Liebe Leserinnen und Leser,

was passiert, wenn ein Unternehmen alles richtig macht, die kühnsten Erwartungen meilenweit übertrifft – und der Markt trotzdem nur müde mit den Schultern zuckt? Genau diese Frage drängt sich an diesem Donnerstag auf.

Wir erleben eine faszinierende, aber auch gefährliche Phase: Perfektion ist zur neuen Basislinie geworden. Wer an der Börse begeistern will, muss nicht nur liefern, er muss zaubern. Diese Lektion lernten in den vergangenen 24 Stunden gleich mehrere Schwergewichte auf beiden Seiten des Atlantiks. Während der DAX sich heute Mittag mit einem moderaten Plus von 0,27 Prozent auf 25.244 Punkte rettete und damit seine jüngsten Verluste abschüttelte, brodelt es unter der Oberfläche gewaltig.

Nvidia liefert – und niemand jubelt

Beginnen wir mit dem Elefanten im Raum: Nvidia. Gestern Abend fragte ich noch, ob die Quartalszahlen des Chip-Giganten die Richtung für die kommenden Wochen vorgeben würden. Die Antwort fiel spektakulär aus – zumindest auf dem Papier. Der Umsatz lag 3 Milliarden Dollar über der Prognose, der Ausblick übertraf den Konsens um satte 5 Milliarden. Analysten sprechen vom „größten und saubersten Beat aller Zeiten\". Das Management verspricht Wachstum für jedes einzelne Quartal dieses Jahres.

Die Reaktion der Wall Street? Ein kaum veränderter Handelsstart. Solide Ausführung reicht bei diesen Bewertungen schlichtweg nicht mehr aus, um neue Kursfeuerwerke zu zünden.

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Passend zu Nvidias beeindruckenden Zahlen hat der Tech-Experte Bernd Wünsche eine umfassende Analyse zum globalen Chip-Krieg zwischen den USA und China durchgeführt. In seinem kostenlosen Webinar zeigt er, welches Halbleiter-Unternehmen vom 280-Milliarden-Dollar-CHIPS-Act der US-Regierung besonders profitieren könnte. Wünsche analysiert konkret, warum diese noch weitgehend unbekannte Aktie als "die neue Nvidia" gehandelt wird und welches Potenzial sie im aktuellen Chip-Wettrüsten bietet. Sie erfahren, wie der geopolitische Konflikt um Taiwan die gesamte Halbleiter-Lieferkette umkrempelt und welche Investmentchancen sich daraus ergeben. Details zur Chip-Sektor-Analyse

Noch härter traf es Salesforce. Der Softwarekonzern enttäuschte mit einem Umsatzausblick von rund 46 Milliarden Dollar für das Geschäftsjahr 2026/27. Das traf zwar die Erwartungen, konnte aber eine tieferliegende Sorge nicht zerstreuen: die Angst, dass Künstliche Intelligenz das klassische Geschäftsmodell bedroht. Die Aktie gab nach.

Wie man den Markt stattdessen elektrisiert, zeigte Nutanix. Die Aktie schoss um 23 Prozent nach oben. Der Grund war nicht die Bilanz – die Prognose fiel sogar enttäuschend aus –, sondern ein strategischer Ritterschlag: AMD investiert 150 Millionen Dollar zu 36,26 Dollar je Aktie, um gemeinsam eine KI-Infrastrukturplattform für agentenbasierte Anwendungen zu entwickeln. Fantasie schlägt hier die nackten Zahlen.

Europas Finanzen: Milliardengewinne, Milliardenstrafen

Auch in Europa zeigt sich der Markt von seiner unerbittlichen Seite. Munich Re hat 2025 trotz der verheerenden Waldbrände in Los Angeles das Gewinnziel übertroffen und den Überschuss um gut sieben Prozent auf 6,1 Milliarden Euro gesteigert. Für 2026 peilt der Rückversicherer 6,3 Milliarden an. Doch weil Analysten noch optimistischer waren und die Preise im Schaden- und Unfallgeschäft sinken, gab die Aktie nach. Selbst Rekorde werden bestraft, wenn sie nicht rekordverdächtig genug ausfallen.

In Frankfurt öffnete unterdessen die Europäische Zentralbank ihre Bücher. Das Jahr 2025 schließt die Notenbank mit einem Verlust von 1,265 Milliarden Euro ab. Eine deutliche Besserung gegenüber dem historischen Minus von knapp 8 Milliarden im Vorjahr – aber auch in diesem Jahr gibt es keine Gewinnausschüttung an die nationalen Zentralbanken. Die Bundesbank, die am kommenden Donnerstag ihren eigenen Abschluss vorlegt, wird erneut leer ausgehen. Erst für 2026 oder 2027 stellt die EZB wieder schwarze Zahlen in Aussicht – wenn die bilanziellen Narben der milliardenschweren Anleihekäufe endlich verheilt sind.

Der ETS-Schock und Brüssels Bürokratie-Kritik

Während der MDAX um 0,89 Prozent nachgab, erlebten die Zementhersteller ein regelrechtes Beben. Heidelberg Materials brach am Vormittag um fast sechs Prozent ein, Holcim verlor in der Schweiz vier Prozent. Der Auslöser: ein politischer Vorstoß aus Rom. Italien drängt offenbar darauf, das europäische Emissionshandelssystem (ETS) auszusetzen, um energieintensive Unternehmen zu entlasten. Während die Chemiebranche diese Debatte begrüßt, gerät die Zementindustrie unter massiven Druck.

Es ist nicht die einzige Baustelle europäischer Industriepolitik. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche fand in Brüssel ungewohnt scharfe Worte für die EU-Kommission. Der geplante „Industrial Accelerator Act\" sei „der 50. Vorschlag, parallel zu schon 49 existierenden\", kritisierte die CDU-Politikerin. Mit 30 zusätzlichen Subregelungen gleiche das Gesetz einer Überforderung der Wirtschaft.

Dass die Unsicherheit in den Chefetagen wächst, belegt auch eine neue Umfrage von MillTechFX: Fast 90 Prozent der mittelständischen Unternehmen in Europa und Nordamerika sichern mittlerweile ihre Währungsrisiken ab – im Vorjahr waren es noch 81 Prozent. Geopolitik und Marktvolatilität zwingen zum Handeln. Wie real diese Verschiebungen sind, zeigt der Blick nach Warschau: Polen erhöht seine Verteidigungsausgaben für 2026 auf gewaltige 4,8 Prozent der Wirtschaftsleistung – 46,6 Milliarden Euro gegen die russische Bedrohung.

Ein bayerischer Hoffnungsschimmer

Zum Schluss eine Nachricht, die zeigt, dass Deutschland noch groß denken kann: In Garching fiel der Startschuss für einen zwei Milliarden Euro teuren Forschungsreaktor zur Kernfusion. RWE, das Start-up Proxima Fusion und das Max-Planck-Institut wollen gemeinsam den Demonstrationsreaktor „Alpha\" entwickeln. Das langfristige Ziel: das erste kommerzielle Magnetfusions-Kraftwerk am Standort des ehemaligen AKW Gundremmingen. Eine Wette auf die ferne Zukunft – aber genau diese Wetten braucht der Standort Europa jetzt.

Was wir mitnehmen

Die Märkte haben in den letzten Monaten so viel Zukunft eingepreist, dass die Gegenwart kaum noch mithalten kann. Wenn selbst Nvidias Rekorde keine Euphorie mehr auslösen und Munich Res Milliardenprofite abverkauft werden, ist das ein klares Signal: Die Fallhöhe der Börsenstars ist enorm geworden. Anleger suchen nicht mehr nur nach guten Zahlen, sondern nach der nächsten unentdeckten Story – wie heute bei Nutanix.

Ich wünsche Ihnen einen klaren Kopf in diesen anspruchsvollen Märkten und einen erfolgreichen restlichen Donnerstag.

Herzlichst, Ihr

Eduard Altmann