Oracle Aktie: Behutsam vorwärts
Oracle steckt aktuell in einer heiklen Übergangsphase: Auf der einen Seite rekorderfüllte Auftragsbücher und große KI-Pläne, auf der anderen Seite hoher Kapitalbedarf, juristische Risiken und ein angespanntes Chartbild. Genau dieser Spagat zwischen Zukunftsfantasie und finanzieller Belastung prägt derzeit die Stimmung rund um die Aktie. Wie stabil ist die Story, wenn Klagerisiken und Milliardeninvestitionen gleichzeitig auf die Bilanz drücken?
Klage wegen geheimer Schuldenpläne
Den stärksten Druckfaktor liefert derzeit eine neue Sammelklage von Anleihegläubigern. Angeführt vom Ohio Carpenters' Pension Fund wurde in New York eine Klage eingereicht, in der Oracle mangelnde Transparenz bei der Verschuldung vorgeworfen wird. Im Zentrum steht der Ausbau von KI-Infrastruktur.
Die Kläger argumentieren, Oracle habe Investoren nicht offengelegt, dass das Unternehmen weitere 38 Milliarden US-Dollar aufnehmen wolle, um Rechenzentren für OpenAI zu finanzieren. Brisant: Diese zusätzliche Verschuldung folgte nur sieben Wochen, nachdem Oracle im September 2025 bereits Anleihen im Volumen von 18 Milliarden US-Dollar platziert hatte.
Nach Ansicht der Kläger wurden dadurch Anleihepreise künstlich gestützt und das tatsächliche Verschuldungsniveau verschleiert. Diese Vorwürfe sorgen direkt für Verunsicherung im Markt und haben die jüngste Schwankungsbreite der Aktie spürbar erhöht.
Institutionelle Investoren ziehen sich teilweise zurück
Die Unsicherheit über Oracles Investitions- und Finanzierungsstrategie spiegelt sich auch im Verhalten großer Adressen wider – allerdings mit gegensätzlichen Tendenzen.
Kerusso Capital Management LLC hat im dritten Quartal seine Position deutlich reduziert und 11.446 Aktien verkauft, ein Rückgang um 40,6 %. Auch Wilmington Savings Fund Society FSB hat sein Engagement leicht um 3,6 % zurückgefahren.
Auf der anderen Seite nutzt Thames Capital Management LLC die niedrigeren Kurse zum Ausbau. Der Vermögensverwalter erhöhte seine Beteiligung um 31,2 % auf 16.340 Aktien. Die Lager sind damit klar getrennt: Ein Teil der Investoren fokussiert die kurzfristigen Bilanzrisiken, andere setzen gezielt auf die langfristige KI-Wachstumsstory.
Fundamentale Lage: Wachstum mit Nebenwirkungen
Operativ liefert Oracle ein zwiespältiges Bild: starkes Wachstum und hohe Planbarkeit – aber mit erheblichem Druck auf den freien Cashflow.
Im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 16,06 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 14,2 % im Jahresvergleich. Damit wurde die Analystenkonsensschätzung von 16,19 Milliarden US-Dollar knapp verfehlt. Beim Ergebnis pro Aktie überzeugte Oracle dagegen deutlich: 2,26 US-Dollar je Aktie lagen klar über den erwarteten 1,64 US-Dollar.
Der Preis für den aggressiven Vorstoß in KI-Infrastruktur ist allerdings hoch. Für das laufende Geschäftsjahr rechnet Oracle mit Investitionsausgaben (Capex) von rund 50 Milliarden US-Dollar. Diese enorme Ausweitung der Ausgaben hat den freien Cashflow tief ins Minus gedrückt; berichtet wird von einem Defizit zwischen 7,3 und 10 Milliarden US-Dollar.
Positiv sticht hingegen der Auftragsbestand hervor. Die sogenannten Remaining Performance Obligations (RPO), also vertraglich zugesicherte, aber noch nicht realisierte Umsätze, sind auf etwa 523 Milliarden US-Dollar gestiegen – ein Rekordwert. Getrieben wird dies vor allem durch den Ausbau von Oracle Cloud Infrastructure (OCI) und neue Großaufträge, etwa einen bestätigten Cloud-Vertrag mit dem britischen Verteidigungsministerium zur Modernisierung von KI-Anwendungen.
Wichtige Punkte im Überblick
- Rechtliches: Sammelklage von Anleihegläubigern wegen angeblich nicht offengelegter 38 Mrd. US-Dollar zusätzlicher Finanzierung kurz nach einer 18-Mrd.-US-Dollar-Anleihe.
- Institutionelle Ströme: Kerusso Capital reduziert seine Position um 40,6 %, Thames Capital erhöht um 31,2 %.
- Zahlen: Umsatz +14,2 % YoY auf 16,06 Mrd. US-Dollar, EPS 2,26 US-Dollar deutlich über Erwartung; freier Cashflow negativ wegen ~50 Mrd. US-Dollar Capex.
- Auftragsbestand: RPO auf Rekordniveau von rund 523 Mrd. US-Dollar.
- Neue Deals: Cloud-Vertrag mit dem britischen Verteidigungsministerium zur KI-Modernisierung.
Analystenziele und technisches Bild
Trotz der juristischen Belastungen bleiben viele Analysten grundsätzlich positiv gestimmt, differenzieren aber deutlich bei den Kurszielen.
- Jefferies sieht erhebliches Potenzial und bestätigt ein Kursziel von 400 US-Dollar.
- KeyBanc bleibt ebenfalls bei „Buy“ mit einem Ziel von 300 US-Dollar.
- UBS setzt die Latte bei 280 US-Dollar an.
- RBC Capital agiert vorsichtiger und stuft mit „Sector Perform“ ein, bei einem Kursziel von 195 US-Dollar.
Charttechnisch ist die Lage angespannt. Zuletzt wurde ein sogenanntes „Death Cross“ signalisiert – ein bärisches Muster, bei dem ein kurzfristiger gleitender Durchschnitt den langfristigen von oben nach unten schneidet. Am Markt für Optionen zeigt sich die Unsicherheit ebenfalls: Große Orders („Whale-Trades“) verteilen sich auf beide Seiten, mit etwa 30 % klar bärischen und 23 % bullischen Positionierungen, besonders konzentriert in der Spanne zwischen 175 und 300 US-Dollar.
Aktuell kostet die Aktie rund 189,85 US-Dollar und liegt damit spürbar unter ihrem 52‑Wochen‑Hoch, zugleich aber deutlich über dem Jahrestief. Auf 30‑Tage-Sicht steht zwar noch ein kräftiges Plus von gut 25 %, der RSI von 69,3 und eine annualisierte 30‑Tage-Volatilität von über 59 % unterstreichen jedoch die aufgeheizte und schwankungsanfällige Marktlage.
Fazit: Spannungsfeld zwischen KI-Fantasie und Bilanzrisiken
Unterm Strich steht Oracle zwischen zwei Polen: Ein Rekord-Auftragsbestand und starke EPS-Zahlen nähren die Hoffnung auf anhaltendes Wachstum im Cloud- und KI-Geschäft. Gleichzeitig belasten der enorme Capex-Bedarf, der negative freie Cashflow und die Sammelklage wegen mutmaßlich unzureichender Schuldentransparenz das Vertrauen in die Finanzstrategie.
Die weiteren Kursausschläge dürften sich in den kommenden Monaten vor allem daran entscheiden, wie sich das juristische Verfahren entwickelt, ob Oracle seinen hohen Investitionsplan ohne weitere Überraschungen durchfinanzieren kann und ob die prall gefüllte Pipeline wie geplant in profitable Umsätze umschlägt.
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