Tesla, Rheinmetall & Microsoft: Wenn Friedensgespräche Rüstungsaktien drücken, KI-Ausgaben Tech-Riesen belasten und neue Energiepartner entstehen
Liebe Leserinnen und Leser,
in Genf verhandeln heute die Ukraine und Russland über Frieden, parallel treffen sich USA und Iran zur zweiten Gesprächsrunde – und an den Börsen zeigt sich sofort, wer von Entspannung profitiert und wer darunter leidet. Während Rüstungswerte wie Rheinmetall trotz Großaufträgen unter Druck geraten, kämpfen Tech-Giganten wie Microsoft mit der Skepsis der Anleger gegenüber milliardenschweren KI-Investitionen. Gleichzeitig positionieren sich Energiekonzerne neu: Chevron startet Gasbohrungen vor Griechenland, während Guyanas Ölpotenzial durch die Venezuela-Entspannung neue Dimensionen erreicht. Der DAX dümpelt derweil um die 24.800-Punkte-Marke – ohne Impulse aus den USA, wo gestern feiertagsbedingt nicht gehandelt wurde.
Rheinmetall mit 63-Millionen-Auftrag – doch Friedenshoffnung überwiegt
Der Düsseldorfer Rüstungskonzern meldet heute einen strategisch wichtigen Erfolg: Schweden bestellt acht Waffensysteme vom Typ "Seasnake 30" im Wert von 63 Millionen Euro – der erste NATO-Kunde für dieses fernbedienbare Marineleichtgeschütz. Der Rahmenvertrag umfasst zusätzlich Airburst-Munition, Ersatzteile und eine Option auf bis zu 29 weitere Systeme. Die Auslieferung beginnt 2028.
Trotzdem verliert die Rheinmetall-Aktie heute 2,2 Prozent. Der Grund: Anleger werten die Verhandlungen zwischen Ukraine und Russland sowie zwischen USA und Iran als Signal möglicher Deeskalation. Die Sorge, dass Waffenstillstände die Nachfrage nach Rüstungsgütern dämpfen könnten, überschattet selbst positive Auftragsmeldungen. Auch HENSOLDT (-4,5 Prozent), RENK und TKMS geben deutlich nach. Die italienische Bank Mediobanca stufte HENSOLDT auf "Underperform" herab – mit der Begründung, steigende deutsche Verteidigungsausgaben seien bereits eingepreist.
Analysten betonen allerdings: Selbst bei Waffenstillständen bleibt Europas Aufrüstungsbedarf enorm. Auf der Münchner Sicherheitskonferenz wurde deutlich, dass sich Europa nicht mehr auf die USA als Schutzmacht verlassen will. Rheinmetall bleibt daher bei Experten wie Alessandro Pozzi von Mediobanca Top-Pick für 2026 – gemeinsam mit Leonardo und Indra Sistemas.
Microsoft, Amazon & Co.: Wenn hohe KI-Ausgaben zur Belastung werden
Die gesamte Softwarebranche steht unter Druck, und Microsoft steht exemplarisch für das Dilemma der Tech-Giganten. Die Aktie verliert heute vorbörslich weitere 0,8 Prozent, nachdem sie seit Jahresbeginn bereits 17 Prozent eingebüßt hat. Der Grund: Die massiven Investitionen in KI-Infrastruktur – Microsoft plant weitere Milliarden für OpenAI – treffen auf wachsende Zweifel, ob sich diese Ausgaben zeitnah in Gewinne übersetzen lassen.
Morgan Stanley bringt das Paradoxon auf den Punkt: "Wenn KI so disruptiv und weitreichend ist, unterstützt das nicht gerade das Investment-Case für die Infrastruktur-Enabler?" Die Analysten sehen "widersprüchliche Elemente" in der aktuellen KI-Narrativ. Einerseits drohen neue KI-Modelle, klassische Softwaregeschäfte zu kannibalisieren. Andererseits rechtfertigen genau diese Modelle die enormen Capex-Ausgaben der Hyperscaler.
Amazon verlor vergangene Woche deutlich, nachdem das Unternehmen noch höhere Investitionen ankündigte. Die Magnificent Seven sind seit Ende Januar um über 8 Prozent gefallen, der Nasdaq Composite büßte 5 Prozent ein. Interessant: Morgan Stanley sieht bei Microsoft, Palo Alto Networks und Intuit jetzt "attraktive Einstiegspunkte" – sofern Anleger an die langfristige KI-Story glauben.
Die Berenberg Bank stuft BASF heute von "Sell" auf "Hold" hoch und hebt das Kursziel von 38 auf 48 Euro an. Die Begründung zeigt, wie sehr politische Unterstützung die Bewertung ändern kann: Das angekündigte deutsche Fiskalpaket und mögliche verlängerte Emissionszertifikate haben die Aktie massiv erholt, obwohl der Ergebniskonsens seit Oktober um 15 Prozent gefallen ist.
Chevron bohrt vor Griechenland – Europas Energiestrategie nimmt Form an
Während die Ölpreise heute nachgeben (Brent -0,76 Dollar auf 67,88 Dollar, WTI +0,43 Dollar auf 63,01 Dollar), positionieren sich die Energiekonzerne für die Zeit nach möglichen geopolitischen Entspannungen. Chevron startet Gasexplorationen südlich von Kreta und dem Peloponnes – ein Signal für engere energiepolitische Beziehungen zwischen Athen und Washington.
Die Verträge werden international als Zeichen gedeutet, dass die USA ihre Präsenz im östlichen Mittelmeer ausbauen. Für Europa bedeutet dies eine weitere Diversifizierung der Gasversorgung, nachdem die EU bis Ende 2027 weitgehend unabhängig von russischem Gas werden will. Die USA streben zugleich eine stärkere Rolle als LNG-Lieferant an.
Noch dramatischer ist die Entwicklung in Guyana: Das winzige südamerikanische Land, bereits einer der am schnellsten wachsenden Ölproduzenten weltweit, könnte nach der Absetzung von Venezuelas Maduro durch US-Truppen deutlich expandieren. Die jahrelange Grenzstreitigkeit mit Venezuela, die Exxon Mobil zwang, Explorationen in 30 Prozent des Stabroek-Blocks einzustellen, könnte sich entspannen. Exxon-CEO Darren Woods sieht "bessere Betriebsbedingungen" – weniger Marinepatrouillen, mehr Explorationsfreiheit. Die Produktionskapazität liegt bereits bei 900.000 Barrel pro Tag und soll 2026 auf 1,15 Millionen Barrel steigen.
DAX ohne Richtung – Europa behauptet sich gegen US-Tech-Schwäche
Der deutsche Leitindex eröffnet heute 0,02 Prozent tiefer bei 24.797 Punkten und pendelt seitdem um die Nulllinie. Die 50-Tage-Linie bei 24.624 Punkten bleibt die kritische Unterstützung, die in den vergangenen Wochen mehrfach nur knapp gehalten wurde. Bis zum Allzeithoch vom 13. Januar bei 25.508 Punkten fehlen über 700 Zähler.
Thomas Altmann von QC Partners bringt die Lage auf den Punkt: "Die Angst vor hohen KI-Investitionen und hohen KI-Bewertungen hält viele vom Aktienkauf ab. Es wird spannend, wie lange Europa das positivere Eigenleben beibehalten kann." Tatsächlich hat sich der Euro Stoxx 50 seit Jahresbeginn mehr als 5 Prozent besser entwickelt als der Nasdaq 100.
Der ZEW-Index für Deutschland sank im Februar überraschend auf 58,3 Punkte (Januar: 59,6), während Ökonomen mit einem Anstieg auf 65,0 gerechnet hatten. ZEW-Präsident Achim Wambach kommentiert: "Der Index bleibt stabil. Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer Phase fragiler Erholung." Positiv: Die exportorientierten Branchen – Chemie/Pharma, Stahl/Metall, Maschinenbau – zeigen moderate bis starke Anstiege.
In Japan setzten Anleger heute ihre Gewinnmitnahmen nach dem Rekordhoch der Vorwoche fort, der Nikkei 225 verliert 0,8 Prozent. Der Yen legt zu, da Spekulationen über eine BoJ-Zinserhöhung im April zunehmen.
Alphabet und Salesforce: Unterschiedliche Wege durch die KI-Transformation
Während Microsoft unter dem Investitionsdruck ächzt, zeigen Alphabet und Salesforce, dass es auch anders geht. Citizens bekräftigt für Alphabet das "Market Outperform"-Rating mit Kursziel 385 Dollar. Die Begründung: KI erweitere den adressierbaren Markt für die Suche, indem sie mehr Fragetypen abdecke und aus Informationsfragen kommerzielle Absichten ableite. Retail-Media-Budgets könnten zur Suche wechseln, sobald agentenbasierte Suche reift. Citizens traut Google Suchewachstum im "Teen-Bereich", möglicherweise sogar 20 Prozent oder mehr zu.
Salesforce präsentiert mit Agentforce ein KI-Geschäft, das im letzten Quartal die 500-Millionen-Dollar-Marke beim jährlich wiederkehrenden Umsatz überschritt – ein Wachstum von über 300 Prozent im Jahresvergleich. Citizens stuft die Aktie weiterhin mit "Market Outperform" und Kursziel 315 Dollar ein (66 Prozent Aufwärtspotenzial). Zusätzlich sicherte sich Salesforce einen 5,6-Milliarden-Dollar-Vertrag mit der US-Armee über zehn Jahre.
Der Unterschied zu Microsoft: Beide investieren massiv in KI, doch Salesforce kann bereits konkrete Umsatzerfolge vorweisen, während Microsoft noch stärker in der Infrastruktur-Phase steckt.
Bitcoin stabil, Stablecoins im Aufwind – Krypto sucht neue Narrative
Bitcoin notiert heute bei 68.056 Dollar (-0,5 Prozent) und bewegt sich in holiday-thinned trade wenig. Die wichtigsten asiatischen Märkte bleiben wegen des Mondneujahrs geschlossen. Die Kryptowährung hat seit ihrem Oktober-Rekordhoch knapp 50 Prozent verloren – belastet durch Sorgen um eine weniger dovische Fed unter dem designierten Chairman Kevin Warsh.
Interessanter als die Kursbewegungen ist eine neue Studie von BVNK, die zeigt, wie Stablecoins zur Alltagswährung werden: 39 Prozent der befragten Krypto-Nutzer in 15 Ländern erhalten Einkommen in Stablecoins – sei es Gehalt, Freelance-Pay oder grenzüberschreitende Zahlungen. Diese Stablecoins repräsentieren durchschnittlich 35 Prozent ihrer Jahreseinkünfte. 77 Prozent würden eine Stablecoin-Wallet bei ihrer Bank oder Fintech-App eröffnen, falls angeboten.
Die Adoption unterscheidet sich regional stark: In Afrika halten 79 Prozent der Krypto-Nativen Stablecoins, in Schwellenländern insgesamt 60 Prozent. In entwickelten Märkten sind es 45 Prozent – aber mit deutlich höheren Beständen (durchschnittlich 1.000 Dollar vs. 85 Dollar in Schwellenländern). Stablecoins lösen reale Probleme: 30 Prozent der Nutzer nennen niedrigere Gebühren, 28 Prozent Sicherheit, 27 Prozent globalen Zugang.
Northstake, ein Kopenhagener Staking-Anbieter, meldet heute eine Partnerschaft mit P2P.org, einem der größten Ethereum-Validatoren weltweit (über 10 Milliarden Dollar gestakte Assets). Die Integration in Northstakes Staking Vault Manager zeigt, wie institutionelle Infrastruktur für Krypto reift – jenseits der Schlagzeilen über Kursbewegungen.
Was diese Woche noch wichtig wird: Morgen veröffentlicht die Fed das Protokoll ihrer Januar-Sitzung – Anleger suchen nach Hinweisen auf die weitere Zinspolitik. Am Mittwoch folgen US-Handelsdaten und PCE-Inflationszahlen, das bevorzugte Inflationsmaß der Notenbank. Und heute Abend nach US-Handelsschluss öffnet Palo Alto Networks die Bücher – ein wichtiger Stimmungstest für Cybersecurity-Aktien in Zeiten von KI-Disruption.
Die Märkte navigieren durch widersprüchliche Signale: Friedenshoffnungen vs. Rüstungsbedarf, KI-Euphorie vs. Investitionsskepsis, Energiediversifizierung vs. geopolitische Unsicherheit. Wer jetzt investiert, sollte weniger auf kurzfristige Impulse als auf strukturelle Trends setzen.
Bis morgen,
Andreas Sommer








