Liebe Leserinnen und Leser,

13 Prozent Kursverlust an einem einzigen Tag – was bei Novo Nordisk am Montag geschah, ist mehr als nur eine Kurskorrektur. Es ist ein Warnschuss für alle, die auf die nächste Generation von Abnehmmitteln gesetzt haben. Während der dänische Pharmakonzern mit enttäuschenden Studienergebnissen kämpft, sortiert sich gleichzeitig die globale Handelsordnung neu: Der US-Supreme Court hat Donald Trumps Zollpolitik einen historischen Dämpfer verpasst – nur um den Präsidenten zu noch kreativeren Umgehungsstrategien zu inspirieren. Und mitten in diesem Chaos meldet sich die deutsche Wirtschaft mit überraschend positiven Signalen zurück.

Novo Nordisk: Wenn 23 Prozent Gewichtsreduktion nicht genug sind

Die Zahlen klingen zunächst beeindruckend: Novo Nordisks experimentelles Abnehmmittel Cagrisema erreichte in einer Langzeitstudie eine Gewichtsreduktion von 23 Prozent nach 84 Wochen. Doch der Teufel steckt im Detail – oder besser gesagt: im Vergleich. Denn Eli Lillys Konkurrenzprodukt Zepbound (Wirkstoff Tirzepatid) schaffte 25,5 Prozent. Das klingt nach einem kleinen Unterschied, bedeutet aber faktisch das Scheitern des primären Studienziels: die Nicht-Unterlegenheit gegenüber dem US-Wettbewerber zu beweisen.

Die Börse reagierte brutal. Mit einem Minus von 13 Prozent stürzte die Novo-Aktie auf den tiefsten Stand seit Sommer 2021. Analysten revidierten umgehend ihre Erwartungen nach unten. James Quigley von Goldman Sachs sprach von "geringem Einsatzpotenzial", während Richard Vosser von JPMorgan die Markterwartungen an Cagrisema deutlich zurückschrauben musste. Der Konzern, der bis vor eineinhalb Jahren noch als Börsenstar galt und zeitweise Europas wertvollstes Unternehmen war, sieht sich nun gezwungen, auf höher dosierte Kombinationen zu setzen – ein Eingeständnis, dass Plan A nicht aufging.

Kollateralschäden gab es auch: Die Aktie des deutschen Verpackungsherstellers Gerresheimer, bekannt als Spritzen-Lieferant für Abnehmmittel, verlor 3,8 Prozent. Eli Lilly hingegen legte im vorbörslichen US-Handel zu – der Gewinner steht fest.

Zoll-Ping-Pong: Supreme Court sagt Nein, Trump sagt 15 Prozent

Was am Freitag noch nach einer juristischen Niederlage für Donald Trump aussah, entpuppte sich binnen Stunden als bloßer Zwischenschritt in einem größeren Schachspiel. Der Supreme Court hatte mit 6:3 Stimmen entschieden, dass der Präsident seine globalen Zölle nicht auf Basis des Notstandsgesetzes IEEPA aus den 1970er Jahren verhängen darf – eine historische Entscheidung, die seine bisherige Handelspolitik für illegal erklärte.

Trumps Reaktion? Binnen 24 Stunden kündigte er zunächst einen globalen Zoll von 10 Prozent an, um ihn kurz darauf auf 15 Prozent zu erhöhen – die Höchstgrenze nach Section 122 des Trade Act von 1974. Diese Rechtsgrundlage erlaubt Zölle für maximal 150 Tage zur Behebung von Zahlungsbilanzproblemen. Das Pikante: Section 122 verbietet die Diskriminierung zwischen Ländern, was bedeutet, dass nun tatsächlich die gesamte Welt – inklusive Russland und Nordkorea – denselben Satz zahlen muss.

Die Märkte reagierten am Montag verhalten. Der DAX eröffnete 0,6 Prozent tiefer, nachdem er am Freitag noch kurzzeitig auf 25.331 Punkte geklettert war – nur wenige Punkte unter seinem Januar-Rekordhoch. Exportlastige Sektoren wie Technologie und Automobil gerieten unter Druck, während defensive Branchen wie Versorger und Versicherungen sich besser hielten. SAP verlor 2,6 Prozent, Airbus 1,6 Prozent.

Die EU-Kommission forderte umgehend "volle Klarheit" und pochte darauf, dass die vereinbarte Zollobergrenze von 15 Prozent nicht überschritten wird. Ob das im Sommer 2025 geschlossene Handelsabkommen zwischen EU und USA noch Bestand hat, ist unklar – die Geschäftsgrundlage könnte entzogen sein. JPMorgan-Experte Greg Fuzesi betonte jedoch, dass sich an den EU-Zöllen vorerst faktisch nichts ändere, weshalb Vergeltungsmaßnahmen unwahrscheinlich seien.

Die größere Unsicherheit liegt in der Zukunft: Nach 150 Tagen benötigt Trump eine Verlängerung durch den Kongress – eine Hürde, die angesichts der Unpopularität von Zöllen in Umfragen nicht trivial ist. Parallel laufen über 1.800 Klagen vor dem US-Handelsgericht, in denen Importeure Rückerstattungen der nun illegal erhobenen Zölle fordern – ein Volumen von rund 170 Milliarden Dollar steht im Raum.

Deutsche Wirtschaft: Erste Zeichen der Belebung

Während an den Märkten Zoll-Chaos herrscht, meldet sich die deutsche Wirtschaft mit ermutigenden Signalen zurück. Der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg im Februar auf 88,6 Punkte – der höchste Stand seit August und über der Konsenserwartung von 88,4. "Die deutsche Wirtschaft zeigt erste Signale einer Belebung", kommentierte Ifo-Präsident Clemens Fuest.

Besonders bemerkenswert: Sowohl die Bewertung der aktuellen Lage (86,7 nach 85,7) als auch die Geschäftserwartungen (90,5 nach 89,6) verbesserten sich. Im Verarbeitenden Gewerbe, im Dienstleistungssektor und im Bauhauptgewerbe hellte sich das Klima auf – lediglich im Handel gab der Index leicht nach.

Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, sieht dahinter die Aufträge aus den Verteidigungs- und Infrastrukturprogrammen sowie leicht höhere Konsumausgaben. Robin Winkler von der Deutschen Bank formulierte es noch optimistischer: "Wir sehen immer deutlichere Anzeichen, dass die Konjunktur ordentlich Schwung aufnimmt." Die Deutsche Bank hält an ihrer Prognose fest, dass die deutsche Wirtschaft 2026 stärker wachsen dürfte als allgemein erwartet.

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Skeptischer zeigte sich Jörg Krämer von der Commerzbank: "Das Ausbleiben der notwendigen breiten Wirtschaftsreformen belastet die Stimmung. Rüstungsaufträge alleine machen noch keinen Aufschwung." Dennoch: Nach Jahren der Stagnation ist selbst vorsichtiger Optimismus ein Fortschritt.

Nvidia im Fokus: Die 65-Milliarden-Dollar-Frage

Am Mittwoch steht das wohl wichtigste Quartalsergebnis der Tech-Branche an: Nvidia legt seine Zahlen für das vierte Fiskalquartal vor. Erwartet werden Einnahmen von 65,56 Milliarden Dollar und ein Gewinn je Aktie von 1,52 Dollar – verglichen mit 39,33 Milliarden und 0,89 Dollar vor einem Jahr. Ein Wachstum von 71 Prozent bei den Gewinnen klingt beeindruckend, doch die Messlatte liegt mittlerweile so hoch, dass selbst solche Zahlen nicht mehr automatisch für Begeisterung sorgen.

Die Aktie ist mit einem Minus von rund 32 Prozent seit Jahresbeginn unter Druck geraten – Anleger fürchten, dass künstliche Intelligenz das Geschäftsmodell vieler Software-Unternehmen disruptieren könnte. Christian Henke von IG formulierte es treffend: "Diese Zahlen könnten für den KI-Sektor, aber auch für den gesamten Aktienmarkt richtungsweisend sein."

Parallel dazu machte die Meldung die Runde, dass Nvidia sein geplantes Investment in OpenAIs neueste Finanzierungsrunde von ursprünglich bis zu 100 Milliarden auf "nur noch" 30 Milliarden Dollar reduziert hat. Ein Zeichen von Zurückhaltung oder strategischer Neuausrichtung? Die Antwort könnte am Mittwoch mitgeliefert werden.

Goldpreis auf Rekordjagd, Bitcoin unter Druck

Während die Aktienmärkte schwanken, setzt Gold seine Rekordjagd fort. Der Preis kletterte am Montag um 0,8 Prozent auf 5.145 Dollar je Unze – der vierte Anstieg in Folge. Der schwächelnde Dollar und die Unsicherheit rund um Trumps Zollpolitik treiben Anleger in den klassischen sicheren Hafen. Bemerkenswert: Russland verkaufte im Januar erstmals seit Oktober Gold aus seinen Reserven, nachdem der Preis Rekordhöhen erreicht hatte – ein Zeichen dafür, dass selbst Zentralbanken Gewinne mitnehmen.

Bitcoin hingegen verlor erneut und notierte bei 65.890 Dollar, ein Minus von knapp 3 Prozent. Die Kryptowährung leidet weiterhin unter der allgemeinen Risikoaversion und dem Ausbleiben neuer Impulse.

Ausblick: Nvidia, Inflation und Iran

Die kommenden Tage werden zeigen, ob die Märkte ihre Konsolidierung fortsetzen oder neue Impulse erhalten. Neben Nvidias Zahlen am Mittwoch stehen am Donnerstag Zahlen von Allianz, Deutsche Telekom, Munich Re und BASF an – ein Schwergewichts-Tag für deutsche Anleger. Am Freitag folgen die deutschen Verbraucherpreise für Februar, die laut Commerzbank von 2,1 auf 2,0 Prozent fallen und damit exakt das EZB-Ziel treffen dürften.

Überschattet wird alles von den geopolitischen Spannungen: Die dritte Verhandlungsrunde zwischen USA und Iran über das Atomprogramm ist für Donnerstag in Genf angesetzt. Sollte diese scheitern, könnte ein US-Militärschlag binnen Tagen folgen – mit unabsehbaren Folgen für die Ölmärkte und das globale Risiko-Sentiment.

Was bleibt? Die Erkenntnis, dass selbst in Zeiten juristischer Klarheit (Supreme Court) und konjunktureller Hoffnungsschimmer (Ifo) die Unsicherheit dominiert. Novo Nordisk zeigt, wie schnell Milliarden-Bewertungen verdampfen können, wenn Studiendaten enttäuschen. Trump demonstriert, dass juristische Niederlagen nur Umwege bedeuten. Und die deutsche Wirtschaft beweist, dass Erholung möglich ist – wenn auch mit Fragezeichen versehen.

Bis morgen,
Andreas