Liebe Leserinnen und Leser,

es gibt Wochenenden, an denen man das Gefühl hat, die finanzielle Weltkarte sei in zwei völlig fremde Planeten zerfallen. Wer gestern Abend auf die Schlussglocke an der Wall Street starrte, sah ein historisches Feuerwerk: Der Dow Jones hat erstmals in seiner Geschichte die Marke von 50.000 Punkten durchbrochen. Eine Zahl, die psychologisch so wuchtig wirkt wie die Erstbesteigung des Mount Everest.

Doch wer den Blick zurück über den Atlantik nach Deutschland wendet, sieht weniger Gipfelstürmer als vielmehr Kassenstürze. Während in New York die Sektkorken knallen und US-Präsident Trump bereits von der 100.000er-Marke fabuliert, präsentiert uns das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) die Rechnung für die verlorenen Jahre.

Es ist dieser brutale Spagat zwischen amerikanischem Exuberance-Rausch und europäischer Realitätsbewältigung, der dieses Wochenende prägt. Lassen Sie uns die Puzzlestücke zusammensetzen.

Der 50.000-Punkte-Hammer

Es war ein Freitag für die Geschichtsbücher. Der Dow Jones Industrial Average schloss bei 50.115,67 Punkten – ein Plus von rund 2,5 Prozent an nur einem einzigen Handelstag. Es ist der stärkste Tagesgewinn seit Mai vergangenen Jahres. Donald Trump ließ sich diese Steilvorlage natürlich nicht entgehen und reklamierte den Rekord umgehend als direkten Erfolg seiner Zollpolitik.

Doch schauen wir unter die Haube dieses Motors: Es ist nicht die klassische „Old Economy", die diesen Zug allein zieht. Es sind wieder die üblichen Verdächtigen der KI-Revolution, die den Takt vorgeben. Nvidia sprang um 7,8 Prozent, Broadcom um 7,1 Prozent. Der breiter gefasste S&P 500 nähert sich unaufhaltsam der 7.000er-Marke, und Gold kratzt mit 4.979 US-Dollar je Unze an der eigenen 5.000er-Schwelle.

Für den heimischen Anleger bleibt ein bitterer Beigeschmack: Der DAX konnte das Tempo am Freitag nicht mitgehen und verabschiedete sich mit einem leichten Minus bei rund 24.491 Punkten ins Wochenende. Die Korrelation zwischen Frankfurt und New York bröckelt zusehends, sobald Technologie den Taktstock übernimmt.

Amazons 200-Milliarden-Kater

Mitten in die New Yorker Party platzte jedoch Amazon – und sorgte für betretenes Schweigen bei den Buchhaltern. Wir hatten gestern bereits über die gigantische Summe gesprochen, die CEO Andy Jassy im Jahr 2026 investieren will: 200 Milliarden US-Dollar.

Die Quittung des Marktes folgte gestern auf dem Fuß: Die Aktie rutschte um bis zu 8 Prozent ab. Investoren fürchten, dass diese massiven Ausgaben – primär für KI-Infrastruktur, Chips und Robotik – den Free Cashflow kurzfristig pulverisieren. Um die Dimension einzuordnen: Das Investitionsvolumen übersteigt das Bruttoinlandsprodukt vieler kleinerer EU-Staaten.

Doch hier lohnt sich der zweite, analytische Blick. Analyst Brian Pitz von BMO Capital Markets warnt davor, die Strategie als bloße Geldverbrennung misszuverstehen. Das Cloud-Geschäft AWS wächst wieder mit dynamischen 24 Prozent, und die hauseigenen Graviton- und Trainium-Chips generieren bereits Milliardenumsätze. Amazon wettet hier nicht blind; der Konzern gießt das Fundament für die nächste Dekade. Für mutige Investoren, die an die Monetarisierung der KI glauben, könnte dieser Abverkauf eher eine Einstiegschance sein als ein Warnsignal.

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Die jüngsten Entwicklungen bei Amazon, NVIDIA und Broadcom zeigen deutlich: Der Chip-Markt erlebt gerade einen historischen Boom. In diesem kostenlosen Webinar wird analysiert, welche vier Chip-Aktien vom KI-Infrastruktur-Ausbau besonders profitieren könnten – darunter auch weniger bekannte Zulieferer der großen Player. Sie erfahren, warum Halbleiter als „neues Öl" gelten und welche konkreten Investmentchancen sich 2025 bieten. Kostenlose Chip-Aktien-Analyse ansehen

Krypto-Achterbahn und die MSTR-Anomalie

Wer Nervenkitzel suchte, musste in dieser Woche nicht ins Casino, sondern nur auf den Bitcoin-Chart schauen. Nach dem brutalen Absturz auf 60.000 US-Dollar, der gestern früh noch für Panik sorgte, kämpfte sich die Kryptowährung pünktlich zum Wochenende über die 70.000-Dollar-Marke zurück.

Die Volatilität forderte ihre Opfer: Rund eine Milliarde Dollar an gehebelten Positionen wurden liquidiert. Doch das eigentliche Spektakel liefert MicroStrategy (MSTR). Die Aktie der Firma von Michael Saylor, die im Grunde als gehebelter Bitcoin-ETF im Unternehmensmantel fungiert, schoss gestern um 25 Prozent nach oben.

Das Paradoxe daran: Das Unternehmen wies für das vierte Quartal einen Milliardenverlust aus, bedingt durch unrealisierte Bitcoin-Abschreibungen. Doch Saylor bleibt stur: Erst bei einem Bitcoin-Kurs von 8.000 Dollar müsste er verkaufen. Der gestrige Kurssprung zeigt, dass eine Wette auf den Bitcoin längst keine Nischenspekulation mehr ist, sondern ein integraler, wenn auch hochriskanter Bestandteil der modernen Finanzarchitektur geworden ist.

Die deutsche Billionen-Rechnung & ein Generationen-Mythos

Während die USA investieren, leckt Deutschland seine Wunden. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hat eine erschütternde Bilanz gezogen: Die Krisen seit 2020 – von der Pandemie über den Ukraine-Krieg bis zur Inflation – haben die deutsche Volkswirtschaft rund 940 Milliarden Euro an Wertschöpfung gekostet. Das sind fast eine Billion Euro, oder heruntergebrochen mehr als 20.000 Euro pro Erwerbstätigem.

Die Stimmung in der Metall- und Elektroindustrie ist laut Gesamtmetall „äußerst schlecht", man spricht offen vom zweiten Rezessionsjahr in Folge. Doch inmitten dieser Tristesse räumt Monika Schnitzer, die Chefin der „Wirtschaftsweisen", mit einem populären Vorurteil auf. In einem bemerkenswerten Interview stellte sie klar: Die „Gen Z" ist nicht faul. Im Gegenteil, die zwischen 1995 und 2010 Geborenen arbeiten oft mehr als vorherige Generationen, treten schneller in den Arbeitsmarkt ein und müssen dies auch tun, um sich das Leben leisten zu können. Vielleicht sollten wir aufhören, über die Jugend zu klagen, und anfangen, ihr bessere Rahmenbedingungen zu bieten.

Kurz notiert: Gewinner und Verlierer

  • Siemens Energy im Aufwind: Kommenden Dienstag (11.02.) stehen die Zahlen für das erste Quartal an. Die Erwartungen sind hoch (EPS-Schätzung 0,73 EUR), und die Aktie zeigte sich am Freitag mit über 3 Prozent Plus im DAX bereits in Vorfreude.
  • Dänischer Auftrag: Siemens (die Mutter) und Stadler können sich freuen – ein Milliardenauftrag der Dänischen Staatsbahnen sorgt für volle Auftragsbücher und Planungssicherheit.
  • Pharma-Crash: Ein gellendes Warnsignal kam von Novo Nordisk. Die Aktie stürzte massiv ab (zeitweise -20%), was eindrücklich zeigt, dass auch die absoluten Lieblinge der Börse nicht immun gegen Enttäuschungen sind.
  • Telekom: Die T-Aktie verlor leicht auf 30,39 Euro, bleibt aber mit einer soliden Dividendenperspektive ein Anker in stürmischen Zeiten.

Mein Fazit für Sie

Wir erleben eine Phase der extremen Divergenz. Die USA spielen „All-In" mit KI und Schulden, während Europa versucht, den Scherbenhaufen der letzten Jahre zu kitten. Für Ihr Depot bedeutet das: Lassen Sie sich nicht von der deutschen „German Angst" lähmen, aber lassen Sie sich auch nicht blind von der US-Euphorie anstecken. Diversifikation – geografisch und technologisch – bleibt der einzige „Free Lunch" an der Börse.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes und einen klaren Kopf für die kommende Handelswoche.

Herzlichst,

Ihr

Eduard Altmann