Liebe Leserinnen und Leser,

gestern bat ich Sie, auf die Zwischentöne von Christine Lagarde zu achten. Nun, die EZB-Chefin hat geliefert – nur nicht das, was die Märkte hören wollten. Der Leitzins bleibt bei 2,0 Prozent. Die Inflationsprognose für 2026 springt von 1,9 auf 2,6 Prozent. Und heute Morgen kippen reihenweise die Zinsprognosen der großen Investmentbanken. Die Botschaft ist unmissverständlich: Aus der Zinspause könnte eine Zinswende nach oben werden.

Es ist Freitag, der 20. März 2026. Hinter uns liegt eine Handelswoche, die schonungslos offengelegt hat, wie fragil das globale Wirtschaftsgefüge drei Wochen nach Ausbruch des direkten Krieges zwischen den USA, Israel und dem Iran bleibt. Lassen Sie uns die losen Fäden entwirren.

Der 140-Millionen-Barrel-Joker

Dass der Ölpreis am Vormittag um fast zwei Prozent nachgibt und Brent wieder in Richtung 106 Dollar rutscht, ist kein Zufall. Es ist das Ergebnis konzertierter Notoperationen. US-Präsident Trump hat Israels Premier Netanjahu unmissverständlich aufgefordert, weitere Angriffe auf die iranische Energieinfrastruktur zu unterlassen. Gleichzeitig zieht Washington den ultimativen Joker: Die USA prüfen ernsthaft, die Sanktionen gegen 140 Millionen Barrel iranisches Öl aufzuheben, das sich bereits auf See befindet.

Flankiert wird der Vorstoß von der Internationalen Energieagentur, die gewaltige 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven freigeben will. Und eine Allianz aus Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Japan sichert den Seeweg durch die Straße von Hormus – das Nadelöhr für 20 Prozent des globalen Öltransports. Vergangene Woche noch lag Brent bei 116 Dollar. Die Richtung stimmt.

Nur: An den Rollfeldern der Welt kommt die Entspannung nicht an. Kerosin kostet mittlerweile 175 Dollar pro Barrel – ein Anstieg von fast 83 Prozent innerhalb eines Monats. British Airways streicht Flüge bis in den Mai, SAS und Air New Zealand kappen Kapazitäten, das britische Außenministerium warnt vor weltweiten Reiseunterbrechungen. Wer globale Lieferketten versteht, weiß: Unbezahlbares Kerosin ist der Vorbote des nächsten Inflationsschubs.

Das Frankfurter Paradoxon

Genau diese Inflationsangst war gestern im Frankfurter Ostend greifbar. Die EZB hält den Leitzins bei 2,0 Prozent – die sechste Zinspause in Folge. Formal ein Akt der Stabilität. Faktisch ein Eingeständnis der Ohnmacht. Die nach oben korrigierte Inflationsprognose von 2,6 Prozent für 2026 spricht eine deutlichere Sprache als jede Pressekonferenz.

Und die Konsequenzen folgen prompt. Ökonomen von JP Morgan, Morgan Stanley und der Deutschen Bank haben heute Morgen ihre Prognosen über den Haufen geworfen. Sie erwarten nun Zinserhöhungen der EZB innerhalb der nächsten Monate. Der eskalierende Nahostkonflikt und der damit verbundene Energiepreisschock lassen den Währungshütern kaum eine Alternative. Die Formel, die ich gestern beschrieb – Ölpreis erzwingt Inflation, Inflation verhindert Zinssenkungen – hat sich verschärft. Aus „keine Senkung\" wird nun „mögliche Erhöhung\". Die Ära der Zinssenkungshoffnungen ist vorerst beendet.

Hexensabbat unter Hochspannung

Am deutschen Aktienmarkt entlud sich diese toxische Mischung aus Zinsangst und geopolitischer Unsicherheit. Der DAX startete freundlich, rutschte dann unter die psychologisch wichtige Marke von 23.000 Punkten. Verstärkt wird die Volatilität durch den heutigen großen Verfalltag an den Terminbörsen – den sogenannten Hexensabbat, an dem Optionen und Futures gleichzeitig auslaufen.

Der Blick auf die Sektoren offenbart eine bemerkenswerte Rotation. Rüstungswerte wie Rheinmetall und Hensoldt geben trotz bester Auftragslagen Gewinne ab. Bau- und Baustoffkonzerne wie Hochtief und Heidelberg Materials hingegen wittern Morgenluft. Vage Hoffnungen auf ein schnelleres Kriegsende, genährt durch Aussagen aus Israel, trieben den europäischen Bausektor um 1,6 Prozent nach oben. Der Markt beginnt, Friedensdividenden einzupreisen – noch bevor es Frieden gibt.

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Für Anleger, die sich fragen, wie sie in einem Umfeld aus Zinsangst, Geopolitik und Hexensabbat-Volatilität handlungsfähig bleiben, hat Börsenstratege Jörg Mahnert eine konkrete Antwort. In seinem Webinar „Der Absahnplan" zeigt er eine Methode, die unabhängig von der Marktrichtung funktioniert – ob der DAX steigt, fällt oder seitwärts läuft. Das Konzept kommt mit ein bis zwei Trades pro Woche aus und zielt darauf ab, aus überschaubarem Einsatz schrittweise signifikante Gewinne aufzubauen. Zur Webinar-Aufzeichnung von Jörg Mahnert

Fundamental bleibt die deutsche Wirtschaft ein Balanceakt. Die Bundesbank prognostiziert für dieses Jahr magere 0,6 Prozent Wachstum, das DIW ist mit 1,3 Prozent etwas optimistischer. Getragen wird diese zarte Erholung fast ausschließlich vom Staat: Rund 500 Milliarden Euro fließen in Infrastruktur und Verteidigung. Die Achillesferse bleibt die Energie. Ab Januar soll ein subventionierter Industriestrompreis Abhilfe schaffen – ein Pflaster auf eine Wunde, die der Krieg am Golf täglich aufreißt.

Fluchtpunkte und neue Fronten

Auch Krypto-Anleger suchen derzeit vergeblich nach dem sicheren Hafen. Bitcoin pendelt nervös um die 70.000-Dollar-Marke, belastet von ETF-Abflüssen in Höhe von 219 Millionen Dollar und der Aussicht auf längerfristig hohe Zinsen. Vergangene Woche strömte noch institutionelles Geld in die Spot-ETFs. Jetzt kehrt sich der Fluss um.

In der Unternehmenswelt zeigt sich derweil, wo die Zukunftsmusik spielt – und wo regulatorische Bremsen greifen. Siemens investiert 140 Millionen Euro in den Ausbau seiner US-Werke in North und South Carolina, um vom rasanten Aufbau der KI-Rechenzentren zu profitieren. Ein weiteres Beispiel für europäisches Kapital, das den Atlantik überquert. In Brüssel hingegen rüsten die Wettbewerbshüter auf: Die EU-Kommission prüft nach einer Beschwerde der Cloud-Lobby – unterstützt von Amazon und Microsoft – das Lizenzierungsmodell von Broadcom für VMware-Produkte. Und apropos Amazon: Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Flop des Fire Phone plant der Konzern unter dem Codenamen „Transformer\" offenbar ein Smartphone-Comeback.

Quintessenz

Die Woche endet mit einem Paradoxon. Der Ölpreis fällt, die Diplomatie läuft – und trotzdem verschärfen sich die Bedingungen für Unternehmen und Anleger. Der Grund: Die Inflation, die der Energieschock ausgelöst hat, wirkt mit Verzögerung. Sie steckt im Kerosinpreis, in den Lieferketten, in den revidierten Prognosen der EZB. Selbst wenn morgen Frieden ausbräche, bliebe der geldpolitische Druck noch Monate bestehen.

Die entscheidende Frage für die kommende Woche ist nicht mehr, ob die EZB die Zinsen erhöht. Sondern wann.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende. Tanken Sie Kraft – die kommende Handelswoche wird uns einiges abverlangen.

Herzlichst, Ihr

Eduard Altmann