Host Christian Drastil mit Philipp Bagus, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Rey Juan Carlos in Madrid und Autor des Buches „Die Ära Milei". Das Gespräch liefert tiefe Einblicke in die wirtschaftspolitische Revolution Argentiniens und deren mögliche Bedeutung für europäische Kapitalmärkte.
Argentinien steht seit der Wahl von Javier Milei zum Präsidenten im Fokus internationaler Investoren. Was zunächst wie ein politisches Experiment wirkte, entwickelt sich zu einem bemerkenswerten wirtschaftlichen Turnaround. Der deutsche Ökonom Philipp Bagus kennt Milei persönlich und ordnet dessen Politik aus der Perspektive der österreichischen Schule der Nationalökonomie ein.
Der Weg eines deutschen Ökonomen nach Madrid
Philipp Bagus' akademischer Werdegang ist ungewöhnlich. Bereits in den 1990er Jahren entwickelte er Interesse für liberale Wirtschaftsideen, ausgelöst durch die damalige Wirtschaftslage in Deutschland mit hoher Arbeitslosigkeit und schwachem Wachstum. Über die Friedrich-Naumann-Stiftung stieß er auf Werke von Ludwig von Mises und Murray Rothbard, den Hauptvertretern der österreichischen Schule.
Die Empfehlung, bei Professor Huerta de Soto in Madrid zu studieren, führte ihn nach Spanien, wo er promovierte und schließlich Professor wurde. Seine akademische Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Ludwig-Erhard-Preis 2016 und dem Ron Paul Liberty in Media Award. Das Buch „Die Ära Milei" erhielt 2024 den Preis für das libertäre Buch des Jahres.
Die österreichische Schule: Eine Minderheitenposition mit wachsendem Einfluss
Die österreichische Schule der Nationalökonomie unterscheidet sich fundamental vom wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream. Während die Neoklassik auf mathematische Gleichgewichtsmodelle setzt, analysiert die österreichische Schule den dynamischen Marktprozess, angetrieben von Unternehmern, die Bedürfnisse durch bessere Produkte zu niedrigeren Preisen befriedigen wollen.
Die zentrale Erkenntnis dieser Denkschule: Der Staat verfügt nicht über das notwendige Wissen, um Marktergebnisse zu verbessern. Er verschlechtere sie nur. Diese Position führt konsequenterweise zu libertären politischen Schlussfolgerungen. Dabei unterscheidet Bagus zwischen Minimalstaatlern, die den Staat auf Sicherheit und Rechtsprechung beschränken wollen, und anarchischen Kapitalisten, die den Staat vollständig abschaffen möchten.
Die Gründerväter dieser Schule waren Österreicher: Karl Menger als Begründer, Eugen von Böhm-Bawerk als mehrfacher Finanzminister, Ludwig von Mises und der Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek. Paradoxerweise ist diese Denkrichtung in Österreich selbst kaum bekannt.
Mileis Transformation vom Universitätsdozenten zum Präsidenten
Javier Milei war nicht immer Anhänger der österreichischen Schule. Als neoklassischer Ökonom lehrte er jahrelang Wettbewerbstheorie, bis die Lektüre von Murray Rothbards Monopoltheorie einen Wendepunkt markierte. „Alles, was ich die letzten 25 Jahre Monopoltheorie gelehrt habe, ist grundlegend falsch", erkannte Milei und vertiefte sich in die Werke von Mises, Hayek und Rothbard.
Seine Fernsehauftritte machten ihn zunächst als charismatischen, oft aufbrausenden Debattierer bekannt. Medien luden ihn als quotenträchtigen Gast ein, unterschätzten aber seine wachsende Anhängerschaft. Als die klassischen Medien versuchten, ihn zu blockieren, war seine Basis in den sozialen Medien bereits zu groß. Theaterstücke, in denen die Zentralbank zerstört wird, umgedichtete Opernarien und virale Memes verbreiteten seine Botschaft.
Die Corona-Pandemie beschleunigte seinen Aufstieg. Argentinien hatte besonders strenge Lockdown-Maßnahmen, und Milei positionierte sich als deren schärfster Kritiker. Jugendliche, die zu Hause festsaßen, teilten seine Videos und zeigten sie ihren Eltern.
Die wirtschaftspolitische Bilanz: Harte Zahlen statt Populismus
Bei Mileis Amtsantritt stand Argentinien kurz vor einer Hyperinflation. Die monatliche Preissteigerung betrug im November 2023 rund 25 Prozent. Das Staatsdefizit lag bei 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, finanziert durch die Notenpresse.
Mileis Maßnahmen waren radikal: Die Staatsausgaben wurden im ersten Amtsjahr real um 25 Prozent gesenkt – beispiellos in der Geschichte für Krisenzeiten. Das Defizit wurde vollständig eliminiert, es entstand sogar ein kleiner Überschuss. Seit Mitte 2024 wird die erweiterte Geldbasis nicht mehr ausgeweitet.
Das Ergebnis: Die Inflationserwartungen sanken, Wechselkurse und Preise stabilisierten sich. Das Wirtschaftswachstum liegt mittlerweile bei etwa 5 Prozent. Ein Deregulierungsministerium beseitigt bürokratische Hürden, die zuvor Rohstoffprojekte und unternehmerische Initiativen blockierten.
Die 15 Prozent des BIP, die zuvor als Staatsdefizit der Privatwirtschaft entzogen wurden, stehen nun für produktive Investitionen zur Verfügung. Diese Ressourcenfreisetzung erklärt einen Teil der positiven Kapitalmarktentwicklung.
Vergleich mit anderen Reformern: Was Milei von Trump unterscheidet
Bagus vergleicht Milei eher mit dem polnischen Reformer Balcerowicz oder Ludwig Erhard als mit Donald Trump. Der Unterschied zu Erhard: Milei wurde für sein Programm gewählt, während Erhard seine Reformen zunächst ohne demokratisches Mandat durchsetzte und erst später Bestätigung fand.
Die Unterschiede zu Trump sind fundamental. Trump ist kein Liberaler im ökonomischen Sinne. Seine Zollpolitik bedeutet höhere Steuern – das Gegenteil von Mileis Ansatz, der Steuern als Raub bezeichnet. In der Geldpolitik fordert Trump niedrigere Zinsen und mehr Gelddrucken, während Milei die Zentralbank langfristig abschaffen will.
Auch beim Staatshaushalt divergieren die Positionen: Trump möchte keine Ausgabenkürzungen, was zum Bruch mit Elon Musk führte, der bei DOGE Einsparungen anstrebte. Milei hingegen machte Ausgabenkürzungen zum Kern seiner Politik.
Gemeinsamkeiten sieht Bagus bei der Deregulierung und der Nutzung sozialer Medien zur direkten Kommunikation mit der Bevölkerung. DOGE wurde explizit nach argentinischem Vorbild konzipiert.
Das politische Risiko: Parlamentswahlen als Schlüsselmoment
Das größte Investitionsrisiko in Argentinien ist politischer Natur. Milei verfügt nur über 15 Prozent der Parlamentssitze. Die Opposition blockiert Reformen und versucht, den Haushalt durch Ausgabenerhöhungen für Renten und Bildung zu destabilisieren. Mileis Veto kann mit Zweidrittelmehrheit gekippt werden.
Die Wahlen im September 2024 in der Provinz Buenos Aires und die Parlamentswahlen im Oktober werden entscheidend. Ein Wahlsieg würde Milei demokratische Legitimation für weitere Reformen geben und die parlamentarische Blockade aufbrechen. Bagus sieht in diesem Szenario erhebliches Wachstumspotenzial für argentinische Investments.
Übertragbarkeit auf Europa: Der Kulturkampf als Voraussetzung
Auf die Frage, ob libertäre Wirtschaftspolitik auch in Mitteleuropa umsetzbar wäre, antwortet Bagus eindeutig: Die Ideen funktionieren überall. Weniger Staat, weniger Regulierung, weniger Bürokratie führen zu Wirtschaftswachstum. Die Herausforderung liegt in der demokratischen Mehrheitsfindung.
Mileis Erfolg basiert auf einem jahrzehntelangen „Kulturkampf" der Ideen. Er stellte die moralische Überlegenheit der Linken infrage und argumentierte, der Kapitalismus sei das einzig gerechte System, weil er auf freiwilligem Tausch beruhe. Der Sozialismus hingegen baue auf Zwang auf.
Sein Narrativ: Der wahre Konflikt bestehe nicht zwischen Arm und Reich, sondern zwischen der „Politkaste" – Politiker, Bürokraten, staatsnahe Unternehmen, subventionierte Medien – und den hart arbeitenden Steuerzahlern. Wenn die Bevölkerung dieses Narrativ verstehe, werde politischer Wandel möglich.
Elementum und die Alternative zum Fiat-Geldsystem
Bagus ist auch Verwaltungsratspräsident der Elementum AG, die Gold und Silber in Schweizer Zollfreilagern im St. Gotthard-Massiv verwahrt. Kunden werden direkte Eigentümer physischer Edelmetalle, unabhängig vom Bankensystem. Diese Tätigkeit steht in direktem Zusammenhang mit seiner akademischen Kritik am staatlichen Geldsystem, die er in Büchern wie „Die Tragödie des Euro" ausgeführt hat.
Die Schweiz mit ihren 34 Prozent Staatsausgabenquote dient dabei als Kontrast zu Deutschland mit über 50 Prozent und Österreich mit fast 56 Prozent.
Die argentinische Equity-Story
Für Anleger bedeutet dies: Die argentinische Equity-Story hängt maßgeblich von Milei ab. Kann der Reformkurs abgesichert werden und weiteres Wachstumspotenzial erschlossen? Das politische Risiko bleibt der entscheidende Faktor bei der Bewertung argentinischer Investments.








