TeamViewer, DAX & Chemie-Comeback: Wenn vorsichtige Prognosen auf Branchenwenden treffen
Liebe Leserinnen und Leser,
manchmal offenbart ein einziger Handelstag mehr über die Verfassung der Märkte als eine ganze Analystenkonferenz. Während der DAX heute Morgen erneut um die psychologisch wichtige 25.000-Punkte-Marke ringt, zeichnen sich an anderer Stelle tektonische Verschiebungen ab: Ein Softwareanbieter schockt mit Zurückhaltung, eine totgesagte Branche erwacht zu neuem Leben, und in Asien feiern Anleger politische Weichenstellungen. Was auf den ersten Blick wie ein ruhiger Dienstag wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Gradmesser für die Nervosität vor den US-Arbeitsmarktdaten am Mittwoch – und als Lackmustest dafür, welche Geschäftsmodelle im KI-Zeitalter Bestand haben.
TeamViewer: Wenn Vorsicht bestraft wird
Der Kursrutsch bei TeamViewer zeigt exemplarisch, wie dünn die Geduld der Anleger derzeit ist. Mit einem Minus von zeitweise über acht Prozent steuert die Aktie des Fernwartungsspezialisten auf ihr erst wenige Tage altes Rekordtief von 5,30 Euro zu. Der Grund: ein Ausblick für 2026, der bestenfalls als bescheiden zu bezeichnen ist. Währungsbereinigtes Umsatzwachstum von null bis drei Prozent – das klingt nach Stagnation, nicht nach Aufbruch.
Dabei liest sich das Zahlenwerk für 2025 auf den ersten Blick gar nicht so übel: Der Umsatz kletterte währungsbereinigt um fünf Prozent auf 767,5 Millionen Euro, die bereinigte EBITDA-Marge verbesserte sich auf 44,3 Prozent. Doch die Märkte schauen nach vorne, und dort trübt sich das Bild ein. Besonders der Zukauf 1E, einst als Wachstumsbeschleuniger gepriesen, erweist sich als Bremsklotz. Zwar spricht CEO Oliver Steil von einer "Trendwende" im Schlussquartal, doch das überzeugt die Skeptiker nicht. RBC-Analystin Wassachon Udomsilpa rechnet vor, dass die Konsensschätzungen um rund drei Prozent sinken dürften – in einem Marktumfeld, das von KI-Disruption geprägt ist, eine gefährliche Entwicklung.
Die Ironie: Während viele Softwareanbieter unter der Sorge leiden, von KI-Tools verdrängt zu werden, argumentiert Steil genau andersherum. TeamViewer sei kein reiner Softwareanbieter, sondern ein "Infrastrukturlayer" – nicht so leicht zu ersetzen. Ob diese Argumentation verfängt, wird sich zeigen. Vorerst bleiben die Anleger skeptisch.
Chemie-Sektor: Goldman Sachs dreht den Schalter um
Während TeamViewer kämpft, erlebt eine andere Branche ein kleines Comeback: die europäische Chemieindustrie. Goldman-Sachs-Analystin Georgina Fraser hat ihre Haltung radikal geändert und verlässt die Defensive. Ihr neuer Ansatz: pro-zyklisch statt abwartend. Die Begründung klingt fast schon optimistisch für eine Branche, die jahrelang mit schwacher Konjunktur, chinesischer Konkurrenz und hohen Energiepreisen zu kämpfen hatte: "Die Stimmung ist zwar noch schlecht, aber es gibt erste Anzeichen der Wirtschaftsbelebung."
Die Auswirkungen sind unmittelbar spürbar. Evonik-Aktien schossen zeitweise um fast sechs Prozent nach oben, nachdem Fraser ihre Einschätzung von "Sell" auf "Buy" gedreht und das Kursziel von 11,60 auf 18 Euro angehoben hatte. Symrise legte sogar mehr als sechs Prozent zu, während Lanxess mit einem Kurssprung von fast zehn Prozent die Spitze im MDAX bildete. Der Branchenindex Stoxx Europe 600 Chemicals erreichte das höchste Niveau seit Spätsommer 2025 – ein Anstieg von zwölf Prozent seit dem Dezember-Tief.
Was steckt hinter dieser Kehrtwende? Fraser setzt darauf, dass die Belastung durch Dividendenkürzungen nun vom Tisch ist und die Geschäftsdynamik anzieht. Bei Evonik etwa rechnet sie mit höherer Ertragskraft, was sich überproportional auf die Bewertung auswirkt. Für Anleger, die antizyklisch denken, könnte das eine Gelegenheit sein – vorausgesetzt, die konjunkturelle Erholung lässt nicht auf sich warten.
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DAX: Warteschleife vor den US-Daten
Der deutsche Leitindex selbst zeigt sich derweil unentschlossen. Nach einem schwächeren Start um 24.961 Punkte pendelte er im Tagesverlauf um die 25.000er-Marke, die er erst am Vorabend zurückerobert hatte. Das Rekordhoch von 25.507 Punkten aus dem Januar bleibt damit in Sichtweite, doch der Schwung fehlt. Die Vorgaben sind durchwachsen: Den US-Börsen ging am Montag nach europäischem Handelsschluss die Puste aus, während in Asien vor allem Japans Nikkei-225 mit einem weiteren Plus von 2,28 Prozent auf 57.650 Punkte glänzte – getrieben vom Wahlsieg der Liberaldemokraten.
Am Markt herrscht Konsens: Vor den US-Arbeitsmarktdaten am Mittwoch und den Inflationszahlen am Freitag fliegen die Anleger eine Warteschleife. Die Erwartung ist klar umrissen: Die Fed wird 2026 voraussichtlich zweimal die Leitzinsen senken, um die Konjunktur anzukurbeln. Sollten die Daten diese Fantasie stützen, könnte der DAX den nächsten Anlauf auf neue Höchststände nehmen. Negative Überraschungen hingegen würden die Zinssenkungs-Hoffnungen dämpfen – und damit auch die Aktienmärkte belasten.
Weitere Impulse: Von Versicherern bis Halbleitern
Abseits der großen Themen sorgten heute vor allem Analystenkommentare für Bewegung. Die UBS strich ihre Kaufempfehlungen für 1&1 und IONOS, was die United-Internet-Töchter mit Abschlägen von bis zu 7,5 Prozent quittierte. Auch Nordex und Eon gerieten unter Druck, nachdem Analysten ihre Kaufvoten aufgaben – ein Zeichen dafür, dass nach starken Kursläufen Gewinnmitnahmen anstehen.
Auf der anderen Seite profitierten Aixtron-Aktien von einem frischen "Buy" durch Jefferies. Die Argumentation: Der Chipausrüster sei ein unterschätzter KI-Wert, dem eine Beschleunigung bevorstehe. Mit einem Kurssprung von über acht Prozent zeigt sich, dass Anleger für überzeugende KI-Storys weiterhin empfänglich sind – solange die Bewertung stimmt.
Interessant auch die Entwicklung bei den Versicherern: Allianz und Co. gerieten unter Druck, nachdem bekannt wurde, dass ChatGPT nun als Vertriebskanal für Versicherungsangebote dient. Die Sorge: KI-gestützte Plattformen könnten traditionelle Vertriebsstrukturen aushebeln. Doch bei genauerer Betrachtung könnte die Technologie auch Kostenpotenziale im Vertrieb und Schadensmanagement heben – ein zweischneidiges Schwert.
Was diese Woche noch kommt
Der Blick auf die kommenden Tage zeigt: Die Ruhe ist trügerisch. Am Mittwoch stehen neben den US-Arbeitsmarktdaten auch Quartalszahlen mehrerer Unternehmen an, bevor am Donnerstag die nächste Berichtswelle rollt. Für den DAX wird entscheidend sein, ob die 25.000-Punkte-Marke diesmal nachhaltig verteidigt werden kann – oder ob erneut Gewinnmitnahmen einsetzen.
Eines zeigt sich heute deutlich: Die Märkte sind selektiv geworden. Pauschale Tech-Euphorie oder Branchenskepsis reichen nicht mehr. Wer überzeugt, muss liefern – mit klaren Wachstumspfaden, plausiblen Geschäftsmodellen und realistischen Prognosen. TeamViewer hat heute erlebt, was passiert, wenn die Erwartungen nicht erfüllt werden. Die Chemiebranche hingegen bekommt eine zweite Chance. Welche dieser Geschichten sich fortsetzt, werden die nächsten Wochen zeigen.
Bis morgen,
Andreas Sommer








