Liebe Leserinnen und Leser,

während im Bayerischen Hof unter dem Motto „Under Destruction" die Risse in der globalen Sicherheitsarchitektur vermessen werden, übt sich der Finanzmarkt in einer fast trotzigen Realitätsverweigerung. Die Diskrepanz könnte an diesem Sonntag kaum größer sein: Hier die düsteren Szenarien der Sicherheitsarchitekten, dort der DAX, der wie hypnotisiert an der 25.000-Punkte-Marke kratzt.

Es wirkt, als hätten Börse und Geopolitik beschlossen, das Wochenende in getrennten Realitäten zu verbringen. Lassen Sie uns die Brücke schlagen zwischen der politischen Anspannung in München und der fast gespenstischen Ruhe auf dem Parkett.

Die optische Täuschung im DAX

Der deutsche Leitindex klopft vehement an die Tür der 25.000 Punkte. Zum Wochenschluss standen gut 24.900 Zähler auf der Tafel. Doch lassen Sie sich von dieser Zahl nicht blenden – sie ist eine klassische „Money Illusion".

Dr. Hans-Jörg Naumer von AllianzGI erinnerte uns an diesem Wochenende an eine entscheidende Nuance: Der DAX ist ein Performanceindex, der Dividenden seit drei Jahrzehnten reinvestiert. Würde man ihn wie fast alle anderen internationalen Indizes als reinen Kursindex berechnen, stünden wir eher bei nüchternen 10.000 Punkten. Der Rekord ist also weniger ein Zeichen für eine explodierende deutsche Wirtschaftskraft, sondern vielmehr ein monumentales Zeugnis des Zinseszinseffekts.

Dennoch ist die Stimmung robust. Der Grund liegt jenseits des Atlantiks: Die US-Inflation von 2,4 Prozent im Januar dient den Optimisten als Beruhigungspille. Sie nährt die Hoffnung, dass die Zinswende im Juni 2026 nun endgültig kommt – selbst wenn der US-Arbeitsmarkt mit 130.000 neuen Stellen (erwartet waren nur 70.000) eigentlich zu heiß läuft. Die Wall Street will die Zinswende sehen, und sie biegt sich die Realität zurecht.

München: Die Versicherungspolice gegen Trump

Während der DAX seitwärts tendiert, wird in München Realpolitik in Orderbücher übersetzt. Die Rüstungsbranche boomt nicht nur an der Börse (Rheinmetall +3%, MTU +4% auf Wochensicht), sie sichert sich strategisch ab.

Die RENK Group lieferte an diesem Wochenende ein Lehrstück in Sachen Geopolitik-Hedging: Der Augsburger Antriebsspezialist kündigte an, bis 2030 rund 150 Millionen US-Dollar in Michigan zu investieren. Der Schulterschluss mit Gouverneurin Gretchen Whitmer ist ein klares Signal. In einer Welt, in der US-Außenminister Marco Rubio zwar die transatlantische Partnerschaft beschwört, aber gleichzeitig europäische Alleingänge rügt, ist „Made in America" die beste Versicherung gegen protektionistische Zölle. Wer physisch in den USA produziert, macht sich immun gegen die Launen der Handelspolitik.

Auch Wolodymyr Selenskyj, der heute mit dem Ewald-von-Kleist-Preis geehrt wurde, agierte pragmatisch. Seine Signale der Gesprächsbereitschaft bei gleichzeitiger Forderung nach echten Kompromissen sind genau die Art von diplomatischer Gratwanderung, die Märkte lieben, weil sie Eskalationsrisiken minimiert.

Gold: Die Flucht in den 5.000-Dollar-Hafen

Haben Sie bemerkt, was im Schatten der Schlagzeilen passiert? Der Goldpreis hat die Marke von 5.000 US-Dollar pro Unze durchbrochen und notierte zuletzt bei über 5.020 Dollar.

Das ist bemerkenswert, weil steigende Realzinsen – getrieben durch den starken US-Arbeitsmarkt – eigentlich Gift für das zinslose Edelmetall sein müssten. Dass Gold dennoch auf Rekordjagd ist, ist das lauteste Warnsignal des „Smart Money". Wenn Zentralbanken wie die Chinas und Polens weiter kaufen und ETFs im Januar Zuflüsse von 19 Milliarden Dollar verzeichnen, dann ist das keine Spekulation. Es ist die ultimative Absicherung gegen die fiskalpolitischen Experimente in den USA und die geopolitischen Risse, die in München so offen zutage treten.

Die Wette auf die KI-Produktivität

An der Tech-Front wird derweil auf den „Greenspan-Moment" gewettet. Kevin Warsh, der designierte Fed-Vorsitzende (Amtsantritt Mai 2026), brachte diese Woche eine faszinierende These ins Spiel: Der Produktivitätsboom durch Künstliche Intelligenz rechtfertige Zinssenkungen, ähnlich wie in den 90er Jahren.

Diese Wette auf die „AI-Productivity" hält die Tech-Börsen am Leben. Sie stützt Nvidia und Applied Materials und treibt selbst Krypto-Assets an. Bitcoin hält sich wacker um die 69.000 Dollar, flankiert von neuen Integrationen wie den „Smart Cashtags" auf Elon Musks Plattform X.

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Bilanz der Extreme

Zum Abschluss ein Blick auf die deutsche Unternehmenslandschaft, die sich zunehmend spaltet:

  • Der Gewinner: Siemens Energy steuert auf Rekorde zu. Die Energiewende mag politisch umstritten sein, industriell schafft sie Fakten und füllt die Auftragsbücher.
  • Das Sorgenkind: Mercedes-Benz kämpft mit einem trüben Ausblick für 2026. Die Aktie dümpelt bei 57 Euro. Es zeigt sich: Luxus allein schützt nicht vor dem brutalen Marathon der Transformation.
  • Der Comeback-Kandidat: Die Commerzbank prognostiziert für 2026 einen Gewinn von über 3,2 Milliarden Euro. Die Banken haben gelernt, auch in volatilen Zinsumfeldern Geld zu verdienen.

Der Blick nach vorn

Wenn morgen die Börsen öffnen, wird sich zeigen, ob die 25.000 im DAX mehr ist als nur eine psychologische Hürde. Vor allem aber warten wir gespannt auf den Mittwoch: Die Protokolle der US-Notenbank (FOMC Minutes) werden uns verraten, ob die „Juni-Zinssenkung" ein realistisches Szenario ist oder nur ein frommer Wunsch der Anleger.

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Sonntag und einen klaren Kopf für eine spannende Börsenwoche.

Herzlichst,

Ihr

Eduard Altmann