Trumps juristisches Waterloo, der Telekom-Turbo und das Frankfurter Aufatmen
Liebe Leserinnen und Leser,
manchmal schreibt die Börse ihre eigenen Drehbücher – und ignoriert dabei souverän die Logik. Am Freitag erklärte das höchste Gericht der Vereinigten Staaten die zentrale wirtschaftspolitische Waffe des Präsidenten für verfassungswidrig. Ein institutioneller Erdstoß, der Chaos hätte stiften müssen. Doch was tat die Wall Street? Sie zuckte mit den Schultern und notierte freundlich. Und der DAX? Er verabschiedete sich mit einem Sprung über 25.200 Punkte ins Wochenende.
Das Urteil des Supreme Court gegen Donald Trumps Zollpolitik ist eine Zäsur, die weit über Washington hinausreicht. Doch während Juristen noch Urteilsbegründungen wälzen, haben die Händler längst die nächste Volte des Präsidenten eingepreist.
Lassen Sie uns die Ereignisse sortieren.
Das Zoll-Karussell: Ein Sieg für den Rechtsstaat, ein Fragezeichen für die Wirtschaft
Es war ein Paukenschlag aus Washington. Mit 6 zu 3 Stimmen erklärten die Obersten Richter Trumps aggressive Zollpolitik, die sich auf den International Emergency Economic Powers Act stützte, für ungültig. Der Präsident habe seine Kompetenzen überschritten – eine Ohrfeige für das Weiße Haus.
Für die deutsche Exportwirtschaft, die seit Monaten unter dem Damoklesschwert des US-Protektionismus litt, zunächst eine grandiose Nachricht. Bernd Lange, Vorsitzender des Handelsausschusses im EU-Parlament, brachte heute Morgen im Deutschlandfunk eine Zahl ins Spiel, die aufhorchen lässt: Allein deutsche Unternehmen könnten Anspruch auf Rückzahlungen in Höhe von bis zu 100 Milliarden Euro haben.
Doch Vorsicht vor verfrühter Euphorie. Donald Trump wäre nicht Donald Trump, wenn er klein beigäbe. Noch während die Tinte unter dem Urteil trocknete, kündigte das Weiße Haus einen neuen Plan an: Ein pauschaler Zoll von 10 Prozent auf weltweite Importe, gestützt auf „Section 122" und befristet auf 150 Tage.
Die Märkte interpretieren das Urteil als Beweis dafür, dass die Checks and Balances auch in Trumps zweiter Amtszeit funktionieren. Das senkt die Risikoprämie für willkürliche politische Eingriffe. Dass Pharmazeutika und Autos – das Herzstück des deutschen Exports – vorerst von den neuen Zöllen ausgenommen sein sollen, war der eigentliche Treibstoff für den DAX-Schlussspurt auf 25.238 Punkte.
Die T-Aktie: Ein schlafender Riese erwacht
Während der Gesamtmarkt von der Geopolitik getrieben wird, spielt sich bei der Deutschen Telekom eine bemerkenswerte Sonderkonjunktur ab. Die „Volksaktie", oft als langweiliger Dividendenbringer belächelt, hat den Turbo gezündet. Am Freitag schloss das Papier bei 32,66 Euro.
Der Treiber sitzt in Bellevue, Washington. T-Mobile US lieferte starke Zahlen: 261.000 neue Vertragskunden und ein Umsatzsprung von 12 Prozent. Das ist der Motor, der den Bonner Tanker zieht.
Analysten überschlagen sich förmlich. Deutsche Bank Research sieht das Kursziel bei 42 Euro – ein Niveau, das wir seit den Zeiten der New-Economy-Blase nicht mehr gesehen haben. Nur dass es diesmal fundamental unterfüttert ist. Von ihrem Januartief bei 26 Euro hat sich die Aktie um satte 25 Prozent erholt.
Die Telekom ist der Beweis, dass in einem unsicheren Umfeld defensive Wachstumswerte mit starkem Cashflow gefragt sind. Wer hier investiert ist, profitiert vom starken Dollar, ohne die vollen politischen Risiken direkter US-Engagements tragen zu müssen.
Personal-Poker in Frankfurt: Geht Lagarde?
Abseits der Kurstafeln brodelt es in der europäischen Geldpolitik. Gerüchte über einen vorzeitigen Rücktritt von EZB-Präsidentin Christine Lagarde halten sich hartnäckig – auch wenn sie gegenüber dem Wall Street Journal dementierte und betonte, ihre Amtszeit bis Oktober 2027 erfüllen zu wollen.
Doch wo Rauch aufsteigt, ist in Brüssel und Frankfurt meist auch Feuer. Der Spiegel berichtete, ein solcher Schritt könnte taktischer Natur sein, um dem scheidenden Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz noch Einfluss auf die Nachfolge zu sichern.
Für die Märkte ist diese Personalie brisant. Ein Wechsel an der EZB-Spitze, während die Inflation in Deutschland wieder auf 2,1 Prozent klettert und die US-Konjunkturdaten mit einem BIP-Wachstum von nur 1,4 Prozent auf Abkühlung hindeuten, würde neue Unsicherheit schaffen. Die Namen Klaas Knot aus den Niederlanden und Pablo Hernández de Cos aus Spanien kursieren bereits als potenzielle Nachfolger.
Krypto: Zwischen Angst und Akkumulation
Ein Blick auf die digitalen Assets offenbart eine faszinierende Divergenz. Bitcoin pendelt um die Marke von 70.000 US-Dollar – ein deutlicher Rücksetzer vom Allzeithoch jenseits der 126.000 Dollar im vergangenen Herbst. Der Fear & Greed Index zeigt „Extreme Angst".
Erinnern Sie sich an unsere Analyse von Mittwoch? Die Umverteilung von zittrigen Händen zu kapitalstarken Adressen setzt sich fort. Während die Aktienmärkte auf ein Soft Landing der Wirtschaft wetten, preisen Krypto-Anleger offenbar härtere Zeiten ein. Die großen Zuflüsse zu Binance deuten darauf hin, dass Großanleger bereitstehen, bei Stärke zu verkaufen.
Was die neue Woche bringt
Der DAX hat die 25.000er-Marke zurückerobert – ein wichtiges technisches Signal. Doch die geopolitischen Risiken bleiben virulent. Die Spannungen zwischen den USA und dem Iran sowie die Situation in der Ukraine, wo inzwischen sogar Telegram für russische Soldaten verboten wurde, mahnen zur Vorsicht.
Besonders im Fokus: die Reaktion der deutschen Automobilindustrie auf die neuen US-Zollpläne. Wenn die angekündigten Ausnahmen für Fahrzeuge Bestand haben, könnte der zuletzt angeschlagene Sektor – VW plant 20 Prozent Kostensenkung – zu einer Erholungsrallye ansetzen.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes und eine glückliche Hand bei Ihren Entscheidungen.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann








