Vom Handelszettel zur Nanosekunde: Vier Jahrzehnte Wertpapiergeschäft im Wandel, Happy Birthday Wilhelm Brad
In der Episode „Börsepeople im Podcast S20/17" empfängt Christian Drastil einen Gast, der wie kaum ein anderer die Transformation des österreichischen Kapitalmarkts aus erster Hand miterlebt hat: Wilhelm Brad, Head of Security Servicing and Solutions bei der Erste Group Bank, seit 1986 im Institut tätig (er feiert heute den 60er, alles Gute!) und damit bald 40 Jahre lang Zeuge und Gestalter einer fundamentalen Umwälzung.
Vom Schulausflug zur Börsekammer bis zum elektronischen Pionier
Wilhelm Brads Weg in die Finanzwelt begann mit einem denkwürdigen Schulausflug während seiner Handelsakademie-Zeit. Die Klasse besuchte die Wiener Börse auf der Ringstraße – die klassische Präsenzbörse. Brad erinnert sich lebhaft an den Kontrast zwischen den spektakulären Börsenfilmen aus Amerika und London und der Realität in Wien: „Dann habe ich die Börse in Wien gesehen, wo ungefähr fünf Leute fahrt herumgestanden sind und habe mir gedacht, den Job würde ich nie haben. Das war damals wirklich ein bisschen traurig, wenn man die Filme vorher gesehen hat."
Dennoch faszinierte ihn das Wertpapiergeschäft als Ganzes. Er bewarb sich bei mehreren Banken und erhielt von der damaligen Ersten Österreichischen Sparkasse – noch mit C geschrieben und ohne den Zusatz „Bank" – zwei Angebote: eines für die Wertpapierabwicklung und eines für die sogenannte Wertpapierportfolioberatung, in der Anlageberatung, Vermögensverwaltung und Research angesiedelt waren. Brad entschied sich für Letzteres und legte damit den Grundstein für eine Karriere, die sämtliche Facetten der Wertpapier-Wertschöpfungskette durchlaufen sollte.
Die Geburt der elektronischen Börsen in Österreich
In den späten 1980er Jahren kam das Thema Derivate auch in Europa auf. Die DTB (Deutsche Terminbörse) wurde als erste vollelektronische Termin- und Optionenbörse gegründet, und bald darauf folgte in Österreich die ÖTOB – die Österreichische Termin- und Optionenbörse. Brad war einer der ersten Mitarbeiter in seiner Bank, die sich mit diesen neuen Instrumenten beschäftigten. Er wurde als Vertreter der Ersten Österreichischen in das Vorbereitungsprojekt entsandt, entwarf die gesamten Abläufe und hielt anschließend die Schulungen für die Vertriebsmitarbeiter.
Das Wissen dafür holte sich Brad unter anderem bei deutschen Banken wie Trinkaus & Burkhardt und der Commerzbank, die bereits als große Player auf der DTB agierten. Dort erlebte er erstmals, wie Händler ausschließlich vor Bildschirmen saßen – ohne Präsenz am Parkett und ohne Telefonabsprachen. Eine Revolution für jemanden, der es gewohnt war, dass ein Händler morgens zur Börse ging, dort ein Einheitskurs pro Tag für die meisten Aktien gebildet wurde, und man am Nachmittag erfuhr, wie der Kurs ausgefallen war. Dieser Kurs wurde dann in der Filiale für die Kunden ausgehängt.
Parallel zur ÖTOB entwickelten sich auch die ersten Vorläufer heutiger Zertifikate. Brad war an der Entwicklung von Optionsscheinen und strukturierten Anleihen beteiligt – darunter die sogenannten „Shorties" und die ersten Cash-or-Share-Anleihen sowie indexgebundenen Bonds. Diese Produkte waren noch als klassische Anleihen oder Optionsscheine verbrieft; das Konzept des stücknotierten Zertifikats kam erst deutlich später.
Die ÖTOB startete mit Optionen auf lediglich fünf Titel – die fünf größten österreichischen Aktien. Erst die Einführung des vollelektronischen Wertpapierhandelssystems machte die Präsenzbörse schrittweise obsolet und hob die Trennung zwischen Termin- und Optionenmarkt einerseits und Kassamarkt andererseits auf. In den Anfangsjahren gab es noch eine eigene ÖTOB-Gruppe, die ausschließlich den Termin- und Optionenhandel betrieb und sich beim Aktienhändler die Hedge-Positionen beschaffte. Mit der Verbreitung des elektronischen Handels wurden diese Grenzen aufgebrochen, und es entstanden einheitliche Handelsabteilungen, die das komplette Spektrum vom Termingeschäft bis zum Kassahandel aus einer Hand verwalteten.
Front, Middle, Back: Die Anatomie einer Wertpapiertransaktion
Brad liefert im Gespräch eine anschauliche Erklärung der drei klassischen Bereiche im Wertpapiergeschäft, die für das Verständnis der gesamten Branche essenziell ist.
Das Front-Office war und ist der Ort, an dem Geschäfte abgeschlossen werden – ob mit Kunden oder zwischen Banken. In den Anfangsjahren gab es keine elektronischen Erfassungssysteme. Stattdessen füllte der Händler ein physisches Ticket aus – grün für Käufe, rot für Verkäufe – und trug die Position in sein Handelsbuch ein. Im wortwörtlichen Sinne.
Das Mid-Office hatte ursprünglich die Aufgabe, diese Zettel alle halbe Stunde oder Stunde beim Händler abzuholen und ins Back-Office zu tragen, wo sie erfasst wurden. Mit der Elektronisierung des Handels und der Einführung vollintegrierter Handels- und Risikomanagementsysteme wurde diese Tätigkeit überflüssig. Aus dem Mid-Office entwickelte sich eine Support-Funktion und ein Bindeglied zwischen Handel und Abwicklung, in dem Risikomanagement, P&L-Kalkulation und die fachliche Verantwortung für die Systemadministration der Handelssysteme angesiedelt wurden.
Das Back-Office schließlich ist für die gesamte Abwicklungskette zuständig: Zahlung, Verbuchung der Wertpapiere, externe Lieferung und externe Zahlung. Bemerkenswert ist dabei, wie sich die Geschwindigkeit über die Jahrzehnte verändert hat. In den Anfangsjahren wurden alle Geschäfte einer Woche am Montag der übernächsten Woche abgewickelt und abgerechnet. Heute steht die Branche vor der Umstellung auf T plus 1 – Abwicklung am nächsten Geschäftstag.
Meilensteine der 1990er und 2000er Jahre
Der Merger mit der GiroCredit
1997 fusionierte die Erste Österreichische mit der GiroCredit, dem damaligen Spitzeninstitut der Sparkassen. Brad beschreibt diese Phase als technisch und organisatorisch herausfordernd. Die Erste war am Graben ansässig, die Giro noch am Ring, und es gab einen regen Parteienverkehr zwischen den Standorten. Technisch mussten am Tagesende diverse Konten gegenseitig ausgeglichen werden. Die echte Zusammenführung der Handels- und Abwicklungsabteilungen erfolgte dann am neuen Standort in der Börsegasse, wo erstmals ein einheitliches Auftreten nach außen möglich wurde. Dieser Merger brachte letztlich auch die Erste Group-Aktie hervor.
Euro-Umstellung
Die Euro-Umstellung war für den Wertpapierbereich ein Riesenthema. Im Devisenhandel fiel mit dem Wegfall vieler europäischer Hauptwährungen eine große Geschäftsgrundlage weg. Auf der Wertpapierseite musste die Umstellung der einzelnen Papiere bewältigt werden, wobei jedes Land eigene Prozedere und Nuancen hatte und jeder Emittent aus einer Vielzahl an Möglichkeiten wählen konnte. Nicht jeder Emittent musste umstellen – und so gibt es laut Brad heute noch Anleihen, die in Schilling denominiert sind. Dahinter wird zwar alles in Euro umgerechnet, aber das Nominale der Anleihe lautet nach wie vor auf Schilling.
Die Euro-Erweiterung ist mittlerweile fast ein Routine-Thema geworden. Brad verweist darauf, dass am 1. Januar Bulgarien dem Euro beigetreten ist. Die einheitliche Systemumgebung, insbesondere das Xetra-Handelssystem aus Frankfurt, das auch der Wiener Börse zugrunde liegt und in Europa unter dem Begriff T7-Märkte weit verbreitet ist, hat die Harmonisierung erheblich erleichtert.
Die Lehman-Krise
Brad war in der Woche des Lehman-Zusammenbruchs gerade auf Urlaub. Er erinnert sich, dass in den ersten Tagen zunächst wenig passierte, der volle Impact aber im Herbst 2008 einschlug. Am Beispiel der eigenen Aktie, der Erste Group, macht er die Dramatik greifbar: Die Aktie notierte vorher bei rund 60 Euro und fiel auf unter 10 Euro. Brad entschied sich zum Kauf – mit der Logik: Entweder geht es wieder rauf, oder man hat ohnehin keinen Job mehr. Eine Variante des später populär gewordenen „Buy the Dip", wie der Moderator anmerkt.
Die heutige Rolle: Security Servicing and Solutions
Seit dem ersten Halbjahr 2020 leitet Brad den Bereich Security Servicing and Solutions bei der Erste Group Bank. Seine Verantwortung umfasst die komplette Wertpapierprozesskette nach der Geschäftsausführung – alles, was nach der sogenannten Deal-Execution passiert. Das bedeutet Automatisierung und Digitalisierung der Post-Trade-Prozesse.
Brad identifiziert dabei eine eklatante Diskrepanz zwischen Front- und Post-Trade-Bereich: Während im Front-Office heute Aktien in Nanosekunden über den gesamten Erdball gehandelt werden können, hinkt die Post-Trade-Seite deutlich hinterher. „Da kommt es mir manchmal so vor, als würde man noch immer die Aktien mit dem Lastwagen von der einen Lagerstelle zur anderen führen", beschreibt Brad die Situation.
Technisch wäre mehr möglich, doch die historisch gewachsene, weit verbreitete Infrastruktur in Europa – mit verschiedenen CSDs (Central Securities Depositories), lokalen Lagerstellen und Systemen wie Euroclear – bremst den Fortschritt. Brad formuliert diplomatisch, dass diese Struktur „auch vielen Leuten viel Geld bringt", weshalb Änderungen durch äußere Umstände erzwungen werden müssen.
Ein konkretes Beispiel für die europäische Fragmentierung: Wenn heute jemand die Erste Group-Aktie an der Bukarester Börse kauft und in Wien verkaufen will, muss ein Lieferprozess gestartet werden – obwohl keine physische Urkunde transferiert wird. Diese nationalen Infrastruktur-Eigenheiten stellen eine Herausforderung dar, die Brad als erheblich beschreibt.
T plus 1: Die nächste große Umstellung
Die Verkürzung der Abwicklungsfrist auf T plus 1 – also Lieferung und Zahlung am nächsten Geschäftstag nach Handelsabschluss – ist das dominierende Projekt der Branche. Amerika hat die Umstellung bereits vollzogen. In Europa soll sie im Herbst 2027 kommen.
Brad betont, dass die gesamte Prozessqualität dafür deutlich verbessert und beschleunigt werden muss – nicht nur in den einzelnen Banken, sondern in der gesamten europäischen Infrastruktur. Bereits heute gibt es erhebliche Settlement-Probleme. Die CSDR (Central Security Depository Regulation) hat zwar ein Penalty-Regime eingeführt, bei dem Strafzahlungen bei Settlement-Verzug fällig werden, doch die Probleme bestehen fort.
Die Wertpapierleihe ist ein weiteres Feld, das von T plus 1 massiv betroffen sein wird. Heute funktioniert der Prozess so: Ein verliehenes Wertpapier soll verkauft werden, die Leihe wird gekündigt, mit T plus 1 zurückgeführt und kann problemlos mit T plus 2 gesettelt werden. Bei einer generellen Abwicklung auf T plus 1 muss sich dieser Prozess auf denselben Tag verkürzen – eine erhebliche operative Herausforderung. Die Leihe ist dabei besonders im Market-Making-Sektor unverzichtbar, weil Banken sie brauchen, um ihre Produkte – etwa Zertifikate – ordentlich handeln und hedgen zu können.
Digitale Assets und die vollelektronische Emission
Die Erste Group ist Mitglied der DAAA (Digital Assets Association Austria) geworden, und Brad legt Wert auf eine differenzierte Betrachtung des Begriffs „Digital Assets". Für ihn geht Digitalisierung des Wertpapiergeschäfts weit über Krypto und Blockchain hinaus.
Ein Vorzeigeprojekt ist die vor rund zwei Jahren gemeinsam mit der ÖKB (Österreichische Kontrollbank) umgesetzte Issuer-Plattform. Über diese Plattform wird in Österreich heute vollständig online emittiert. Es gibt keine physischen Urkunden mehr, die in einem Tresor lagern. Der gesamte Emissionsprozess – von der Eingabe der Eckdaten bis zur Generierung der digitalen Urkunde bei der ÖKB – läuft komplett papierlos und digital ab. Wenn die Erste Group Bank heute eine normale Anleihe begibt, die ins Retail verkauft wird, existiert keine physische Urkunde mehr. Das Wertpapier ist vollkommen digital – hat aber mit Blockchain und Krypto nichts zu tun.
Auch die EZB hat mit den sogenannten „Trials and Experiments", an denen die OeNB beteiligt war, getestet, inwiefern ein Wholesale Digital Euro interessant ist und wie die Verknüpfung von Blockchain-Plattformen mit normalen Zahlungsverkehrssystemen funktionieren kann. In welche Richtung sich die Technologie letztlich entwickelt – ob Blockchain eine Rolle bei T plus 1 spielen wird oder nicht – ist laut Brad noch offen.
Sparkassensektor und Gruppenstruktur
Brad und sein Team arbeiten intensiv mit den österreichischen Sparkassen zusammen. Dank einer komplett einheitlichen Systeminfrastruktur bietet die Erste Group eine Servizierung aller Sparkassen im Post-Trade-Bereich von Wien aus an. Brad beschreibt die Zusammenarbeit als konstruktiv und effizient – quasi „die Mutter aller Synergien". Auch die Depotbank-Funktion für die Erste Asset Management (EAM) liegt in seiner Abteilung.
Innerhalb der Erste Group sind die Tochterbanken in den verschiedenen Ländern eigenständige Institute. Während es im Front-Office-Bereich eine Divisionalisierung gibt, werden die lokalen Geschäfte auf der Post-Trade-Seite lokal abgewickelt. Die Banken sind auch systemtechnisch eigenständig unterwegs.
Persönliches: Mountainbike und Tiefseetauchen
Abseits des Wertpapiergeschäfts hat Brad zwei ausgeprägte Hobbys: das Mountainbiken, ergänzt durch gelegentliches Rennradfahren, und den Tauchsport, den er intensiv betreibt und bei dem er nach eigener Aussage „relativ tief" unter Wasser geht.
Fazit: Vom Einheitskurs zur Nanosekunde – und die Arbeit ist noch nicht getan
Wilhelm Brads fast vier Jahrzehnte im Wertpapiergeschäft sind eine Chronik der Transformation: vom handgeschriebenen Handelsticket zum Hochfrequenzhandel, vom Einheitskurs pro Tag zum kontinuierlichen elektronischen Handel, von der physischen Urkunde zur digitalen Emission. Was das Gespräch besonders deutlich macht: Während das Front-Office eine technologische Revolution durchlaufen hat, steht die Post-Trade-Seite noch mitten im Umbruch. Die Umstellung auf T plus 1 im Herbst 2027, die Digitalisierung der Abwicklungsprozesse und die Überwindung der fragmentierten europäischen Infrastruktur sind die großen Aufgaben der kommenden Jahre. Brads Blick in die Zukunft fällt entsprechend aus: „Die Welt von morgen sieht noch viel automatisierter und digitaler aus als heute, insbesondere auf der Seite nach dem Geschäftsabschluss, wo wir noch etliches vor uns haben."








