Mit dem Einstieg des Abu-Dhabi-Investors XRG hat sich bei Covestro die Machtbasis grundlegend verschoben. Parallel kämpft der Kunststoffspezialist mit schwacher Nachfrage und Preisdruck, setzt aber weiter auf Kostensenkungen und gezielte Zukäufe. Wie passt dieser Strategiewechsel zur aktuellen Kursentwicklung?

Der Aktienkurs notiert heute bei 66,00 US‑Dollar und damit auf dem 52‑Wochen-Hoch. In den vergangenen 30 Tagen legte die Aktie rund 12 % zu – ein deutlicher Kontrast zur angespannten operativen Lage.

XRG übernimmt Kontrolle – Freefloat schrumpft

Die entscheidende Zäsur kam mit dem Abschluss der XRG-Transaktion am 10. Dezember 2025. Der frühere Staatskonzern ADNOC International Limited, heute XRG P.J.S.C., ist nun klarer Mehrheitsaktionär.

Wesentliche Eckpunkte des Deals:

  • XRG hält 95,1 % aller ausstehenden Covestro-Aktien
  • Kapitalerhöhung über 1,17 Milliarden Euro durchgeführt
  • Freefloat auf rund 4,9 % gesunken
  • Transaktionsvolumen etwa 11,7 Milliarden Euro bei 62 Euro je Aktie

Der stark gesunkene Streubesitz hatte bereits Ende 2024 Konsequenzen: Covestro schied aus dem DAX aus, da der Freefloat unter die erforderliche 10‑Prozent-Marke fiel. Für institutionelle Investoren, die an Indexzugehörigkeit gebunden sind, hat das die Attraktivität der Aktie eingeschränkt. Gleichzeitig sichert der neue Großaktionär über die Kapitalerhöhung frische Mittel für die weitere Transformation.

Die Bewertung am Markt spiegelt die neue Situation wider. Mit 66,00 US‑Dollar liegt der Kurs aktuell exakt auf dem 52‑Wochen-Hoch und rund 10 % über dem 200‑Tage-Durchschnitt. Trotz dieser Stärke signalisiert ein 14‑Tage-RSI von 30,3, dass der Titel zuletzt eher abgekühlt als überhitzt war.

Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrats und im Finanzressort

Mit dem Eigentümerwechsel gehen personelle Veränderungen einher. Zum 20. Dezember 2025 übernahm Dr. Rainer Seele, President of Global Chemicals bei XRG, den Vorsitz im Aufsichtsrat. Er löste Dr. Richard Pott ab, der das Gremium seit der Ausgliederung und dem Börsengang 2015 geführt hatte.

Auch im Vorstand kommt Bewegung auf: Finanzvorstand Christian Baier wird das Unternehmen nach Ablauf seines Vertrags im September 2026 auf eigenen Wunsch verlassen. Die Ankündigung schafft frühzeitig Klarheit, gibt Covestro aber auch Zeit für eine geordnete Nachfolgeplanung. CEO Dr. Markus Steilemann bleibt an der Spitze des operativen Geschäfts und bildet damit die Kontinuitätsachse in einer Phase strategischer Neuaufstellung.

Operative Schwäche trifft auf Preisdruck

Parallel zur Eigentümerumbildung bleibt das operative Umfeld schwierig. Die Zahlen für das dritte Quartal 2025 zeigen, wie stark Covestro unter Nachfrageschwäche und Preisdruck leidet.

Die wichtigsten Kennziffern:

  • Umsatz: 3,2 Milliarden Euro, ein Rückgang von 12 % gegenüber dem Vorjahr
  • EBITDA: 242 Millionen Euro, minus 15,7 %
  • Konzernergebnis: –47 Millionen Euro (Verlust)
  • EBITDA-Prognose für das Gesamtjahr: 700 bis 800 Millionen Euro

Auslöser sind vor allem niedrigere Verkaufspreise (–7 %) und negative Währungseffekte (–3,5 %). Hinzu kommt ein Sondereffekt: Ein Brand an einer externen Schaltanlage im Chempark Dormagen führte zu zusätzlichen Belastungen im mittleren zweistelligen Millionenbereich. Insgesamt zeigt sich damit ein belastetes Bild, das ohne Gegenmaßnahmen klare Spuren in der Profitabilität hinterlassen würde.

Kostensenkungen greifen – Transformation „STRONG“

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Genau hier setzt das Transformationsprogramm „STRONG“ an. Ziel ist eine strukturelle Senkung der Kosten und eine effizientere Aufstellung des Konzerns.

Stand heute:

  • Rund 320 Millionen Euro an jährlichen Einsparungen sind bereits realisiert
  • Zielgröße: 400 Millionen Euro pro Jahr bis 2028
  • Für 2025 werden Einsparungen von etwa 250 Millionen Euro erwartet

Die bislang erreichten 320 Millionen Euro zeigen, dass das Programm Wirkung entfaltet. In Verbindung mit der frischen Eigenkapitalbasis aus der XRG-Transaktion schafft das finanziellen Spielraum, um die Schwäche im Tagesgeschäft zumindest teilweise zu kompensieren und gleichzeitig in Wachstumsfelder zu investieren.

Zukäufe und EU-Auflagen formen das Profil

Trotz des schwierigen Umfelds setzt Covestro seine Strategie selektiver Akquisitionen fort. Der Konzern stärkt damit gezielt margenstärkere und spezialisierte Bereiche.

Zentrale Transaktionen 2025:

  • Übernahme der Pontacol AG, eines Schweizer Herstellers von Mehrschicht-Klebefolien, im August 2025 abgeschlossen
  • Vereinbarung mit Vencorex zum Erwerb von Produktionsstandorten in Thailand und den USA

Diese Zukäufe ergänzen das Portfolio in Anwendungen mit höherer technologischer Differenzierung. Sie passen zur Ausrichtung auf Premium-Materialien für wachstumsstarke Endmärkte.

Die XRG-Übernahme blieb zudem nicht ohne regulatorische Auflagen. Die EU-Kommission genehmigte den Deal nach vertiefter Prüfung unter der Foreign Subsidies Regulation, knüpfte die Freigabe aber an Bedingungen:

  • Anpassung der XRG-Satzung, um sicherzustellen, dass keine Abweichung vom üblichen Insolvenzrecht der Vereinigten Arabischen Emirate entsteht
  • Verpflichtung, bestimmte Covestro-Patente im Nachhaltigkeitsbereich zu transparenten Bedingungen mit ausgewählten Marktteilnehmern zu teilen

Diese Auflagen sollen Wettbewerbsverzerrungen und eine zu starke Abschottung technologisch wichtiger Nachhaltigkeitslösungen verhindern. Für Covestro bedeutet das: Zugang zu Kapital und Marktchancen des neuen Großaktionärs, zugleich aber klare Grenzen bei der Nutzung bestimmter Patente.

CES 2026: Technologie-Fokus unter neuer Eigentümerstruktur

Den Blick nach vorne richtet Covestro Anfang Januar 2026 auf der CES in Las Vegas. Unter dem Motto „The Material Effect“ präsentiert der Konzern vom 6. bis 9. Januar Hochleistungspolymere für Zukunftsbranchen:

  • Elektromobilität
  • KI-Geräte
  • 5G-Anwendungen

Die Messe dient dabei als Schaufenster für die Bereiche, in denen Covestro unter XRG-Mehrheit besonderes Wachstum anstrebt. Der Fokus auf Anwendungen rund um E‑Autos, vernetzte Geräte und moderne Kommunikation passt zur strategischen Ausrichtung auf hochwertige Materialien für technologiegetriebene Industrien.

Am Ende steht ein Konzern im Übergang: Ein dominanter neuer Eigentümer, ein straffer Kostensenkungskurs, gezielte Zukäufe und ein klarer Fokus auf Zukunftsfelder treffen auf ein weiterhin schwaches operatives Umfeld. Die CES-Auftritte und die Umsetzung des Programms „STRONG“ in den kommenden Jahren werden zeigen, ob Covestro die finanzielle und strukturelle Basis nutzen kann, um die aktuelle Ertragsdelle in nachhaltiges Wachstum zu drehen.

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