In der aktuellen Episode von „Börsepeople im Podcast" zeichnet Host Christian Drastil den ungewöhnlichen Werdegang eines Gründers nach, der vom Europaparlament über die legendäre Startup-Szene der 2010er-Jahre bis zur Schnittstelle von künstlicher Intelligenz und Nachhaltigkeit gelangt ist.

Die Geschichte von Rainhard Fuchs ist eine Geschichte über das richtige Timing – und darüber, wie man trotz falschem Timing erfolgreich sein kann. Als der Mitgründer des Climate-Tech-Unternehmens Glacier im Februar 2020 beim Notar saß, um die GmbH-Gründung zu besiegeln, ahnte er bereits, dass etwas Ungewöhnliches auf die Welt zukommen würde. Zwei Wochen später stand diese still. Dass aus dem denkbar schlechtesten Zeitpunkt für eine Unternehmensgründung dennoch eine Erfolgsgeschichte wurde, sagt viel über die Mentalität aus, die in der österreichischen Startup-Szene herangereift ist.

Dieser Artikel ist eine Added Value Version zu den Key-Insights einer Podcastfolge von audio-cd.at, aufgewertet durch Archivbausteine. Die hier veröffentlichten Gedanken/Schlüsse sind weder als Empfehlung noch als ein Angebot oder eine Aufforderung zum An- oder Verkauf von Finanzinstrumenten zu verstehen und sollen auch nicht so verstanden werden. Der Handel mit Finanzprodukten unterliegt einem Risiko. Sie können Ihr eingesetztes Kapital verlieren.

Die Schule der Initiativbewerbungen

Was Fuchs' Karriere von Anfang an prägte, war eine bemerkenswerte Hartnäckigkeit. Schon während seines Jurastudiums in Graz folgte er einem Muster, das sich wie ein roter Faden durch seinen Werdegang zieht: die Initiativbewerbung. Brüssel, Los Angeles, Barcelona – Stationen, die auf den ersten Blick wenig mit einer klassischen Juristenkarriere zu tun haben, öffneten sich durch proaktives Handeln.

Das Praktikum im Europäischen Parlament bei der späteren Ministerin Elisabeth Köstinger war dabei mehr als ein Karrieresprungbrett. Es formte eine Überzeugung, die Fuchs auch Jahre später noch vehement vertritt: „Die Europäische Union ist eine Gemeinschaft. Und am Ende vom Tag ist das Hauptziel der Europäischen Union, was wir leider ein bisschen auch wieder vergessen haben, Frieden." In Zeiten, in denen europäische Institutionen unter Dauerbeschuss stehen, ist diese Haltung bemerkenswert klar.

Die Lektionen aus Brüssel waren praktischer Natur: komplexe Themen durchdringen, Schlüsse ziehen, unter Druck arbeiten. Fähigkeiten, die sich später als unverzichtbar erweisen sollten – sowohl bei der Organisation internationaler Events als auch beim Aufbau eines Technologie-Unternehmens.

Das Pioneers-Phänomen und die verpasste Chance Österreichs

Die eigentliche Transformation begann, als Fuchs auf Andreas Schaas traf. Der spätere Mitgründer von Glacier war damals bereits eine zentrale Figur im österreichischen Startup-Ökosystem. Das Pioneers Festival in der Wiener Hofburg hatte sich zu einem der bedeutendsten Technologie-Events Europas entwickelt – mit 4.000 Teilnehmern am Höhepunkt, begrenzt nur durch polizeiliche Auflagen.

Was Fuchs über diese Zeit berichtet, liest sich wie eine Chronik einer verpassten Gelegenheit. 2016 betrat Bundeskanzler Christian Kern die Bühne des Festivals und erklärte Startups zur Zukunft des Landes. Es war ein Moment, der Aufbruchstimmung signalisierte. Die großen österreichischen Konzerne – von der Post bis zu A1 – präsentierten sich stolz, internationale Marken wie Visa und Cisco waren Partner. „Da war schon einiges in Bewegung", erinnert sich Fuchs.

Die Verbindung zwischen etablierten Unternehmen und jungen Gründern, die damals gelang, ist seither nicht mehr in dieser Intensität reproduziert worden. Das Festival schaffte etwas, das in der österreichischen Wirtschaftskultur selten ist: Es machte Innovation zum gesellschaftlichen Ereignis, bei dem niemand fehlen wollte. Die FOMO – Fear of Missing Out – trieb selbst konservative Konzernlenker in die Hofburg.

Die Internationalisierung führte Fuchs schließlich nach Tokio. In Zusammenarbeit mit Nikkei, der größten Wirtschaftstageszeitung der Welt mit damals über vier Millionen Auflage täglich, organisierte er das größte Startup-Event Südostasiens. Ein 19-monatiges Projekt, das ihm tiefen Respekt vor dem japanischen Wirtschaftssystem einbrachte – und die Erkenntnis, dass auch dort Innovation dringend benötigt wird.

Der Gründungsmut in der Pandemie

Als Pioneers Geschichte war und Fuchs gemeinsam mit Schaas nach neuen Herausforderungen suchte, kristallisierte sich schnell ein Thema heraus: Nachhaltigkeit. Die Fridays-for-Future-Bewegung hatte das gesellschaftliche Bewusstsein geschärft, doch die zentrale Frage blieb unbeantwortet: Wer löst eigentlich das Problem?

Die Antwort sollte Glacier sein. Ein Unternehmen mit zwei Säulen: erstens die Fort- und Weiterbildung von Mitarbeitern in Nachhaltigkeitsthemen, zweitens – und hier wird es für börsennotierte Unternehmen besonders relevant – die KI-gestützte Erstellung von Nachhaltigkeitsberichten und Ratings.

Die Gründung im Februar 2020 zwang zu sofortiger Anpassung. Die geplante Community mit physischen Events? Undenkbar in einer Welt des Lockdowns. Die digitalen Werkzeuge für CO2-Reduktion? Plötzlich wichtiger denn je. Fuchs und sein Team iterierten, passten an, überlebten. Der erste Climate Impact Day 2021 im WUK fand unter Vorsichtsmaßnahmen statt – Speaker ohne Publikum, Applaus nur virtuell. „Das war halt schon sonderbar", gibt Fuchs zu.

Die CSRD als Geschäftsmodell

Was Glacier heute für börsennotierte Unternehmen interessant macht, ist die Lösung eines Problems, das viele Vorstände und Investor-Relations-Teams umtreibt: die Corporate Sustainability Reporting Directive, kurz CSRD. Die EU-Richtlinie zur Nachhaltigkeitsberichterstattung hat den Dokumentationsaufwand für Unternehmen massiv erhöht – und damit einen Markt für intelligente Lösungen geschaffen.

Glacier nutzt Large Language Models, um Nachhaltigkeitsberichte effizienter zu erstellen und Ratings vorzubereiten. Die Kundenliste liest sich wie ein Who's Who der deutschsprachigen Wirtschaft: EVN, Andritz, Flughafen Wien, Verbund, Strabag aus dem ATX, dazu internationale Größen wie die Würth-Gruppe mit 9.000 Mitarbeitern, Knauf, Still und die Otto-Gruppe.

Der Zugang zu diesen Unternehmen erfolgte über einen unerwarteten Kanal: die Investor-Relations-Abteilungen. „Die Unternehmen sind zu mir gekommen und haben gesagt, ich brauche mein Investor Relations Team dafür, weil die Berichterstattung liegt ganz oft im Investor Relations Team", erklärt Fuchs die Logik. Was als Nachhaltigkeits-Startup begann, ist damit zum Partner für Kapitalmarktkommunikation geworden.

Die Präsenz bei Fachveranstaltungen wie der CIRA-Jahrestagung – dem jährlichen Treffen der österreichischen Investor-Relations-Community – ist die logische Konsequenz. Glacier verkauft nicht mehr nur Klimabewusstsein, sondern Effizienz in einem regulatorischen Umfeld, das immer komplexer wird.

Das Mindset-Problem der deutschsprachigen Wirtschaft

Ein bemerkenswerter Teil des Gesprächs widmet sich der psychologischen Dimension von Wirtschaft. Fuchs war kürzlich beim „Gipfeltreffen der Weltmarktführer" der Wirtschaftswoche, einer Veranstaltung, bei der sich deutsche Mittelständler austauschen. Sein Eindruck: „Deutschland ist auch gut im Jammern, so wie Wien."

Die Diagnose ist nicht neu, aber Fuchs' Schlussfolgerung verdient Aufmerksamkeit: „Wirtschaft ist ja auch nichts anderes in gewissen Ausmaßen als Psychologie. Das heißt, wenn man sich einredet, dass das nichts wird und dass der Standort so abgesandelt ist, dann wird man auch nichts erreichen."

Er verweist auf Reden von Konzernchefs wie denen von Miele oder Würth, die eine andere Haltung verkörpern: Die Rahmenbedingungen akzeptieren, aber nicht auf die Politik warten. „Wenn man erfolgreich ist, dann ist man es nicht wegen der Politik, sondern trotz der Politik."

Der Vergleich mit den USA drängt sich auf – dort würde sich niemand hinstellen und über die schlechten Bedingungen klagen. Die Mentalität des „Wir haben alle richtigen Voraussetzungen und wir müssen nur tun" fehlt in Europa häufig. Es ist eine Beobachtung, die über Glacier hinausweist und grundsätzliche Fragen zur Wettbewerbsfähigkeit des Standorts aufwirft.

Die Linsey-Vonn-Philosophie des Unternehmertums

Fuchs zieht eine überraschende Parallele zur Skifahrerin Lindsey Vonn, die bei den Olympischen Winterspielen trotz Verletzung antrat und schwer stürzte. Ihr Statement danach – „The only real failure in life is not trying" – resoniert mit seiner eigenen Unternehmerphilosophie.

„Man muss groß denken", sagt Fuchs. Die Statistik ist brutal: Nach fünf Jahren sind neun von zehn Startups verschwunden. Glacier ist im siebten Jahr. Aber Überleben ist für Fuchs nicht das Ziel – er will „das Ding richtig groß erfolgreich machen".

Diese Haltung steht im Kontrast zu einer Gesellschaft, die Risiko zunehmend scheut. Fuchs kritisiert indirekt die Tendenz, bei Schulwettbewerben alle gleichzeitig ins Ziel kommen zu lassen: „Es ist gut so, wenn man auch wirklich nach oben strebt und auch dabei scheitert."

Die Synthese von Wirtschaft und Nachhaltigkeit

Die vielleicht wichtigste These des Gesprächs betrifft das Verhältnis von Ökonomie und Ökologie. Für Fuchs ist die Trennung künstlich: „Wirtschaft oder Nachhaltigkeit" sei das falsche Framing, es müsse „Wirtschaft und Nachhaltigkeit" heißen.

Das Stichwort Kreislaufwirtschaft illustriert seinen Punkt: Was früher Müll war, wird zur Ressource. Neue Geschäftsmodelle entstehen nicht trotz, sondern wegen Nachhaltigkeitsanforderungen. Es ist eine Perspektive, die in der Debatte um ESG-Regulierung oft untergeht, wenn Compliance-Kosten beklagt werden.

Glacier selbst ist der lebende Beweis dieser These. Ein Unternehmen, das aus der Klimakrise ein Geschäftsmodell entwickelt hat – nicht durch Greenwashing, sondern durch konkrete Werkzeuge, die Unternehmen helfen, ihre Nachhaltigkeitsziele zu erreichen und darüber zu berichten.

Ausblick: Die nächste Phase der Transformation

Mit der Unterstützung von Hans Hansmann, einem der erfahrensten Business Angels im deutschsprachigen Raum, ist Glacier gut positioniert für weiteres Wachstum. Das Netzwerk der Hansmann-Group bietet nicht nur Kapital, sondern auch Zugang zu Erfahrung und gegenseitigem Lernen – zweimal jährlich tauschen sich die Portfolio-Unternehmen aus, über Erfolge und Misserfolge gleichermaßen.

Die Frage ist, ob das Timing, das 2020 so ungünstig schien, sich langfristig als Vorteil erweist. Die CSRD-Pflichten werden ausgeweitet, immer mehr Unternehmen müssen berichten. Der Markt für Glaciers Lösungen wächst strukturell.

Für die österreichische und deutsche Wirtschaft stellt sich eine größere Frage: Gelingt es, die Nachhaltigkeitstransformation als Chance statt als Bürde zu begreifen? Unternehmer wie Rainhard Fuchs zeigen, dass beides möglich ist – wenn man bereit ist, auch dann anzutreten, wenn das Risiko groß erscheint.