In der aktuellen Episode von "Börsepeople im Podcast S23/18" gewährt Christine Catasta, langjährige PwC-Managerin und heute Aufsichtsrätin bei mehreren börsennotierten Unternehmen, tiefe Einblicke in vier Jahrzehnte österreichische Wirtschafts- und Börsengeschichte.

Der ungewöhnliche Weg zur ersten Frau an der Spitze einer Big-Four-Gesellschaft

Christine Catastas Karriere beginnt im Oktober 1982 bei PwC Österreich – damals ein Unternehmen mit nur 10 bis 15 Mitarbeitern. Was sie von anderen unterschied: Bereits während des WU-Studiums wagte sie den Schritt ins Ausland, arbeitete bei der voestalpine in Mexiko, bei Siemens in Italien und absolvierte zwei Praktika bei amerikanischen Banken. Diese internationale Erfahrung, gepaart mit Kenntnissen in Französisch, Italienisch, Spanisch und Englisch, legte den Grundstein für ihre spätere Karriere in einer globalen Organisation.

Dieser Artikel ist eine Added Value Version zu den Key-Insights einer Podcastfolge von audio-cd.at, aufgewertet durch Archivbausteine. Die hier veröffentlichten Gedanken/Schlüsse sind weder als Empfehlung noch als ein Angebot oder eine Aufforderung zum An- oder Verkauf von Finanzinstrumenten zu verstehen und sollen auch nicht so verstanden werden. Der Handel mit Finanzprodukten unterliegt einem Risiko. Sie können Ihr eingesetztes Kapital verlieren.

Der Weg zur Wirtschaftsprüferin erwies sich als die härteste Phase ihres Lebens: Zunächst drei Jahre bis zum Steuerberater, dann weitere drei Jahre bis zur Wirtschaftsprüferprüfung. „Wenn man das einmal geschafft hat, ist alles andere leicht gewesen in meinem Leben", resümiert Catasta die Zeit, in der sie neben Vollzeitarbeit und zwei Kindern jede freie Minute dem Lernen widmete.

Nach einem Secondment in London während des Mergers zwischen Pricewaterhouse und Coopers & Lybrand übernahm sie den Aufbau des Beratungsbereichs in Österreich. Von null startend, wuchs dieser Bereich unter ihrer Führung auf 400 Mitarbeiter an. In ihren letzten Jahren bei PwC wurde sie als CEO gewählt – als erste Frau an der Spitze einer Big-Four-Gesellschaft in Österreich.

Börsengänge und die Ostöffnung als Karrierebeschleuniger

Die späten 1990er und frühen 2000er Jahre markierten einen Wendepunkt in der österreichischen Börsenlandschaft. Catasta begleitete mehrere Unternehmen an die Börse, darunter Kontron und Atec. Besonders die Kontron-Geschichte illustriert ihr Netzwerk: Thomas Streimlweger, den sie vom Tennisspielen kannte, rief sie während einer Skiliffahrt an und bat um Unterstützung beim Börsengang. Innerhalb von sechs Monaten war der Prospekt börsereif.

Die Ostöffnung brachte enorme Herausforderungen mit sich. Catasta reiste erstmals in Länder wie Bulgarien, Rumänien, Moldawien und die Ukraine, um bei Akquisitionen und der Umstellung auf internationale Rechnungslegungsstandards zu unterstützen. Das wichtigste Ziel der Börsengänge: Wachstumskapital beschaffen, um weitere Akquisitionen in den CEE-Ländern zu ermöglichen.

Der Jahrhundertboom der Wiener Börse von 2002 bis 2007, als der ATX von 1.200 auf 5.000 Punkte stieg, veränderte Catastas beruflichen Fokus. Mit dem durch Börsengänge eingenommenen Kapital begannen umfangreiche Akquisitionswellen. Sie verlagerte ihre Tätigkeit verstärkt auf Transaktionsberatung, M&A, Due Diligence und Bewertungen.

Lehman-Pleite und Pandemie: Wenn das Telefon am Sonntag klingelt

Die Lehman-Pleite 2008 erreichte Catasta über einen unerwarteten Anruf. Ein Partner aus ihrer Londoner Zeit meldete sich an einem Sonntag: Er benötigte bis Montag 30 bis 40 Leute, um bei der größten Pleite der Weltgeschichte zu helfen. Catasta konnte liefern. Für PwC Österreich war dies der Grundstein für den Ausbau des Financial-Services-Geschäfts. Da PwC als einzige der Big Four nicht als Prüfer bei den betroffenen Banken tätig war, konnte sie fast alle Asset-Quality-Reviews übernehmen.

Die Pandemie 2020 brachte ähnlich dramatische Situationen. Am Donnerstag vor dem Lockdown rief der CEO der Austrian Airlines um 22 Uhr an. Er wusste bereits, dass ab dem nächsten Tag kein Flugzeug mehr starten würde. Das Problem der AUA: Sie finanzierte sich über vorausbezahlte Tickets und hatte 400 Millionen Euro Cash – aber mit dem Flugverbot mussten alle Tickets zurückerstattet werden. Erschwerend kam hinzu, dass die AUA keine Hausbank hatte.

Die Erste Group sprang ein und gewährte trotz der schwierigen Situation einen Kredit. „Wir möchten einen Beitrag zur Wirtschaft leisten", war die Botschaft der Bank, obwohl sie noch unter den Nachwirkungen der Alpine-Pleite litt, bei der staatliche Garantien nicht gegriffen hatten. Die AUA erholte sich nach der Krise schnell und zahlte die Kredite zurück – begünstigt dadurch, dass sie als eines der wenigen Unternehmen noch alte Flugzeuge im Eigentum hatte, die als Sicherheiten dienen konnten.

Der zweite Karriereweg: Vom ÖBAG-Management zu multiplen Aufsichtsratsmandaten

Mit 62 Jahren endete Catastas Zeit bei PwC – pensionsbedingt, wie es bei den Big Four global üblich ist, um jüngeren Partnern Aufstiegschancen zu ermöglichen. Doch der Übergang war nahtlos: Am 30. Juni schied sie aus, am 1. Juli fand ihre erste Aufsichtsratssitzung beim Verbund statt.

Im Oktober 2020 übernahm sie bei der ÖBAG die Leitung des Beteiligungsmanagements. Eine turbulente Zeit: Die ÖBAG war fast täglich in den Medien, es gab Attacken auf den damaligen Chef Thomas Schmidt, WKStA-Vernehmungen und politisches Wirrwarr. Neben fachlicher Kompetenz war soziale Führung gefragt – das Team zusammenhalten und durch die schwierige Phase tragen.

Heute sitzt Catasta in den Aufsichtsräten der BIC, OMV Petrom, Erste Group, Erste Bank Österreich und Banca Comercială Română. Bei der Erste Group fungiert sie als Vorsitzende des Prüfungsausschusses und unterzieht sich jährlich einem Fit-&-Proper-Gespräch mit ÖNB, FMA und EZB. Besonders anspruchsvoll war die Prüfung vor der rumänischen Nationalbank für das Mandat bei der BCR.

Rumänien und Polen: Unterschätzte Innovationstreiber

Catasta zeigt sich beeindruckt von der Dynamik in Osteuropa. Rumänien sei in Innovation und Digitalisierung unglaublich fortgeschritten. Die Banca Comercială Română betreibe voll ausgestattete Busse, die durch das Land fahren und Kunden vor Ort digitalisieren. „Der kriegt das Handy in die Hand und der muss alles selber machen", beschreibt sie das Konzept. Auch bei künstlicher Intelligenz hätten die Rumänen bereits viele Anwendungsfälle entwickelt.

Polen, wo sie zuletzt im Rahmen der Erste-Group-Expansion wieder tätig war, beeindruckt sie durch die Qualität der Mitarbeiter. „Man hat das Gefühl, die arbeiten mit sehr viel Hunger und sehr viel Leidenschaft", beobachtet sie. Die OMV Petrom bezeichnet sie als wichtigstes Asset der OMV, da das Project Neptun im Schwarzen Meer einen Großteil der europäischen Energieversorgung sichern soll.

Frauen in Führungspositionen: Warum der Weg nach oben stockt

Catasta engagiert sich intensiv für weibliche Führungskräfte. Sie ist Mentorin bei WU-Programmen, der Amerikanischen Handelskammer und der Industriellenvereinigung. Die Frage, warum Unternehmen keine Frauen für Führungspositionen finden, beantwortet sie direkt: Das Problem liegt in der Phase der Familiengründung. „Viele stellen die Frauen auf die Abstellseite, wenn sie Kinder bekommen."

Sie selbst erlebte Situationen, in denen Männer Frauen in Karenz von Führungslehrgängen ausschließen wollten. Ihr Gegenentwurf: Diese Frauen trotzdem einladen – viele wurden später erfolgreich, wie Liliane Hirner, heute im Vorstand der VIG.

Die CEO-Rolle bleibt für Frauen besonders schwierig. Catastas Analyse: „Die CEO-Rolle hat immer auch Macht. Und Macht ist für Männer wichtiger als für Frauen." Zudem zeigten Frauen bei Bewerbungen eher auf, was sie nicht können, statt ihre Stärken zu betonen. Bei 20 Prozent Passungsproblemen würden sie diese artikulieren, nicht die 80 Prozent, die passen. Bei Männern sei es umgekehrt.

Die Lösung sieht sie in nordischen Modellen: Schweden und Island machten vieles richtig mit doppelter Karenz und anderen Maßnahmen. Alle OECD-Studien zeigten, dass Unternehmen erfolgreicher seien, wenn Frauen in der Führungsebene vertreten sind.

Fazit: Lebenslanges Lernen und Mut als Karrierefaktoren

Christine Catastas Karriere illustriert, wie internationale Erfahrung, Netzwerkpflege und die Bereitschaft, aus der Komfortzone zu treten, über Jahrzehnte Türen öffnen können. Ihre Werte – Leadership, Integrität, Teamarbeit und die Sorge um andere – haben sie durch Krisen wie Lehman und die Pandemie getragen. Die 40-stündige jährliche Fortbildungspflicht für Wirtschaftsprüfer sieht sie positiv: „Die Welt ändert sich von heute auf morgen. Man ist einfach mit dabei, wenn man immer weiter lernt." Für die österreichische Wirtschaft wünscht sie sich die Aufbruchstimmung der späten 1990er zurück – und mehr Mut, Wachstumskapital zu beschaffen und zu investieren.