Evonik Aktie: Methionin belastet
Evonik gerät erneut in den Fokus der Skeptiker: Berenberg stuft die Aktie auf „Sell“ ab und senkt das Kursziel deutlich. Im Zentrum steht das Methionin-Geschäft, das nach Ansicht der Analysten vor einem strukturellen Margenproblem steht – getrieben vor allem durch massive Kapazitätsausbauten in China. Wie stark könnte dieser Druck den Spezialchemiekonzern in den nächsten Jahren tatsächlich treffen?
Berenberg senkt Kursziel und Prognosen
Die Hamburger Privatbank verbindet die Rating-Abstufung mit einem klaren Schnitt bei den Ergebniserwartungen. Vor allem ab 2026 sehen die Analysten geringere Ertragskraft als der Markt:
- Neues Rating: „Sell“
- Neues Kursziel: 11,60 € (zuvor 14,60 €)
- EBITDA 2026: 1,79 Mrd. € (rund 5 % unter Konsens)
- EBITDA 2027: 1,77 Mrd. € (rund 10 % unter Konsens)
- EPS 2026: 1,07 € (Kürzung um 5,2 %)
- EPS 2027: 1,04 € (Kürzung um 19,7 %)
Basis der Neubewertung ist unter anderem das KI-gestützte Analysetool „ChemCast“ von Berenberg. Es signalisiert überwiegend negative Tendenzen bei Preisen und Volumina: Sieben der zehn wichtigsten Preisindikatoren seien im jüngsten Monat ins Negative gedreht.
An der Börse spiegelt sich die Skepsis bereits länger wider. Der Kurs liegt heute bei 13,25 € nur knapp über dem 52‑Wochen-Tief von 12,83 € und rund 40 % unter dem Hoch von 22,26 €. Die Aktie hat damit in den vergangenen zwölf Monaten deutlich an Wert verloren.
Methionin unter strukturellem Druck
Der kritischste Punkt in der Analyse ist das Methionin-Geschäft, ein zentrales Produkt im Segment Tierernährung. Berenberg erwartet, dass Methionin bis etwa 2030 in die Kategorie strukturell margenschwacher Chemikalien abrutschen könnte.
Das Gewicht dieses Bereichs ist erheblich: Für 2024 schätzt Berenberg rund 300 Mio. € EBITDA aus Methionin. Die Umsätze in der Tierernährung sollen bei etwa 1,5 Mrd. € von insgesamt 1,9 Mrd. € im entsprechenden Segment gelegen haben. Fällt die Profitabilität hier dauerhaft zurück, würde das den Konzern spürbar treffen.
Der Hauptgrund: massive Überkapazitäten aus China. Bis Anfang der 2030er Jahre sollen dort zusätzliche Methionin-Kapazitäten von rund 1,5 Mio. Tonnen entstehen – ein Plus von mehr als 50 % gegenüber der aktuellen globalen Kapazität.
Selbst in einem Extremszenario, in dem China Sojaimporte vollständig stoppt, sieht Berenberg den jährlichen Methionin-Bedarf bei höchstens 1,7 Mio. Tonnen. Den geplanten chinesischen Kapazitäten von 2,3 Mio. Tonnen stünde damit ein Überschuss von etwa 0,6 Mio. Tonnen gegenüber. Das würde den Markt dauerhaft unter Preisdruck setzen.
Politische Agenda in China verstärkt den Trend
Die Kapazitätswelle ist kein Zufall, sondern Teil einer politischen Strategie. Bereits 2023 verabschiedete China einen „Dreijahresplan zur Reduzierung von Sojaschrot im Futter“. Daran knüpft der im April 2025 gestartete „Feed-Saving Action Plan“ des Landwirtschaftsministeriums an. Ziel: den Sojaanteil im Tierfutter bis 2030 von 13 % auf unter 10 % senken.
Weniger Soja im Futter bedeutet Anpassungen in der Nährstoffversorgung – und damit eine langfristig veränderte Nachfrage nach Futtermittelzusätzen wie Methionin. In Kombination mit den geplanten Kapazitäten ergibt sich aus Sicht von Berenberg ein Überangebot, das die Margen der Produzenten über Jahre belasten kann.
Deflationäre Tendenzen im Konzern
Die Herausforderungen beschränken sich nach Einschätzung der Analysten nicht nur auf Methionin. Nach kräftigen Preiserhöhungen von 10 % im Jahr 2021 und 18 % im Jahr 2022 drehte sich der Trend im Konzern insgesamt. 2023 und 2024 fielen die Preise jeweils um 2 %.
Berenberg rechnet damit, dass sich dieser deflationäre Impuls fortsetzt: 2026 und 2027 sollen die Preise im niedrigen einstelligen Prozentbereich weiter sinken. Damit könnte der Konzern erst am Anfang einer schrittweisen Rückabwicklung der Preissteigerungen aus den frühen 2020er Jahren stehen. Für die Margen bedeutet das anhaltenden Gegenwind, zumal die Aktie mit einem RSI von 15,8 technisch stark überverkauft wirkt, ohne dass sich fundamental eine schnelle Entspannung abzeichnet.
Forderung nach härteren Einschnitten
Auf Konzernebene erwartet Berenberg zunächst eher vorsichtige Reaktionen. Genannt werden inkrementelle Maßnahmen wie eine Reduzierung der Dividende und Verkäufe einzelner Geschäftsteile.
Die Analysten halten diese Schritte allerdings für nicht ausreichend, um die strukturellen Belastungen – insbesondere aus Methionin und dem allgemeinen Preisdruck – zu kompensieren. In ihrem Fazit gehen sie einen deutlichen Schritt weiter:
Nur ein radikalerer Ansatz, einschließlich größerer Dividendenkürzungen und möglicherweise einer Aufspaltung des Unternehmens, könne die erwarteten Gegenwinde angemessen adressieren. Damit stellen sie die aktuelle Konzernstruktur grundsätzlich infrage.
Insiderkauf setzt Kontrapunkt
Einen konträren Akzent zur pessimistischen Analystensicht setzt ein Vorgang aus dem Top-Management. Vorständin Dr. Claudine Mollenkopf erwarb am 17. Dezember Evonik-Aktien im Gegenwert von 96.068 € zu einem Kurs von 13,16 €.
Der Kauf in unmittelbarer Nähe zum aktuellen Kursniveau signalisiert persönliches Vertrauen in den langfristigen Wert des Unternehmens, auch wenn der Markt derzeit vor allem die strukturellen Risiken einpreist. Für die nächsten Quartale wird entscheidend sein, ob das Management eine überzeugende Antwort auf den Margendruck im Methionin-Geschäft und den konzernweiten Preistrend findet – oder ob sich die vorsichtige Sicht von Berenberg in den Zahlen verfestigt.
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