Liebe Leserinnen und Leser,

als die Börsenglocke in New York gestern schloss, war eines klar: Die globale Tech-Landschaft wird neu vermessen. Während Intel mit seiner EMIB-T-Technologie TSMC im Rennen um die lukrativsten KI-Chip-Aufträge herausfordert, verschiebt sich parallel die geopolitische Handelsordnung. Indien sichert sich nicht nur einen 500-Milliarden-Dollar-Deal mit den USA, sondern gleichzeitig auch privilegierten EU-Zugang – eine Doppelstrategie, die Chinas Position weiter schwächt. Und mittendrin: CoreWeave-Insider, die Millionen-Pakete ihrer Aktien abstoßen, während das Unternehmen auf seinen ersten Quartalsbericht als Börsenkonzern zusteuert. Was verbindet diese drei Geschichten? Sie alle zeigen, wie schnell sich Machtverhältnisse verschieben können – in der Chipindustrie, im Welthandel und an den Kapitalmärkten.

Intel fordert TSMC heraus – und könnte gewinnen

Jahrelang galt TSMCs CoWoS-Technologie als unangefochtener Standard für die Verpackung hochkomplexer KI-Chips. Doch Intel schickt sich an, diese Dominanz zu brechen. Mit seiner EMIB-T-Technologie bietet der Chipriese eine Alternative, die nicht nur technisch mithalten kann, sondern in entscheidenden Punkten sogar überlegen sein könnte.

Der Clou: Während TSMC bei CoWoS auf runde Wafer als Träger setzt, nutzt Intel rechteckige Substrate. Das klingt nach technischem Detail, hat aber handfeste Konsequenzen. Bei größeren Chips bleibt auf TSMCs runden Wafern zunehmend ungenutzter Platz an den Rändern – Material, das bezahlt, aber verschwendet wird. Intel umgeht dieses Problem und kann laut Analysten von Bernstein die Kosten pro Chip auf "ein paar hundert Dollar" drücken – verglichen mit 900 bis 1.000 Dollar bei CoWoS für einen vergleichbaren KI-Prozessor der Rubin-Klasse.

Noch gewichtiger könnte ein anderer Faktor sein: Intel kann in den USA fertigen. Mit Produktionsstätten in New Mexico, geplanten Kapazitäten in Arizona und etablierten Prozessen beim Partner Amkor in Südkorea bietet Intel Kunden eine Alternative zur Taiwan-Abhängigkeit. Für Google und Meta, die beide EMIB-T für künftige Chips evaluieren, dürfte diese geografische Diversifikation mehr wert sein als jede Kostenersparnis.

Die Kehrseite: Intel muss erst beweisen, dass die Technologie auch im großen Maßstab funktioniert. Das Einbetten von Siliziumbrücken in organische Substrate ist anspruchsvoll – Materialunterschiede und mechanische Spannungen können die Ausbeute drücken. Scheitert ein Chip, gehen teure Logik-Dies und Hochleistungsspeicher verloren. Bernstein sieht darin das größte Risiko für Intels Ambitionen.

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Indien spielt auf zwei Hochzeiten – und macht alles richtig

Während Intel und TSMC um Marktanteile ringen, hat Indien diese Woche gleich zwei Handelsdurchbrüche erzielt, die das Land als Gewinner der neuen Weltordnung positionieren. Erst unterzeichnete Neu-Delhi ein Freihandelsabkommen mit der EU, das 97 Prozent aller Zolltariflinien abdeckt – Ökonomen sprechen bereits vom "mother of all deals". Nur Tage später folgte ein Rahmenabkommen mit den USA, das indische Exporte mit einem pauschalen 18-Prozent-Zoll belegt – deutlich unter den 50 Prozent, die Donald Trump ursprünglich verhängt hatte.

Das EU-Abkommen ist dabei der strategisch bedeutendere Schachzug. Die Union nimmt bereits 17 Prozent aller indischen Exporte ab, nur knapp hinter den USA mit 21 Prozent. Entscheidend: Die Produktmixe für beide Märkte ähneln sich stark. Sollten US-Zölle dauerhaft hoch bleiben, kann Indien seine Lieferketten einfach nach Europa umlenken, ohne die Produktion umstellen zu müssen. Besonders arbeitsintensive Sektoren wie Textilien, Leder, Meeresprodukte und Schmuck – zusammen rund zwei Prozent des indischen BIP – profitieren von wegfallenden EU-Barrieren. Hier konkurriert Indien direkt mit China, Bangladesch und Vietnam.

Das US-Abkommen hingegen sichert Indien Zugang zu einem 30-Billionen-Dollar-Markt und verpflichtet Neu-Delhi zu Käufen amerikanischer Waren im Wert von 500 Milliarden Dollar über fünf Jahre – darunter Öl, Gas, Flugzeuge und KI-Chips. Der Preis dafür: Indien muss russisches Öl meiden und Agrar- sowie Technologiemärkte öffnen. Doch sensible Bereiche wie Landwirtschaft und Milchprodukte bleiben geschützt – ein Zugeständnis, das Handelsminister Piyush Goyal als Sieg für indische Bauern verkauft.

Die Opposition sieht das anders. Die Kongresspartei wirft der Regierung vor, nationale Interessen den USA geopfert zu haben. Doch aus Anlegersicht zählt: Indien hat sich innerhalb weniger Tage als bevorzugter Partner sowohl der USA als auch Europas etabliert – während China zunehmend isoliert wird.

CoreWeave-Insider drücken auf den Verkaufsknopf

Während Intel um Marktanteile kämpft und Indien Handelserfolge feiert, sorgt CoreWeave für Stirnrunzeln. Brian Venturo, Direktor und Chief Strategy Officer des KI-Cloud-Anbieters, hat am 4. Februar über seine Beteiligungsgesellschaft West Clay Capital 281.250 Aktien verkauft – im Rahmen eines bereits im Mai 2025 aufgesetzten Handelsplans nach Regel 10b5-1. Der Erlös: 23,9 Millionen Dollar bei Preisen zwischen 81,77 und 91,67 Dollar. Einen Tag später folgte Senior Vice President Goldberg Chen mit dem Verkauf von 17.985 Aktien für 1,43 Millionen Dollar.

Solche Insider-Verkäufe sind per se kein Alarmsignal – Führungskräfte diversifizieren regelmäßig ihr Vermögen. Doch das Timing gibt zu denken. CoreWeave legt am 26. Februar seinen ersten vollständigen Quartalsbericht als börsennotiertes Unternehmen vor. Die Erwartungen sind hoch: Analysten rechnen mit weiterem Umsatzwachstum, angetrieben durch die Partnerschaft mit Nvidia, das kürzlich zwei Milliarden Dollar in CoreWeave investierte und seinen Anteil auf neun Prozent erhöhte.

Doch die Analysten sind gespalten. Während Deutsche Bank das Kursziel auf 140 Dollar angehoben hat und von einem "soliden mittelfristigen Ausblick" spricht, warnt HSBC vor steigenden Zinskosten und hat das Kursziel auf 41 Dollar gesenkt. Die Aktie selbst notiert aktuell bei knapp 90 Dollar – 13 Prozent über Chens Verkaufspreis, aber weit entfernt von den Höchstständen.

Was Anleger wissen sollten: CoreWeave verbrennt weiterhin Geld, während es massiv in Rechenzentren investiert. Das Unternehmen plant, bis 2030 mehr als fünf Gigawatt Kapazität aufzubauen. Ob sich diese Wette auszahlt, wird der Quartalsbericht zeigen. Dass Insider ausgerechnet jetzt verkaufen – wenn auch im Rahmen vorher festgelegter Pläne – sendet zumindest ein ambivalentes Signal.

Was die Woche bringt

Die kommenden Tage dürften weitere Klarheit bringen. Am 9. Februar legt ON Semiconductor Zahlen vor, gefolgt von Robinhood am 10. Februar. Besonders spannend wird es am 12. Februar, wenn gleich drei Unternehmen berichten: Rivian, Coinbase und Airbnb. Alle drei gelten als Seismographen ihrer jeweiligen Märkte – E-Mobilität, Krypto und Reise.

Doch der eigentliche Höhepunkt steht erst Ende des Monats an: Am 25. Februar öffnet Nvidia seine Bücher. Nach dem jüngsten Kursrückgang und den Diskussionen über Bewertungen wird dieser Bericht zeigen, ob die KI-Rallye Substanz hat – oder ob die Erwartungen bereits zu hoch geschraubt sind. Einen Tag später, am 26. Februar, folgt dann CoreWeave. Spätestens dann werden wir wissen, ob die Insider-Verkäufe Zufall waren – oder weitsichtig.

Bis dahin bleibt die Erkenntnis: In einer Welt, in der Chipfertigung zum geopolitischen Faktor wird und Handelsabkommen über Nacht neu verhandelt werden, zählt vor allem eines – Flexibilität. Intel zeigt sie technologisch, Indien diplomatisch. Ob CoreWeave sie operativ beweisen kann, steht auf einem anderen Blatt.

Einen erfolgreichen Start ins Wochenende wünscht Ihnen

Andreas Sommer