Der 50-Milliarden-Dollar-Showdown, Trumps Zollpirouette und der IBM-Schock
Liebe Leserinnen und Leser,
370 Millionen Dollar. So viel Kapital wurde in den vergangenen Stunden am Kryptomarkt liquidiert – ausgelöst durch eine Kettenreaktion, die niemand auf dem Radar hatte. Am Anfang stand eine Ankündigung des KI-Start-ups Anthropic. Am Ende lag IBM am Boden: minus 13,15 Prozent, der schwärzeste Handelstag für das Papier seit dem Jahr 2000. Und Bitcoin? Durchbrach die Marke von 63.000 Dollar nach unten.
Der „Crypto Fear & Greed Index" ist auf 5 von 100 Punkten kollabiert – ein Wert, der absolute Panik signalisiert. Die institutionellen Adressen ziehen sich zurück: Allein beim IBIT-ETF reduzierten Hedgefonds ihre Allokationen vom dritten auf das vierte Quartal um 28 Prozent. Das Smart Money sucht den Ausgang. Wer in den vergangenen Tagen auf Stabilisierung hoffte, wurde brutal eines Besseren belehrt.
Doch die Krypto-Turbulenzen sind nur ein Mosaikstein eines bemerkenswerten Dienstags.
Trumps 10-Prozent-Kompromiss
Erinnern Sie sich an meine Zeilen von gestern? Das juristische Tauziehen um Trumps Zollpolitik hielt die Märkte in Atem. Heute Morgen dann die Überraschung: Statt der angedrohten 15 Prozent gilt ab sofort ein globaler Basissatz von 10 Prozent. Die EU und Großbritannien bleiben vorerst verschont.
Die neuen Tarife, gestützt auf Section 122 des Trade Act von 1974, gelten für 150 Tage – ein politisches Provisorium im Kampf gegen das US-Handelsdefizit von 1,2 Billionen Dollar. Brüssel reagierte dennoch reserviert und pausierte die Ratifizierung des anvisierten Handelsabkommens. Man fordert Klarheit, bevor man sich bewegt.
Für den DAX bedeutet diese doppelte Unsicherheit einen zähen Handelstag. Der deutsche Leitindex pendelt am Vormittag unentschlossen um die 25.000er-Marke, belastet auch von den schwelenden Iran-Spannungen – Brent-Öl kletterte auf über 71 Dollar.
Zwei Welten im deutschen Nebenwerteuniversum
Das Bild in Frankfurt könnte an diesem Dienstag kaum kontrastreicher sein. Fresenius Medical Care meldet einen Gewinnsprung für 2025 – und wird mit über 6 Prozent Kursabschlag abgestraft. Der Grund: ein enttäuschender Ausblick für 2026. Es ist die alte Börsenweisheit in Reinform: Gute Zahlen reichen nicht, wenn die Zukunft schwächelt.
Ganz anders bei Elmos Semiconductor. Der SDax-Titel schoss auf ein Rekordhoch von 144,20 Euro – ein Plus von rund 42 Prozent seit Jahresbeginn. Der Chipausrüster lieferte einen erneuten Umsatzrekord und prognostiziert für 2026 ein Wachstum von elf Prozent. Wer die richtigen Zukunftstechnologien im Portfolio hat, kann sich auch im rauesten Umfeld behaupten.
Die 50-Milliarden-Wette gegen Nvidia
Apropos Zukunftstechnologie: Die Tech-Welt hält kollektiv den Atem an. Morgen nach Börsenschluss legt Nvidia seine Quartalszahlen vor. Die Konsenserwartung: 65,5 Milliarden Dollar Umsatz, ein Plus von 67 Prozent zum Vorjahr.
Doch die Nervosität ist mit Händen zu greifen. Leerverkäufer haben Positionen im Wert von 50 Milliarden Dollar gegen den Chipgiganten aufgebaut – das höchste Short-Exposure im gesamten S&P 500. Der Optionsmarkt preist Kursschwankungen von 4 bis 6 Prozent ein.
Skeptische Stimmen werden lauter. Das Analysehaus Yardeni Research mahnte: „KI ist künstlich, aber nicht intelligent. Diese Modelle haben keine Ahnung, was Wörter eigentlich bedeuten." Dennoch fließen die Investitionen weiter – Singtel baut mit Nvidia ein neues Forschungszentrum für sichere KI-Infrastruktur. Der Glaube an die Revolution ist ungebrochen, auch wenn die Bewertungen Schwindel erregen.
Die EZB wartet, Merz reist
Die Europäische Zentralbank verharrt derweil in komfortabler Passivität. Der Einlagensatz bleibt bei 2,0 Prozent – die fünfte Zinspause in Folge. Bei einer Eurozonen-Inflation von 1,7 Prozent im Januar hat Christine Lagarde keinen Handlungsdruck.
Die Sorgenfalten in Frankfurt gelten eher dem Euro. Die Gemeinschaftswährung stieg zuletzt zeitweise über 1,20 Dollar – der höchste Stand seit über drei Jahren. EZB-Vizepräsident de Guindos betrachtet diese Marke als kritisch: gut für die Inflationsbekämpfung, schlecht für unsere Exporteure.
Genau diese Exporteure wird Bundeskanzler Friedrich Merz im Hinterkopf haben, wenn er morgen zu seiner 30-stündigen China-Reise aufbricht. Es ist eine diplomatische Gratwanderung zwischen unverzichtbarem Handelspartner und systemischem Rivalen. De-Risking, Rohstoffabhängigkeiten, der vierte Jahrestag des Ukraine-Kriegs – die Agenda ist so komplex wie brisant.
Der Blick nach vorn
Wir stehen vor entscheidenden 48 Stunden. Morgen Abend werden Nvidias Zahlen zeigen, ob der globale KI-Trade eine neue Zündung erfährt – oder ob die 50-Milliarden-Wette der Shortseller aufgeht. Es ist der Stimmungstest für die gesamte Technologiebranche.
Die 25.000-Punkte-Marke des DAX wird von beiden Seiten unter Beschuss genommen: von den Zollsorgen aus Washington und den KI-Signalen aus dem Silicon Valley.
Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag und stets einen kühlen Kopf.
Herzlichst, Ihr
Eduard Altmann








