Von der Bank in die Redaktion: Wie Susanne Bickel den Quereinstieg in den Finanzjournalismus meisterte
In der aktuellen Folge von „Börsepeople im Podcast S24/06" begrüßt Host Christian Drastil die Finanzjournalistin Susanne Bickel, die im Wirtschaftsressort der Presse über Börse, Banken und Geldpolitik berichtet. Im Gespräch zeichnet sich das Porträt einer Quereinsteigerin, die nach acht Jahren im Bankwesen den Sprung in den Journalismus wagte – und dabei Einblicke in die Transformation der Medienbranche, die Bedeutung von Finanzbildung und die Zukunft des Bankwesens durch künstliche Intelligenz liefert.
Acht Jahre Bankenwelt als Fundament
Susanne Bickel stammt aus Vorarlberg und begann ihre berufliche Laufbahn bei der Hypo Vorarlberg, wo sie fast acht Jahre lang im Bereich Sanierungsmanagement tätig war. Ihre Aufgabe bestand darin, Kundinnen und Kunden in finanziellen Schwierigkeiten zu betreuen und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten. Was auf den ersten Blick nach einem belastenden Tätigkeitsfeld klingt, beschreibt Bickel als lösungsorientierten und abwechslungsreichen Job. Man lerne dabei sehr viel darüber, wie Menschen mit Geld umgehen – und wie viele es eben nicht können.
Diese Praxiserfahrung sollte sich später als entscheidendes Asset für ihre journalistische Karriere erweisen. Denn wer das Innenleben einer Bank aus erster Hand kennt, bringt für die Berichterstattung über Finanzthemen eine Perspektive mit, die sich nicht allein durch Recherche ersetzen lässt. Gerade im Bereich der Bankenberichterstattung, der heute zu Bickels Schwerpunkten zählt, zahlt sich diese Erfahrung täglich aus.
Der Pandemie-bedingte Wendepunkt
Die Entscheidung für den Berufswechsel fiel ausgerechnet in einer Zeit, die für viele Menschen Stillstand bedeutete. Die COVID-19-Pandemie im Jahr 2020 verschaffte Bickel die nötige Zeit, sich intensiv mit einer Neuorientierung zu beschäftigen. Sie entdeckte die Österreichische Medienakademie – damals noch unter dem Namen Kuratorium für Journalistenausbildung –, die einzige Journalistenschule des Landes, und bewarb sich dort.
Die Ausbildung war geblockt organisiert, sodass sie parallel zu ihrer Banktätigkeit absolviert werden konnte. In zweiwöchigen Intensivblöcken lernten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von erfahrenen Journalisten das Handwerk – von der Recherche bis zum Schreiben. Unter den Vortragenden war auch Christian Ultsch von der Presse, der den Teilnehmern das Interviewführen beibrachte. „Natürlich, es macht schon großen Spaß, wenn man von Koryphäen in diesem Gebiet in Österreich diese ganzen Formate beigebracht bekommt", erinnert sich Bickel. Dass sie heute selbst an der Medienakademie unterrichtet, ist gewissermaßen ein Beweis dafür, dass ihr Ausbildungsweg funktioniert hat.
Die Investition von damals rund 4.000 bis 5.000 Euro habe sich in ihrem Fall vollständig ausgezahlt, betont Bickel. Neben dem fachlichen Handwerk sei vor allem das Netzwerk wertvoll gewesen – man lerne in dieser Ausbildung die richtigen Leute kennen.
Nach der Ausbildung bewarb sie sich bei den Vorarlberger Nachrichten, wurde sofort genommen und landete rasch in der Wirtschaftsredaktion. Von dort war der Weg zur Presse nicht mehr weit, die sie schließlich im Jänner 2022 nach Wien holte.
Der Alltag einer Finanzjournalistin bei der Presse
Im Wirtschaftsressort der Presse arbeitet Bickel in einem vierköpfigen Finanzteam gemeinsam mit Beate Lammer, Eduard Steiner und Nicole Stern. Das Themenspektrum reicht von börsenotierten Unternehmen – mit Schwerpunkt Österreich, aber auch international – über Geldpolitik und Zinsentscheidungen von EZB und Fed bis hin zur Bankenbranche.
Der Tagesablauf beginnt mit einer Morgenkonferenz um 8:30 Uhr, an der man physisch oder virtuell teilnehmen kann. Ein Detail, das die Geschwindigkeit des Wandels in der Medienbranche illustriert: Als Bickel vor vier Jahren bei der Presse begann, startete diese Konferenz noch um 11 Uhr. Die Vorverlegung um zweieinhalb Stunden spiegelt wider, wie sehr sich der Beruf unter dem Druck der digitalen Echtzeitberichterstattung verändert hat.
Einen klassischen Redaktionsschluss gibt es zwar noch für die Printausgabe, doch in der Praxis ist die Arbeit kaum an feste Zeiten gebunden. Als Beispiel nennt Bickel den Teilverkauf von AMS Osram, der abends um 20 oder 21 Uhr bekannt wurde. Wenn sie ein Unternehmen über längere Zeit begleitet habe und dann eine solche Nachricht komme, setze sie sich sofort an die Arbeit – nicht weil es jemand verlange, sondern aus eigenem Anspruch.
Die Medienformate haben sich dabei grundlegend erweitert. Audio und Video sind mittlerweile gleichwertig zum klassischen Schreiben. Der tägliche Podcast der Presse, bei dem jeweils das wichtigste Thema des Tages besprochen wird, ist fester Bestandteil des Outputs. Auch Bewegtbild wurde bereits produziert und soll in neuer Form fortgesetzt werden. Bickel betont die Bedeutung von Plattformen wie TikTok: Viele junge Menschen informierten sich ausschließlich über soziale Medien, weshalb Medien dort präsent sein müssten. Die Marke allein reiche nicht mehr – einzelne Videos müssten so gut sein, dass Menschen sich darüber informieren wollten.
Die Paywall-Strategie und der Wert von Qualitätsjournalismus
Bei der Frage nach der wirtschaftlichen Tragfähigkeit von Qualitätsjournalismus zeigt sich Bickel zuversichtlich. Die Paywall-Strategie der Presse funktioniere gut, in Österreich sei man damit Vorreiter. Gleichzeitig räumt sie ein, dass es nach wie vor Vorbehalte gebe, für Journalismus zu bezahlen – verständlich, aber bedauerlich, gerade wenn andere große Medien ihre Inhalte kostenlos zugänglich machten.
Die Konsequenz für die redaktionelle Arbeit ist klar: Es reicht nicht mehr, Pressekonferenzen einfach nachzuerzählen. Bilanzpressekonferenzen von ATX-Unternehmen besuche man selbstverständlich weiterhin, weil die persönliche Präsenz und der direkte Kontakt zu den Unternehmen wichtig seien. Aber die eigentlichen Geschichten, die Abonnements generieren, seien andere – Analysen, Hintergrundberichte, eigenständige Recherchen. „Dafür gibt es die APA oder dafür gibt es andere Medien, die frei zugänglich sind. Das ist eigentlich nicht unser Zugang", fasst Bickel die Philosophie zusammen. Auch der Umgang mit PR-Agenturen, die täglich Geschichten anbieten, gehöre zum Handwerk: die wirklich relevanten Themen herauszufiltern und sich nicht von gut verpackten, aber letztlich dünnen Storys vereinnahmen zu lassen. Dass ihr das am Anfang der Karriere auch einmal passiert sei, verschweigt sie nicht.
KI-Agenten als Gamechanger im Bankwesen
Eines von Bickels jüngsten Themen zeigt, wie sie ihre Bankenexpertise mit technologischer Neugier verbindet: In einem Artikel beschäftigte sie sich damit, wie KI-Agenten das Privatkundengeschäft der Banken grundlegend verändern werden. Die These: Künftig könnten KI-Agenten Geldgeschäfte ausschließlich rational bewerten – etwa bei der Kreditverhandlung. Das Jahr 2025 sei das Jahr, in dem KI-Agenten in der Breite ausgerollt würden, so Bickel. Für die Bankenwelt rechnet sie mit einem Zeithorizont von etwa drei Jahren, bis sich spürbare Veränderungen ergeben.
Finanzbildung: Gut gemeint, aber bitte wertfrei
Ein Thema, das Bickel besonders am Herzen liegt, ist die Finanzbildung in Österreich. Die nationale Finanzbildungsstrategie bewertet sie grundsätzlich positiv – sie sei so gut, dass sich sogar Deutschland etwas davon abschauen wolle. Beim Tempo gebe es allerdings Verbesserungspotenzial.
Kritisch sieht Bickel jedoch den Versuch des Klimaschutzministeriums, Green Finance in die Finanzbildungsstrategie zu integrieren. Der Ansatz, Menschen nicht nur Finanzwissen zu vermitteln, sondern sie gleichzeitig in Richtung bestimmter Investitionen – etwa zur Finanzierung des Kohle- und Ölausstiegs – zu lenken, verwässere die eigentliche Mission. Finanzbildung müsse wertfrei sein, sonst könne man sich die ganze Strategie sparen, so ihre klare Position. Green Finance habe durchaus seine Legitimation, dürfe aber nicht die Basis von Finanzbildung sein.
In diesem Zusammenhang verweist Drastil auch auf das unter dem damaligen Finanzminister Magnus Brunner diskutierte Vorsorgedepot, das aufgrund seiner einschränkenden Ausrichtung auf bestimmte Assetklassen kritisch gesehen wurde. Wenn politische Interessen hinter Anlageentscheidungen steckten, sei das nie das Beste für die Menschen.
Aus ihrer Bankenerfahrung weiß Bickel, wie gravierend die Folgen mangelnder Finanzbildung sein können. Besonders Frauen hätten in ihrer Zeit im Sanierungsmanagement oft nicht gewusst, was sie unterschrieben hatten. Das Problem liege nicht am Können, sondern am fehlenden Interesse oder der fehlenden Ermutigung. Gleichzeitig beobachtet sie, dass Finanzbildung mittlerweile stark von Frauen vorangetrieben wird. Eine Herausforderung bleibe aber, dass viele Frauen zwar Fragen stellten, dann aber den letzten Schritt – das tatsächliche Investieren – nicht wagten. Manchmal müsse man sich einfach mehr zutrauen, so Bickel. Und Finanzbildung lerne man letztlich auch erst wirklich an der Börse selbst, durch eigene Erfahrung mit Gewinnen und Verlusten.
Tennis und Vorarlberg: Die persönliche Seite
Abseits des Journalismus offenbart das Gespräch auch eine persönliche Leidenschaft: Tennis. Als leidenschaftliche Hobbyspielerin freut sich Bickel auf die Outdoor-Saison und verfolgt die Karriere des jungen Vorarlberger Tennisspielers Joel Schwärzler, der zuletzt auf ein Career High in der ATP-Weltrangliste vorgestoßen ist. Über den gemeinsamen Tennisclub in Vorarlberg besteht auch eine lose Verbindung zum ehemaligen ÖTV-Präsidenten und späteren Finanzminister Magnus Brunner.
Nach ihrem Umzug nach Wien hat Bickel im dritten Bezirk in der Nähe der Presse-Redaktion eine Wohnung gefunden und sich in der Stadt gut eingelebt.
Fazit: Ein Plädoyer für den mutigen Quereinstieg
Susanne Bickels Werdegang ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie ein Berufswechsel gelingen kann, wenn fachliche Kompetenz, persönliches Interesse und der richtige Zeitpunkt zusammentreffen. Acht Jahre Bankenerfahrung bilden heute das Fundament für eine Finanzberichterstattung, die über das bloße Nacherzählen von Pressekonferenzen hinausgeht. Die Medienakademie als Brücke zwischen den Welten, die Bereitschaft, sich auf neue Formate einzulassen, und ein klarer eigener Anspruch an die Qualität der Arbeit – all das macht ihren Weg nachvollziehbar und inspirierend.
„Ich habe diesen Schritt wirklich nie bereut. Und deswegen kann ich nur den Leuten Mut zusprechen, die doch noch einmal den Quereinstieg wagen wollen", fasst Bickel zusammen. In einer Medienbranche, die sich in rasantem Tempo verändert, sind es genau solche Perspektiven von außen, die den Journalismus bereichern können.








