In der Jubiläumsausgabe des D&D Research Rendezvous analysiert Gunter Deuber gemeinsam mit Christian Drastil die dramatischen Entwicklungen an den Finanzmärkten nach dem Ausbruch des Irankonflikts. Der erfahrene Researcher ordnet die Geschehnisse ein und warnt vor den Risiken für die europäische Wirtschaftsentwicklung.

Kühler Kopf in turbulenten Zeiten

Die erste Märzwoche 2026 hat die Anleger durchgeschüttelt. Der ATX verlor rund 5 Prozent, international fielen die Verluste noch deutlicher aus. Doch Gunter Deuber, seit den frühen 2000er Jahren als Analyst tätig und erfahren in der Bewältigung von Wirtschafts- und Finanzkrisen, mahnt zur Besonnenheit. „Es ist immer wichtig, erst mal einen kühlen Kopf zu bewahren und dann relevante Zahlen, Übertragungskanäle und damit Risikoparameter abzuschätzen", betont er.

Dieser Artikel ist eine Added Value Version zu den Key-Insights einer Podcastfolge von audio-cd.at, aufgewertet durch Archivbausteine. Die hier veröffentlichten Gedanken/Schlüsse sind weder als Empfehlung noch als ein Angebot oder eine Aufforderung zum An- oder Verkauf von Finanzinstrumenten zu verstehen und sollen auch nicht so verstanden werden. Der Handel mit Finanzprodukten unterliegt einem Risiko. Sie können Ihr eingesetztes Kapital verlieren.

Die fundamentale Einordnung fällt dabei überraschend nüchtern aus: Der Iran sei für das globale Finanzsystem, abseits der Energiefrage, ein „Non-Event". Die internationalen Bankenexposures gegenüber dem Iran seien von ehemals zwei bis fünf Milliarden auf lediglich 800 Millionen Dollar geschrumpft. Selbst Russland war vor der Ukraine-Invasion stärker in das globale Finanzsystem integriert, wobei auch Russland für die globale Kapitalmarktszene nicht viel mehr als ein Griechenland gewesen sei.

Der Ölmarkt reagiert rationaler als erwartet

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Entwicklung am Energiemarkt. In einem eigentlich überversorgten Markt, der normalerweise Preise um 55 bis 56 Dollar je Barrel erwarten ließe, hat sich eine Risikoprämie von fast 35 US-Dollar aufgebaut. Die explizite Risikoprämie beziffert Deuber auf 15 bis 20 Dollar. Sollte es in der kommenden Woche nicht zu einer weiteren Eskalation kommen, erwartet er eine Stabilisierung dieser Prämie zusammen mit einer physischen Knappheitsprämie.

Der Analyst warnt jedoch davor, den Fokus zu stark auf die Straße von Hormus zu legen. Entscheidender sei, wie die Produktion weiterläuft, wie lange Lager aufgebaut werden können und wann das Gleichgewicht wirklich gefährlich wird. Ein wichtiger Unterschied zur russischen Ukraine-Invasion: Seitdem habe erhebliche Diversifikation stattgefunden, und es befinde sich derzeit viel sanktioniertes Öl auf den Weltmärkten, das noch genutzt werden könne. Die USA legten hier offenbar einen pragmatischen Ansatz an den Tag.

Asymmetrische Risiken im Blick behalten

Trotz der grundsätzlich rationalen Marktreaktion bleiben Risikofaktoren bestehen. Deuber hebt besonders die Möglichkeit asymmetrischer Kriegsführung hervor. Sollte etwas gegen Finanzzentren passieren, sei es in der westlichen Welt oder am Golf, könnte es problematisch werden. Die Golf-Finanzzentren hätten mittlerweile global die Hälfte der Bedeutung von Singapur oder Hongkong erreicht – ein Aspekt, der seiner Einschätzung nach unterschätzt werde.

Die Marktbewegungen selbst stuft der Experte als normal für solche Ereignisse ein. Bemerkenswert: Die amerikanischen Märkte hätten durch KI-Themen größere Ausschläge erlebt als durch den aktuellen Konflikt. Globale Kapitalmarktverspannungen im Bereich Liquidität oder an den Anleihemärkten seien nicht zu beobachten gewesen. Zwar war der koreanische Aktienmarkt kurzzeitig geschlossen, doch dies sei auf typisches Profit-Taking nach starker Performance zurückzuführen.

Stagflationsszenario light für Europa

Die makroökonomischen Auswirkungen hängen stark vom weiteren Verlauf ab. Sollte in den nächsten zwei bis drei Wochen eine Stabilisierung eintreten, wären die Effekte überschaubar. Andernfalls droht ein „Stagflationsszenario light" – eine gewisse Wiederholung der Situation von 2022/2023, allerdings auf niedrigeren Niveaus.

Konkret könnte das Wirtschaftswachstum in Europa und Österreich auf 0,5 bis 0,7 Prozent fallen, sowohl dieses als auch nächstes Jahr. Die Inflation würde erkennbar ansteigen, wahrscheinlich auf 2,0 bis 2,7 Prozent im Jahresschnitt, zeitweise über 3 Prozent. Interessanterweise könnte Österreich auf der Inflationsseite weniger stark betroffen sein, da Energie im heimischen Warenkorb ein geringeres Gewicht hat als in der Eurozone und die Preissteigerungen 2021 auf 2022 teurer waren als aktuell.

Entscheidend für das globale Kapitalmarktsentiment: In den USA sieht Deuber derzeit kein Stagflationsszenario aus dieser Tangente heraus. Die US-Wirtschaft verfüge über eine starke Binnenwirtschaft. Nur der Jom-Kippur-Krieg habe historisch einen Absturz der US-Wirtschaft durch Energiethemen ausgelöst – damals war sie jedoch bereits durch den Vietnamkrieg geschwächt.

Europas Sonderkonjunktur in Gefahr

Was für europäische Anleger besonders relevant ist: Die erhoffte Sonderkonjunktur in Europa und Deutschland Richtung 2027 steht auf dem Spiel. Diese Story war das Basisszenario für die weitere Outperformance europäischer Aktien im kommenden Jahr. Die ersten Anzeichen hätten bereits heuer sichtbar werden müssen. „Das ist at risk", konstatiert Deuber unmissverständlich.

Für eine gute Performance der europäischen Börsen hätte ab dem zweiten Halbjahr 2026 eine Bestätigung kommen müssen, dass das Wachstum Richtung 2027 anzieht. Diese Aussicht ist nun gefährdet, damit auch die Reallokation internationaler Investoren Richtung Europa. Die hohen Volumen an den Börsen und die Dollarstärke spiegeln diese Entwicklung bereits wider.

ATX zeigt relative Stärke

Im internationalen Vergleich schlägt sich der österreichische Aktienmarkt bemerkenswert gut. Year-to-date liegt der ATX nahe der schwarzen Null, während Europa bereits im Minus notiert. Die Woche war nicht deutlich schlechter als bei DAX oder Euro Stoxx. Deuber beobachtet häufiger, dass der ATX in Abverkaufsphasen stabiler ist.

Besonders die heimischen Energiewerte performten stark – interessanterweise im Gegensatz zu den Energiewerten im DAX. Auch Rheinmetall habe nicht wirklich gut performt; dieses Thema sei bereits zu stark gespielt worden. Belastend wirkten hingegen Industrie- und Bauwerte sowie Banken. Die Bankenschwäche sieht Deuber jedoch eher als Profit-Taking denn als fundamental gerechtfertigt. Ein Stagflationsszenario mit moderatem Wirtschaftswachstum, erhöhter Inflation und möglichen Zinserhöhungen sei für Financials gar nicht so schlecht.

Anleihen als Safe Haven zunehmend in Frage gestellt

Die Reaktion an den Anleihemärkten war aufschlussreich. Der klassische Flight to Safety bei Staatsanleihen war nur ein kurzer Zuckung in den allerersten Minuten. Danach stiegen die Renditen relativ schnell. Viele Investoren haben die Muster der letzten Stagflationskrise in Europa noch im Gedächtnis: Anleihen mit längerer Laufzeit sind in solchen Szenarien kein guter Hedge. Die klassische negative Korrelation zwischen Aktien und Anleihen funktioniert dann nicht.

In einem Stagflationsszenario müsse man sich möglicherweise über etwas weniger Zinssenkungen in Amerika unterhalten, aber über Zinserhöhungen der EZB um 50 oder 100 Basispunkte. Das würde die Anleihenrenditen am langen Ende in Europa erkennbar über 3 Prozent führen. Kurze Laufzeiten machten weiterhin Sinn, lange jedoch nicht.

Bemerkenswert: Investment-Grade-Anleihen in Europa zeigten kaum Reaktion. Der klassische Shift aus Unternehmensanleihen in Staatsanleihen macht in diesem Szenario keinen Sinn mehr. Staatsanleihen sind aus fundamentalen Gründen nicht mehr das gute Safe-Haven-Asset. Es werde immer schwieriger, überhaupt noch Safe-Haven-Assets zu finden – Dollar und Gold zeigten jedoch ihre anhaltende Relevanz.

Ausblick: Was die kommende Woche entscheidet

Für die kommenden Tage identifiziert Deuber mehrere kritische Beobachtungspunkte: Gelingt es dem Iran, substanzielle Aktionen asymmetrischer Kriegsführung gegen Finanz- oder Energieinfrastruktur durchzusetzen? Können Signale gesetzt werden, dass westliche Schiffe die Straße von Hormuz in beide Richtungen befahren können? Wie entwickeln sich die Inflationserwartungen am Finanzmarkt in Europa?

Die 100-Dollar-Marke beim Öl sieht der Analyst weniger kritisch als viele andere. Wichtiger sei die Frage, ob es gelingt, die Straße von Hormus in Teilbereichen befahrbar zu halten. Sollten die Inflationserwartungen schneller steigen als 2022, wäre eine schnellere Reaktion der Notenbanken nötig.

Hinsichtlich einer politischen Lösung bleibt Deuber vorsichtig optimistisch: Die USA seien eher an einer raschen Lösung interessiert. Wenn es Trump gelinge, einen Erfolg zu verkaufen und damit seine Präsidentschaft mit einem längerfristigen Erbe zu versehen, könnte ihm das wichtiger sein als mögliche rationale oder irrationale Kriegsziele. Die Iran-Frage sei in den USA ein Thema über Generationen.

Der aktuelle Konflikt ordne sich in einen größeren Trend ein: In der zweiten Präsidentschaft von Donald Trump positionierten sich die USA klar im geopolitischen Wettbewerb – Venezuela, der Panamakanal und nun der Iran seien zentrale Bausteine. Die volle Einordnung dieser Entwicklungen werde erst in einigen Jahren möglich sein.