Supreme Court, Bilanzflut & Gold-Explosion: Wenn Rechtsprechung Märkte neu ordnet
Liebe Leserinnen und Leser,
6 zu 3 – mit dieser Mehrheit hat der Supreme Court gestern Präsident Trumps globale Zölle gekippt und damit ein rechtliches Erdbeben ausgelöst, das weit über Washington hinaus Wellen schlägt. Während US-Aktien zunächst aufatmeten und Alphabet, Amazon sowie Apple deutlich zulegten, warnen europäische Industrieverbände bereits vor einer „neuen Runde der Unsicherheit". Denn Trump kündigte umgehend neue 10-Prozent-Zölle an – diesmal auf anderer Rechtsgrundlage. Gleichzeitig läuft die Bilanzsaison der Tech-Giganten auf Hochtouren, UBS setzt ein spektakuläres Kursziel für Gold, und im Kreditmarkt braut sich laut Deutscher Bank ein „historisches Klumpenrisiko" zusammen. Willkommen in einer Woche, in der Gerichte, Quartalszahlen und geopolitische Spannungen die Märkte in Atem halten.
Supreme Court kippt Trumps Zölle – doch die Erleichterung ist trügerisch
Die Entscheidung des obersten US-Gerichts kam überraschend eindeutig: Trumps Berufung auf das Notstandsgesetz IEEPA zur Verhängung von Zöllen war rechtswidrig. Selbst konservative Richter stimmten gegen den Präsidenten – Richter Neil Gorsuch formulierte es drastisch: Gesetze entstünden aus Kompromiss und Beratung, nicht aus „Tagesimpulsen eines einzelnen Mannes". Der S&P 500 kletterte daraufhin um 0,69 Prozent, die Nasdaq um 0,90 Prozent. Besonders stark profitierten Unternehmen, die unter den Zöllen gelitten hatten: Alphabet gewann 3,7 Prozent, Amazon 2,6 Prozent, Möbelhändler wie Wayfair und RH legten ebenfalls zu.
Doch die Freude währte kurz. Noch am selben Abend unterschrieb Trump eine neue Anordnung: 10 Prozent globale Zölle für zunächst 150 Tage – diesmal gestützt auf den Trade Act von 1974. Ob diese Rechtsgrundlage trägt, bezweifeln Experten bereits. Für längerfristige Zölle bräuchte Trump ohnehin die Zustimmung des Kongresses, die er bislang ablehnt. „Wir haben das Recht, so ziemlich alles zu tun, was wir wollen", verkündete der Präsident trotzig.
Für europäische Exporteure bedeutet das Urteil keine Entwarnung, sondern eine neue Dimension der Unsicherheit. Wolfgang Grosse Entrup vom deutschen Chemieverband VCI warnt: „Das ist nicht der Beginn einer Phase der Stabilität, sondern eine neue Runde der Unsicherheit." Italiens Weinverband UIV befürchtet einen „Bumerang-Effekt" mit eingefrorenen Bestellungen, während Händler auf Klarheit warten. Selbst das mühsam ausgehandelte Handelsabkommen zwischen EU und USA steht nun auf wackeligen Beinen – das Europaparlament berief für Montag eine Sondersitzung ein.
Offen bleibt auch die Frage der Erstattungen: Importeure könnten Anspruch auf bis zu 175 Milliarden Dollar haben – ein potenzielles Chaos, wie Richter Brett Kavanaugh anmerkte, zumal viele Kosten bereits an Verbraucher weitergegeben wurden. Trump zeigte sich irritiert, dass das Gericht hierzu keine Anordnung traf: „Ich schätze, das muss die nächsten zwei Jahre vor Gericht ausgetragen werden."
Bilanzsaison im Endspurt: Von Netflix bis Nvidia
Während die Zollfrage die Schlagzeilen dominiert, läuft im Hintergrund eine der dichtesten Bilanzsaisons der letzten Jahre. Die Liste der bereits vorgelegten Zahlen liest sich wie das Who's Who der Tech-Branche: Netflix enttäuschte trotz Umsatzsprung, Intel meldete mehr Umsatz aber weniger Gewinn, Tesla verzeichnete erstmals einen Jahresumsatzrückgang – die Aktie gewann dennoch, da die Gewinne besser ausfielen als befürchtet.
Microsoft vergrätzte Anleger mit massiven KI-Ausgaben, während Meta Platforms alle Erwartungen übertraf und ebenfalls milliardenschwere KI-Investitionen ankündigte. Apple begeisterte mit seiner Gewinnentwicklung, Amazon hingegen sackte ab – trotz Gewinn- und Umsatzplus drückten deutlich höhere Investitionen auf die Stimmung. Bei den Halbleitern zeigte sich ein gemischtes Bild: AMD legte gute Zahlen vor, konnte aber nicht überzeugen, während Super Micro Computer mit einem Gewinnsprung aufwartete.
Besonders spannend wird es in der kommenden Woche: Am 25. Februar legt Nvidia seine Quartalszahlen vor – ein Termin, den Anleger weltweit mit Anspannung erwarten. Die KI-Rallye der vergangenen Monate steht auf dem Prüfstand, nachdem Bedenken über hohe Bewertungen und begrenzte Beweise für nachhaltige Umsatz- und Gewinnsteigerungen durch KI-Investitionen die Tech-Werte zuletzt belastet hatten. Ebenfalls am 25. Februar berichten Salesforce, Snowflake, C3.ai und Zoom – allesamt Unternehmen, bei denen sich zeigen wird, ob sich die massiven KI-Ausgaben in echte Geschäftsergebnisse übersetzen lassen.
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Software-Sektor: Deutsche Bank warnt vor Kreditmarkt-Krise
Hinter den Aktienkursen braut sich laut Deutscher Bank ein größeres Problem zusammen: Software- und Technologieunternehmen stehen für fast ein Drittel des spekulativen Kreditmarktes – zusammen 1,28 Billionen Dollar in High-Yield-Anleihen, Leveraged Loans und Private Credit. Die Analysten um Steve Caprio warnen vor einem „historischen Klumpenrisiko", dessen Folgen „mit dem Energiesektor 2016 konkurrieren" könnten.
Die Gemengelage ist brisant: Disruptive KI-Anwendungen setzen klassische Software-Geschäftsmodelle unter Druck, während gleichzeitig hohe Verschuldung und gestiegene Zinsen die Cashflows belasten. Der Anteil sogenannter Payment-in-Kind-Kredite liegt im Softwarebereich mit 11,3 Prozent über dem Marktdurchschnitt. Morgan Stanley hebt hervor, dass rund die Hälfte der offenen Software-Kredite mit B- oder schlechter bewertet ist, 26 Prozent fallen sogar in den spekulativen CCC-Bereich.
Verschärft wird die Lage durch eine steile Fälligkeitsstruktur: Etwa 30 Prozent der ausstehenden Software-Kredite laufen bis 2028 aus – deutlich mehr als im Gesamtmarkt. In einem pessimistischen Szenario könnten die Ausfallraten im US-Private-Credit-Markt laut UBS auf bis zu 13 Prozent klettern. „Ein Sturm hat den Kreditmarkt erschüttert", fasst Scott Macklin von Obra Capital zusammen. Die Deutsche Bank betont, dass sich die Spannungen zuerst im Private-Credit-Bereich zeigen dürften, bevor der klassische High-Yield-Markt stärker reagiert.
UBS setzt auf 6.200 Dollar: Gold als Krisenabsicherung
Während Aktien schwanken und Kreditmärkte nervös werden, setzt UBS ein spektakuläres Kursziel für Gold: 6.200 Dollar je Unze. Aktuell notiert das Edelmetall bei rund 5.035 Dollar – das Kursziel impliziert also ein Potenzial von über 23 Prozent. Treiber sind vor allem geopolitische Risiken, insbesondere die eskalierende Konfrontation zwischen den USA und Iran.
UBS-Stratege Dominic Schnider betont, dass der Militäraufbau der USA im Nahen Osten deutlich größer ausfällt als bei der Venezuela-Operation Anfang des Jahres – ein Zeichen dafür, dass Washington einen längeren Konflikt plant. Hinzu kommt das günstige makroökonomische Umfeld: Die Federal Reserve dürfte ihren Lockerungszyklus fortsetzen, UBS erwartet zwei weitere Zinssenkungen um je 25 Basispunkte bis Ende September. Niedrigere Realzinsen und ein potenziell schwächerer Dollar wirken als Rückenwind für das zinslose Edelmetall.
Auf der Angebotsseite bleibt die Lage angespannt: Analysten von Wood Mackenzie schätzen, dass 80 Minen ihre aktuellen Produktionspläne bis 2028 erschöpfen werden. Gleichzeitig überstieg die globale Goldnachfrage 2025 erstmals 5.000 Tonnen, getrieben von robusten Zentralbankkäufen und wachsender Investmentnachfrage. UBS empfiehlt Anlegern, bis zu fünf Prozent ihres Portfolios in Gold zu allokieren – als effektivsten Schutz gegen die „Bandbreite an Markt- und Wirtschaftsrisiken", die derzeit den Horizont verdunkeln.
KI-Panik übertrieben? Bernstein widerspricht Untergangspropheten
Inmitten der Sorgen um disruptive KI-Tools und deren Auswirkungen auf Software-Unternehmen meldet sich die Investmentbank Bernstein mit einer beruhigenden Einschätzung zu Wort: Die Ängste, dass KI binnen Jahresfrist Software-Ingenieure massenhaft ersetzen werde, seien übertrieben. Analysten verweisen darauf, dass Programmieren weniger als ein Fünftel der Arbeitszeit eines typischen Software-Ingenieurs ausmacht – der Großteil entfällt auf Dokumentation, Deployment, Integration und Prozessmanagement.
Selbst wenn KI-Tools Code schneller schreiben, automatisieren sie nur einen Bruchteil des Jobs. Umfragen zeigen, dass fast 80 Prozent der Entwickler KI-Tools nutzen, viele berichten jedoch, dass generierter Code Nachbesserung und Debugging erfordert. Die Massenentlassungen im Tech-Sektor seit 2020 – über eine Million Stellen weltweit – reflektieren laut Bernstein eher die Überreaktion auf den Post-COVID-Boom und schwächere Nachfrage als echten KI-bedingten Stellenabbau.
Die Analysten lehnen auch Vergleiche mit der Dotcom-Blase ab: Die führenden KI-Unternehmen seien etablierte, profitable Firmen, die aus starken Cashpositionen investieren – keine spekulativen Startups. „Die aktuellen Marktreaktionen fangen perfekt zwei Trugschlüsse ein – die rutschige Piste und den Mitläufer-Effekt", schreiben die Bernstein-Analysten. Sobald sich der Staub des KI-Sturms lege, erwarten sie eine Korrektur. Für Investoren böten Phasen erhöhter Angst Gelegenheiten, abgestrafte Sektoren zu kaufen.
Tesla Semi: 2026 soll das Jahr der Massenproduktion werden
Apropos Tesla: Nach jahrelangen Verzögerungen kündigte Elon Musk an, dass der Elektro-Lkw Tesla Semi 2026 endlich in Massenproduktion gehen soll. Gefertigt wird der Sattelzug in Nevada, perspektivisch strebt Tesla eine Kapazität von 50.000 Einheiten pro Jahr an. Die Spezifikationen sind beeindruckend: Zwei Varianten mit 523 bzw. 805 Kilometern Reichweite, angetrieben von drei Elektromotoren mit zusammen rund 1.088 PS – deutlich mehr als die 450 bis 500 PS eines typischen Diesel-Lkw im europäischen Fernverkehr.
Die Long-Range-Variante soll laut einem Kundenangebot 290.000 Dollar kosten, die Standardversion 260.000 Dollar – deutlich mehr als die ursprünglich angekündigten 200.000 Dollar. Für Flottenbetreiber könnten sich die höheren Anschaffungskosten dennoch rechnen: Tesla argumentiert mit geringeren Energiekosten, reduzierten Wartungsaufwendungen und längerer Lebensdauer. In Kombination mit steigenden CO2-Abgaben und Förderprogrammen für emissionsfreie Nutzfahrzeuge könnte der Semi wirtschaftlich attraktiv sein – insbesondere auf festen Routen mit planbarer Ladeinfrastruktur.
Ob Tesla den Zeitplan diesmal einhält, bleibt abzuwarten. Die ursprüngliche Ankündigung sah die Serienfertigung bereits für 2019 vor. Immerhin: Wer bei der allerersten Semi-Präsentation im November 2017 auf die Tesla-Aktie setzte und bis heute durchhielt, darf sich über ein Plus von rund 1.904 Prozent freuen – ein dickes Trostpflaster für die jahrelangen Verzögerungen.
Ausblick: Nvidia, Merz in China und die Zoll-Saga
Die kommende Woche verspricht weitere Spannung: Am Montag trifft sich das EU-Verhandlungsteam zur Sondersitzung, um die Konsequenzen des Supreme-Court-Urteils zu erörtern. Bundeskanzler Friedrich Merz reist nach China – die deutsche Autoindustrie erwartet, dass er dort Marktliberalisierungen einfordert und Wettbewerbsverzerrungen anspricht. VDA-Präsidentin Hildegard Müller warnt zugleich vor überzogenen EU-Maßnahmen, die Gegenreaktionen aus Peking provozieren könnten.
Der 25. Februar wird zum Stresstest für die KI-Rallye: Neben Nvidia berichten Salesforce, Snowflake, Zoom und C3.ai. Investoren werden jede Aussage zu KI-Umsätzen, Margen und Investitionsplänen auf die Goldwaage legen. Am 26. Februar folgen NEL, SoundHound AI und D-Wave Quantum – drei Unternehmen aus den Zukunftsbereichen Wasserstoff, KI-Sprachtechnologie und Quantencomputing.
Und über allem schwebt die Frage: Wie geht es weiter mit Trumps Zöllen? Die neue 10-Prozent-Abgabe gilt zunächst für 150 Tage – Zeit genug für weitere juristische Auseinandersetzungen, Verhandlungen und Überraschungen. Eines ist jedenfalls klar geworden: Die Märkte müssen sich auf anhaltende Unsicherheit einstellen. Oder wie es der italienische Kosmetikverband FEBEA ausdrückte: „Wir sind alle an die Wendungen bei diesem Thema gewöhnt."
Einen entspannten Samstag und einen guten Start in die neue Woche wünscht Ihnen
Andreas Sommer








