Oracle steht mitten in einem riesigen Wettenwechsel auf KI-Infrastruktur – doch ausgerechnet die Finanzierung dieser Expansion sorgt derzeit für Gegenwind an der Börse. Eine Milliarden-Anleiheklage, hohe Schulden und geopolitische Störfeuer treffen auf einen gigantischen Auftragsbestand und optimistische Analysten. Wie passt das zusammen?

Klage um Anleihen belastet Stimmung

Der wichtigste Auslöser der jüngsten Schwäche ist eine Sammelklage von Anleihegläubigern, die am 14. Januar in New York eingereicht wurde. Angeführt vom Ohio Carpenters' Pension Plan werfen die Kläger Oracle vor, bei einer Anleiheemission über 18 Milliarden Dollar im September 2025 unzureichend informiert zu haben.

Konkret geht es darum, dass Oracle nur sieben Wochen nach dieser Platzierung nochmals rund 38 Milliarden Dollar an Krediten aufnahm. Das Geld ist für neue Rechenzentren in Texas und Wisconsin vorgesehen, um einen fünfjährigen OpenAI-Vertrag im Volumen von 300 Milliarden Dollar zu bedienen.

Die Bondholder argumentieren, der Hinweis im Prospekt, man „könne“ zusätzliches Fremdkapital aufnehmen, sei irreführend gewesen, wenn in Wahrheit bereits konkrete Mehrfinanzierungen geplant gewesen seien. Neben Oracle selbst sind Executive Chairman Larry Ellison, Ex-CEO Safra Catz, die Chief Accounting Officer sowie 16 begleitende Banken als Beklagte genannt.

Die Folge: Anleger fokussieren sich stärker auf Oracles Verschuldung und mögliche Haftungsrisiken – und reduzieren Engagements im Aktienkurs.

Marktreaktion und Verschuldungsfrage

An der Börse hat sich der Druck der vergangenen Tage deutlich niedergeschlagen. Der Titel notiert aktuell bei 165,90 Euro und liegt damit rund 14 % unter dem Niveau von vor einer Woche. Damit entfernt sich die Aktie weiter von den gleitenden Durchschnitten und signalisiert kurzfristig eine angeschlagene technische Verfassung.

Im Hintergrund steht ein hoher Schuldenberg: Ende November 2025 summierten sich die Verbindlichkeiten auf etwa 108 Milliarden Dollar. Über 100 Milliarden Dollar davon sind direkt oder indirekt mit dem Aufbau der KI-Rechenzentren verknüpft. Diese aggressive Finanzierung überlagert derzeit selbst positive Faktoren wie den gewaltigen Cloud-Auftragsbestand von 523 Milliarden Dollar.

Kurz gesagt: Das Wachstum auf dem Papier ist enorm, aber die Bilanzstärke steht stärker unter Beobachtung.

Guggenheim bleibt klar optimistisch

Trotz des Kursrutsches hält Guggenheim-Analyst John DiFucci an einem sehr positiven Szenario fest. Er hat Oracle am 20. Januar zu seiner „Top-Idee“ für 2026 erklärt, das Kauf-Votum bestätigt und ein Kursziel von 400 Dollar ausgegeben – deutlich über dem aktuellen Niveau.

DiFucci sieht Oracle als „Dekaden-Aktie“, die sich zum führenden Anbieter von KI-Infrastruktur entwickeln könne. In seinem Modell vervielfacht sich der Umsatz fast: von geschätzten 67 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2026 auf 228 Milliarden Dollar bis 2030. Treiber soll vor allem das Cloud-Infrastrukturgeschäft rund um KI-Workloads sein.

Diese optimistische Sichtweise steht im Kontrast zur momentanen Marktstimmung, unterstreicht aber, wie groß das Potenzial eingeschätzt wird, falls Oracle seine KI-Strategie operativ umsetzt und gleichzeitig die Bilanzrisiken im Griff behält.

„Bring-Your-Own-Chip“ als Kostendämpfer

Ein Kernpunkt in DiFuccis Analyse ist das sogenannte „Bring-Your-Own-Chip“-Modell (BYOC). Statt sämtliche GPUs (Grafikprozessoren) selbst zu finanzieren, sollen Kunden ihre eigenen Chips in die Oracle Cloud Infrastructure einbringen.

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Laut Guggenheim könnte dieses Modell den tatsächlichen Kapitalbedarf auf unter 100 Milliarden Dollar drücken. Je nach Projekt könnten damit 45 bis 65 % der KI-bezogenen Investitionskosten entfallen, weil Oracle weniger Hardware vorfinanzieren muss.

Der Analyst argumentiert zudem, dass Kunden in diesem Modell nicht nur Rechenleistung „anmieten“, sondern konkret von technologischen Vorteilen der Oracle-Cloud profitieren. Sonst, so der Tenor, könnten diese Setups auch bei anderen Anbietern stattfinden.

Damit adressiert DiFucci direkt die größte Sorge vieler Investoren: dass die gigantischen KI-Investitionen außer Kontrolle geraten könnten.

Abhängigkeit von OpenAI

Gleichzeitig verweist Guggenheim auf eine deutliche Konzentration im Auftragsbuch. Rund 60 % der verbleibenden Leistungsverpflichtungen – etwa 315 Milliarden Dollar – entfallen auf OpenAI. Diese enge Bindung ist Chance und Risiko zugleich.

DiFucci ordnet sie eher als Bestätigung für Oracles Technologie ein: OpenAI greife in großem Stil auf Oracle-Infrastruktur zurück, weil sie aus Sicht des Kunden Vorteile biete. In Zahlen gefasst soll der OpenAI-bezogene Umsatz von geschätzten 3,6 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2026 auf 62,4 Milliarden Dollar im Jahr 2030 steigen.

Zur Finanzierung dieser Summe über die nächsten Jahre sieht der Analyst mehrere Wege: weitere Kapitalaufnahmen, ein mögliches IPO von OpenAI oder verstärkte Unterstützung durch Partner wie SoftBank. Klar ist: Bleibt der OpenAI-Deal intakt, hängt ein erheblicher Teil der Oracle-Wachstumsstory an diesem Kunden.

Geopolitik und Marktumfeld

Zusätzlich zum unternehmensspezifischen Druck kam zuletzt Gegenwind aus dem Makroumfeld. Spannungen zwischen den USA und der EU wegen politischer Streitpunkte rund um Grönland schüren Befürchtungen eines Handelskonflikts.

In der Folge haben viele Marktteilnehmer Risiko reduziert – vor allem bei global aufgestellten Technologiewerten. Oracle wird hier in einen breiteren Abverkauf hineingezogen, was die kursrelevanten Effekte der Anleiheklage und der Schuldenfrage verstärkt.

Fundamentaldaten weiter robust

Operativ zeigt sich Oracle dagegen bislang stabil. Im jüngsten Quartal, berichtet am 10. Dezember 2025, konnte der Konzern kräftig zulegen:

  • Umsatz: 16,1 Mrd. US-Dollar, +14 % gegenüber dem Vorjahr
  • Cloud-Umsatz: 8,0 Mrd. US-Dollar, +34 %
  • Cloud-Infrastruktur: 4,1 Mrd. US-Dollar, +68 %
  • Bereinigter Gewinn je Aktie: 2,26 US-Dollar, +54 %
  • Verbleibende Leistungsverpflichtungen: 523 Mrd. US-Dollar, +438 %

Die operative Marge liegt bei 32 %, über die letzten zwölf Monate flossen 21,5 Milliarden Dollar an operativem Cashflow ins Unternehmen. Zudem hat der Vorstand eine Quartalsdividende von 0,50 Dollar je Aktie beschlossen, zahlbar am 23. Januar 2026.

Damit stehen einem angeschlagenen Kursbild sehr starke Fundamentaldaten gegenüber – ein Spannungsfeld, das für den weiteren Kursverlauf zentral bleibt.

Ausblick: Wichtige Wegmarken bis März

Der nächste größere Test folgt mit den Zahlen zum dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026, die im März erwartet werden. Analysten rechnen derzeit mit einem Gewinn je Aktie von 1,71 Dollar bei Erlösen von 16,9 Milliarden Dollar für das bis Februar laufende Quartal.

Das Konsensrating liegt bei „Moderate Buy“, der mittlere Analysten-Kurszielwert um 292 Dollar signalisiert deutliches Aufwärtspotenzial gegenüber dem aktuellen Niveau. Die Spanne der Schätzungen – von 175 bis 400 Dollar – macht aber klar, wie unterschiedlich die Erfolgschancen von Oracles KI-Offensive eingeschätzt werden.

Kurzfristig werden Anleger vor allem drei Punkte im Blick behalten: den Fortschritt beim Bau der neuen Rechenzentren, die Geschwindigkeit, mit der der riesige Auftragsbestand in tatsächlichen Umsatz umschlägt, und jede neue Entwicklung in der Anleiheklage. Wie diese drei Faktoren sich bis zum März-Termin darstellen, dürfte entscheidend sein, ob die aktuelle Schwächephase als Übertreibung nach unten oder als Warnsignal in die Geschichte der Oracle-Aktie eingeht.

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