Liebe Leserinnen und Leser,

59 Millionen Euro – diese Summe muss Amazon an das Bundeskartellamt zahlen. Gleichzeitig stürzt die Rheinmetall-Aktie um über 6 Prozent ab, nachdem der Rüstungskonzern seine Umsatzprognose vorlegte. Und Bitcoin? Der rutscht unter die psychologisch wichtige 71.000-Dollar-Marke, nachdem US-Finanzminister Scott Bessent jegliche staatliche Unterstützung für Kryptowährungen kategorisch ausschloss. Drei Schlagzeilen, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben – doch zusammen zeichnen sie das Bild eines Marktes, der gerade seine Erwartungen neu kalibriert.

Rheinmetall: Wenn selbst Rüstungsaufträge nicht mehr ausreichen

Der DAX-Konzern hatte gestern Abend in einem Pre-Close-Call eine Umsatzprognose von 13,6 Milliarden Euro für 2025 präsentiert. Klingt solide? Nicht für den Markt. Die Zahl liegt rund 12 Prozent unter den Analystenschätzungen von Visible Alpha. Jefferies reagierte prompt und senkte das Kursziel von 2.170 auf 2.060 Euro – behielt aber die Kaufempfehlung bei. Das eigentliche Problem: Die Margenaussichten bleiben schwach, und der Produktionshochlauf gestaltet sich komplizierter als gedacht.

JPMorgan-Analyst David Perry kappte seine Ergebnisprognosen bis 2030 um bis zu 14 Prozent. Seine Begründung: „Wir erwarten weiterhin ein außergewöhnlich starkes Umsatz- und Gewinnwachstum in den nächsten fünf Jahren, gehen aber nun davon aus, dass der Produktionshochlauf schwieriger sein wird als ursprünglich angenommen." Der Rüstungsboom ist also da – nur die Umsetzung hakt. Kein Wunder, dass auch andere Branchenwerte wie HENSOLDT, RENK und TKMS mit in den Abwärtssog gezogen wurden. Parallel dazu laufen in den Vereinigten Arabischen Emiraten Friedensgespräche zwischen Russland und der Ukraine, was zusätzliche Unsicherheit über künftige Auftragsvolumen schürt.

Amazon: Bundeskartellamt macht Ernst mit Preiskontrolle

Während Rheinmetall mit internen Herausforderungen kämpft, bekommt Amazon externen Druck zu spüren. Das Bundeskartellamt untersagte dem Online-Riesen, weiterhin die Preise von Händlern auf dem deutschen Marketplace zu beeinflussen. Die Behörde sieht darin einen klaren Missbrauch: Amazon trete auf seiner Plattform in direkten Wettbewerb zu den Marktplatzhändlern und dürfe deren Preisgestaltung daher nur in absoluten Ausnahmefällen wie Preiswucher beeinflussen.

Kartellamtspräsident Andreas Mundt brachte es auf den Punkt: „Ansonsten besteht die Gefahr, dass das Preisniveau auf der Handelsplattform nach den Vorstellungen von Amazon gelenkt wird." Die Kontrollmechanismen seien zudem intransparent – Händler wüssten nicht, nach welchen Kriterien ihre Angebote eingeschränkt werden. Das Sahnehäubchen: Erstmals nutzte das Kartellamt die 2023 reformierte Möglichkeit zur Gewinnabschöpfung und setzte einen Teilbetrag von 59 Millionen Euro fest. Amazon kündigte bereits Rechtsmittel an und argumentiert, die Entscheidung stehe im Widerspruch zum EU-Wettbewerbsrecht. Für deutsche Marketplace-Händler könnte das Urteil dennoch eine Atempause bedeuten.

Bitcoin: Bessent erteilt Rettungsschirm klare Absage

Vom regulatorischen Druck bei Amazon zum Krypto-Crash: Bitcoin fiel heute zeitweise unter 70.000 Dollar – der niedrigste Stand seit November 2024. Das Jahresminus beträgt mittlerweile fast 20 Prozent, vom Rekordhoch im November hat die Kryptowährung rund 44 Prozent verloren. Der Auslöser für den jüngsten Absturz: US-Finanzminister Scott Bessent stellte vor dem House Financial Services Committee unmissverständlich klar, dass weder das Finanzministerium noch er als Vorsitzender des FSOC die Befugnis habe, Bitcoin oder andere digitale Währungen zu erwerben.

Damit zerplatzte die Hoffnung vieler Marktteilnehmer auf eine institutionelle Absicherung durch die US-Regierung. Zusätzlichen Verkaufsdruck erzeugte die Nominierung von Kevin Warsh als künftiger Fed-Chef – Warsh gilt als Falke, der die Fed-Bilanz schrumpfen könnte. Für spekulative Assets wie Kryptowährungen wäre das Gift. Auch Ethereum blieb nicht verschont und rutschte auf 2.086 Dollar ab. Ein Durchbruch unter 2.000 Dollar würde erstmals seit Mai letzten Jahres erreicht. Deutsche Bank-Analysten verweisen auf massive ETF-Abflüsse: Allein im Januar flossen über 3 Milliarden Dollar aus US-Bitcoin-ETFs ab, nach 2 Milliarden im Dezember und 7 Milliarden im November.

Alphabet: Wenn KI-Ausgaben Anleger nervös machen

Nicht nur Krypto leidet unter Unsicherheit – auch Tech-Aktien zeigen Schwäche. Alphabet kündigte an, die Investitionsausgaben 2026 möglicherweise auf 175 bis 185 Milliarden Dollar zu verdoppeln. Die Begründung: KI-Infrastruktur. Während die Cloud-Sparte mit 48 Prozent Wachstum überzeugte und der Quartalsgewinn die Erwartungen übertraf, reagierten Investoren zunächst nervös auf die massiven Ausgabenpläne. Analysten wie Mizuho, Truist und Goldman Sachs erhöhten zwar ihre Kursziele auf bis zu 410 Dollar, doch die Aktie gab im nachbörslichen Handel leicht nach. Die Botschaft: Selbst starke Zahlen reichen nicht mehr, wenn die Zukunftsausgaben explodieren.

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Evonik & Siemens Healthineers: Deutsche Industriewerte unter Druck

Auch im deutschen Mittelstand knirscht es. Evonik erreichte zwar sein gekürztes Gewinnziel für 2025 mit einem bereinigten EBITDA von 1,87 Milliarden Euro, senkt aber die Dividende von 1,17 auf 1,00 Euro je Aktie. Künftig sollen nur noch 40 bis 60 Prozent des bereinigten Konzernergebnisses ausgeschüttet werden. Der Grund: Der Spezialchemiekonzern braucht finanzielle Flexibilität für Investitionen und Schuldenabbau. Bis zu 2.000 Stellen sollen im Rahmen des Effizienzprogramms „Evonik Tailor Made" abgebaut werden.

Siemens Healthineers startete mit einem Umsatzrückgang von 1,5 Prozent auf 5,4 Milliarden Euro ins neue Geschäftsjahr. Das vergleichbare Wachstum von 3,8 Prozent lag unter den erwarteten 4,3 Prozent – schuld ist das schwache Diagnostikgeschäft in China. Dort sorgen strukturelle Umwälzungen und eine Antikorruptionskampagne für Druck. Die bereinigte operative Marge im Diagnostikbereich brach auf 2,1 Prozent ein, nach 7,8 Prozent im Vorjahr. Immerhin: Die Jahresprognose wurde bestätigt, und das bereinigte EBIT von 809 Millionen Euro übertraf die Konsensschätzung von 784 Millionen.

Was heute noch wichtig wird

Am Nachmittag richtet sich der Blick auf die EZB-Sitzung samt Pressekonferenz. Eine Zinsänderung wird nicht erwartet, doch Christine Lagardes Aussagen zur Inflation und zum starken Euro dürften entscheidend sein. Die Eurozone-Inflation fiel im Januar auf 1,7 Prozent – unter dem 2-Prozent-Ziel der EZB. Gleichzeitig veröffentlicht die Bank of England ihre Zinsentscheidung, auch hier wird keine Änderung erwartet. Aus den USA kommen die wöchentlichen Erstanträge auf Arbeitslosenhilfe – Analysten rechnen mit einem Anstieg von 209.000 auf 212.000.

Der Markt sortiert sich neu. Ob bei Rüstungskonzernen, Online-Riesen oder Kryptowährungen – die Phase der grenzenlosen Erwartungen scheint vorbei. Jetzt zählt Substanz.

Beste Grüße und einen erfolgreichen Handelstag,
Andreas Sommer