Die deutsche Stahlindustrie erlebt eine historische Zäsur. Während globale Konkurrenten fusionieren, gehen die beiden heimischen Platzhirsche Thyssenkrupp und Salzgitter getrennte Wege. Der Auslöser für diesen strategischen Paukenschlag ist das Ende des Joint Ventures Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM). Zum 1. Juni 2026 übernimmt Salzgitter die volle Kontrolle, während Thyssenkrupp den Ausstieg wählt.

Dieser Deal ist weit mehr als eine reine Transaktion. Er markiert die endgültige Gabelung zweier Strategien. Auf der einen Seite steht Thyssenkrupp, der ewige Sanierungsfall, der sich gesundschrumpfen will. Auf der anderen Seite positioniert sich Salzgitter als fokussierter Stahl-Purist, der mutig in die eigene Substanz investiert. Für Anleger stellt sich heute, im Februar 2026, die entscheidende Frage: Setzt man auf die komplexe Aufspaltungs-Fantasie aus Essen oder auf die klare grüne Strategie aus Niedersachsen?

Kurs-Reaktion: Wer hat das Momentum?

Die Börse hasst Unsicherheit, und genau diese wurde mit der HKM-Einigung beseitigt. Doch die Reaktionen fallen unterschiedlich aus. Die Salzgitter-Aktie präsentiert sich robust und notiert in der Nähe ihrer Höchststände. Der Markt honoriert den Mut von CEO Gunnar Groebler, die Rohstahlbasis für die eigene "grüne" Strategie zu sichern. Die Übernahme wird als logischer Schritt zur Festigung der Marktposition interpretiert.

Thyssenkrupp hingegen bleibt ein volatiles Papier. Zwar sorgte der Verkauf für Erleichterung, da er Geld in die Kasse spült und die Komplexität reduziert. Doch die Prognosen für das laufende Geschäftsjahr trüben die Stimmung: Ein möglicher Nettoverlust im hohen dreistelligen Millionenbereich hängt wie ein Damoklesschwert über dem Kurs. Die Aktie lebt derzeit fast ausschließlich von der Hoffnung auf den erfolgreichen Konzernumbau und die Fantasie weiterer Abspaltungen, etwa im Marinegeschäft.

Strategie-Duell: Gemischtwarenladen gegen Spezialist

Hier prallen Welten aufeinander. Thyssenkrupp ist der klassische Gemischtwarenladen, der unter seiner eigenen Größe ächzt. Von U-Booten über Autoteile bis zum Stahlhandel macht der Konzern alles – und oft nichts davon effizient genug. Die Strategie lautet hier: Dekonstruktion. Der Verkauf der HKM-Anteile ist ein Befreiungsschlag, um Ressourcen für profitablere Bereiche oder die Sanierung der Kern-Stahlsparte freizumachen. Die "Perle" im Portfolio bleibt die Wasserstoff-Tochter Nucera, die technologisch weltweit Spitze ist.

Salzgitter wählt den entgegengesetzten Weg: Fokus und Integration. Statt sich zu verzetteln, konzentriert sich der Konzern auf das, was er kann – Stahl kochen und verarbeiten. Die vollständige Kontrolle über das Duisburger Werk sichert die Lieferketten für die Transformation. Das Risiko ist hier jedoch klumpenartig: Hustet der globale Stahlmarkt, bekommt Salzgitter sofort eine Lungenentzündung. Thyssenkrupp kann solche Dellen durch andere Sparten theoretisch besser abfedern.

Kennzahl Thyssenkrupp AG (TKA) Salzgitter AG (SZG)
Marktkapitalisierung ca. 6,8 Mrd. € ca. 2,9 Mrd. €
Dividende (2025/2026) 0,15 €/Aktie 0,20 €/Aktie
Umsatz (letztes GJ) ca. 32,8 Mrd. € ca. 10 Mrd. €

Grüne Zukunft: SALCOS gegen Wasserstoff-Hoffnung

Wer hat im Rennen um den grünen Stahl die Nase vorn? Salzgitter punktet mit Klarheit. Das Projekt SALCOS (Salzgitter Low CO2 Steelmaking) gilt als einer der konkretesten Dekarbonisierungs-Pläne Europas. Die Anlagen werden gebaut, die Prozesse stehen. Die HKM-Übernahme fügt sich nahtlos in dieses Bild ein. Anleger wissen hier genau, woran sie sind: Eine Wette auf die industrielle Machbarkeit von CO2-armem Stahl.

Thyssenkrupp hinkt in der Umsetzung hinterher, besitzt aber einen technologischen Joker. Durch die Tochter Nucera sitzt der Konzern an der Quelle der Elektrolyse-Technologie, die für grünen Stahl unverzichtbar ist. Zudem wurden massive Grünstrom-Pakete gesichert. Doch der Weg zur klimaneutralen Produktion bis 2045 wirkt steiniger. Während Salzgitter bereits Tatsachen schafft, ist Thyssenkrupp noch stark mit der Finanzierung und den internen Strukturen beschäftigt.

Chancen und Risiken im Schlagabtausch

Das spricht für Salzgitter:
Der Konzern ist transparent und strategisch stringent. Wer an die Zukunft des Stahls in Europa glaubt, findet hier das reinste Vehikel. Die Bewertung ist oft günstiger, und die Dividendenhistorie verlässlicher als beim großen Rivalen. Das Risiko liegt in der extremen Zyklik: Ein Wirtschaftsabschwung trifft Salzgitter ungebremst.

Das spricht für Thyssenkrupp:
Hier lockt der Hebel der Restrukturierung. Gelingt es dem Management, den "Konzernabschlag" durch Aufspaltungen (z.B. Marine Systems) zu heben, sind enorme Kursgewinne möglich. Die Aktie ist eine klassische Turnaround-Spekulation. Das Risiko ist jedoch das Scheitern des Umbaus: Bleibt der Stahlbereich ein dauerhaftes Verlustgeschäft, droht eine Zerschlagung ohne Wertschöpfung für die Aktionäre.

Fazit: Sicherheit oder Spekulation?

Das Duell Thyssenkrupp gegen Salzgitter ist eine Frage der Anleger-Mentalität. Salzgitter gewinnt den Punkt für operative Exzellenz und strategische Klarheit. Die Aktie ist die erste Wahl für Investoren, die an die grüne Transformation der Industrie glauben und bereit sind, zyklische Schwankungen auszusitzen.

Thyssenkrupp hingegen ist nichts für schwache Nerven. Es ist eine Wette auf das "Aufräumen". Wer darauf setzt, dass die Summe der Einzelteile (Marine, Wasserstoff, Materials Services) mehr wert ist als der aktuelle Börsenkurs, greift hier zu. Im direkten Vergleich wirkt Salzgitter derzeit solider aufgestellt, während Thyssenkrupp das größere, aber riskante Kurspotenzial bietet.

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