In einer aktuellen Pressekonferenz „Investieren in unsicheren Zeiten" der (als Podcast in der Zertifikate Party Österreich auf audio-cd.at) ordnen Gunter Deuber und Heike Arbter die dramatischen Auswirkungen des Irankonflikts auf die Finanzmärkte ein und zeigen konkrete Anlagestrategien für das veränderte Marktumfeld.

Die Botschaft der beiden Experten ist unmissverständlich: Das bisherige Basisszenario eines mehrwöchigen Konflikts ist hinfällig. Alle Weichenstellungen deuten auf einen mehrmonatigen Konflikt hin, mit weitreichenden Folgen für Wachstum, Inflation, Energiepreise und Zinsen. Für Anleger bedeutet das eine fundamentale Neuausrichtung – und die Erkenntnis, dass die Aktienmärkte ein volles Eskalationsszenario noch längst nicht eingepreist haben.

Dieser Artikel ist eine Added Value Version zu den Key-Insights einer Podcastfolge von audio-cd.at, aufgewertet durch Archivbausteine. Die hier veröffentlichten Gedanken/Schlüsse sind weder als Empfehlung noch als ein Angebot oder eine Aufforderung zum An- oder Verkauf von Finanzinstrumenten zu verstehen und sollen auch nicht so verstanden werden. Der Handel mit Finanzprodukten unterliegt einem Risiko. Sie können Ihr eingesetztes Kapital verlieren.

Ölpreis mit 35 Dollar geopolitischer Risikoprämie

Der Ölmarkt steht im Zentrum der Analyse. Deuber verortet die geopolitische Risikoprämie im Ölpreis mittlerweile bei rund 35 Dollar. Die Aufwärtsdynamik ähnelt dabei dem Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs, auch wenn die Ausgangsniveaus unterschiedlich sind, da der Markt vor dem Konflikt strukturell besser versorgt war.

Die konkreten Prognosen für das adverse Szenario, das nun zur Realität wird: Im ersten Quartal rechnet das Analystenteam mit einem durchschnittlichen Ölpreis von 125 Dollar, gefolgt von 95 Dollar und 88 Dollar in den Folgequartalen. Eine gewisse Entspannung ist also mittelfristig eingeplant, doch die Niveaus bleiben deutlich erhöht. Aktuell notiert Brent-Öl bereits bei 115 Dollar.

Ein entscheidender Punkt: Selbst wenn sich die geopolitische Risikoprämie mittelfristig etwas reduziert, wird die physische Knappheitsprämie im Ölmarkt hoch bleiben. Hintergrund ist eine wahrscheinliche anhaltende Teilblockade der Straße von Hormus – jener Meerenge, durch die ein erheblicher Teil des globalen Ölhandels fließt.

Die historische Einordnung untermauert die Brisanz: Wenn der Ölpreis gegenüber dem Vorjahr um mehr als 100 Prozent steigt, schlägt sich das mit einem gewissen Zeitpuffer regelmäßig in den Unternehmensergebnissen nieder. Ob der Anstieg letztlich 80, 90 oder deutlich über 100 Prozent beträgt, ist dabei laut Deuber zweitrangig – die negativen Effekte treten in jedem Fall ein. Belege dafür liefern die Ölblockade im Zuge des Jom-Kippur-Kriegs 1974, der Erste Golfkrieg und auch der Russland-Ukraine-Krieg 2022, als sich das Gewinnmomentum trotz eines extrem hohen Ausgangsniveaus deutlich abschwächte.

Aktienmärkte: Europa stärker betroffen als die USA

Die Bestandsaufnahme an den Aktienmärkten zeigt ein Bild, das vordergründig noch moderat wirkt, unter der Oberfläche aber bereits erhebliche Verwerfungen offenbart. Europäische und amerikanische Aktien notieren auf Jahressicht leicht im Minus. Doch vom jeweiligen Höchststand gerechnet haben europäische Aktien bereits über zehn Prozent verloren und nähern sich der 14-Prozent-Marke. In den USA beträgt der Rückgang vom Hoch rund sieben Prozent. Die Diskussion über einen Bärenmarkt – definiert als Rückgang von mindestens 20 Prozent – ist für Europa damit nicht mehr fern.

Deuber betont, dass der Finanzmarkt das sich verschlechternde Gewinnwachstum noch nicht voll eingepreist hat. Bei weiterer Konfliktfortdauer müssten die am Aktienmarkt eingepreisten Gewinnerwartungen nochmals deutlich reduziert werden. Historisch betrachtet sind die Bewertungsrückgänge nach neun bis zwölf Monaten meist abgeschlossen, wobei der Finanzmarkt diese Entwicklung naturgemäß vorwegnimmt.

Der langfristige Blick auf geopolitische Konflikte und deren Börsenauswirkungen liefert differenzierte Erkenntnisse. Der Jom-Kippur-Krieg, obwohl militärisch ein kurzer Konflikt, führte durch das zweijährige Ölembargo der arabischen Staaten zu einem substanziellen Bärenmarkt in den USA. Allerdings spielten damals auch Zinserhöhungen eine Rolle, und die US-Wirtschaft war durch die Folgewirkungen des Vietnamkriegs bereits geschwächt. Der Russland-Ukraine-Krieg führte zu einem schleichenden Rückgang in den USA, der für Deuber ein wahrscheinliches Szenario auch für die aktuelle Situation darstellt.

Ein zentraler Aspekt seiner Analyse: Die Ausgangssituation der US-Wirtschaft ist diesmal deutlich resilienter. Die Unternehmen haben sich auf Indexbasis relativ stark entschuldet, die Netto-Neuverschuldung liegt auf sehr niedrigen Niveaus. Höhere Zinsniveaus sind für die USA kein fundamentales Problem, solange die Gewinndynamik stimmt. Drastische Zinserhöhungsrisiken sieht Deuber in den USA nicht – die Fed werde die Zinsen lediglich weniger senken als ursprünglich erwartet.

Für Europa zeichnet Deuber ein deutlich pessimistischeres Bild. Der Bewertungsaufschlag, den amerikanische Aktien gegenüber europäischen traditionell aufweisen, hatte sich zuletzt zugunsten Europas abgebaut. Europäische Aktien hatten aufgeholt. Doch diese Entwicklung dürfte sich nun umkehren: „Wir sehen Europa makroökonomisch von dieser Krise betroffen und zumindest in Bezug auf die Veränderung der Zinsthemen auch." Der gesamte Bewertungsaufbau zugunsten Europas hatte auf einer sich verbessernden zyklischen Komponente aufgesetzt – und genau diese sieht das Analystenteam nun nicht mehr.

In der regionalen Risikoabstufung steht Asien als am stärksten fundamental exponiert an erster Stelle, gefolgt von Europa. Die USA erscheinen am wenigsten verwundbar.

Wachstum, Inflation und Zinsen: Das neue Makro-Szenario

Die makroökonomischen Prognosen werden im adversen Szenario drastisch revidiert. Für die Eurozone hatte das Team ursprünglich ein BIP-Wachstum von 1,4 Prozent für das laufende Jahr und 1,9 Prozent für das kommende Jahr erwartet – eine konjunkturelle Aufschwungsdynamik mit Wachstum über Potenzial. Im neuen Szenario schrumpfen diese Zahlen auf 0,5 Prozent für heuer und ein Prozent für das kommende Jahr. Das bedeutet Wachstum unter Potenzial – der europäische Konjunkturaufschwung ist vorerst abgesagt.

Deuber betont allerdings wichtige Unterschiede zur Energiekrise 2022-2023. Damals wurden teilweise ganze Industriezweige heruntergefahren, es herrschte physische Gasknappheit. Das sei derzeit nicht der Fall. Der Tourismussektor könne in Teilbereichen sogar profitieren. Auch die Zins- und Immobilienseite werde nicht mit demselben Gegenwind zu kämpfen haben wie bei der letzten geopolitischen Wende. Andererseits dürfte die Weltwirtschaft stärker betroffen sein als von der regional begrenzteren Energiekrise, was die europäischen Nettoexporte belastet. Zudem fehlt die Nach-Corona-Öffnungsdynamik, die 2022 noch als Puffer diente. Zur Erinnerung: Europa startete damals noch mit einem BIP-Wachstum von drei Prozent in den Russland-Ukraine-Krieg.

Auf der Inflationsseite wird es unangenehm. Die bisherige Prognose sah die Inflation nahe dem EZB-Ziel von zwei Prozent, wobei die Kernrate bereits über zwei Prozent lag – eine deutlich andere Ausgangsposition als 2021, als die Kerninflation in Europa noch bei 1,5 Prozent notierte. Im adversen Szenario dürfte die Inflation im Jahresdurchschnitt auf rund 3,5 Prozent steigen. Auf Monatsbasis werde die Fünf-Prozent-Marke wahrscheinlich geknackt, auf europäischer Ebene könne es Richtung sechs Prozent gehen. Ob die Politik diese Dynamiken durch Maßnahmen etwas abfedert, bleibt abzuwarten.

Die geldpolitischen Implikationen sind erheblich. Die bisherige Erwartung stabiler EZB-Leitzinsen und sinkender Fed-Zinsen ist hinfällig. Im neuen Szenario rechnet das Team mit EZB-Zinsanhebungen von mindestens 50 Basispunkten bis zur Jahresmitte, möglicherweise weiteren 125 Basispunkten bis zum Herbst. Das ergäbe ein Leitzinsniveau von 2,75 Prozent zum Jahresende, mit einer erwarteten Reduktion im Folgejahr. Die EZB sei derzeit weniger in Marktinterventionen gefangen als 2022-2023 und könne geldpolitisch flexibler agieren. Die Fed werde die Zinsen heuer voraussichtlich nicht mehr senken. Die Schwelle für Zentralbankinterventionen wie Anleihenkäufe sei fundamental sehr hoch – Finanzmarktakteure sollten sich davon keinen Rückenwind erwarten.

Der Euro dürfte angesichts der höheren Betroffenheit Europas unter weiterem Abwertungsdruck bleiben, was aus Anlegersicht berücksichtigt werden müsse.

Energieaktien als relativer Hedge und die Rolle von Gold

Innerhalb des Aktienmarkts identifiziert Deuber Energieaktien als relativ guten Hedge. Diese dürften weniger fallen als der Gesamtmarkt und bieten als typischerweise dividendenstarke Titel die Möglichkeit, zu günstigeren Bewertungen ins Portfolio aufgenommen zu werden. Allerdings warnt er auch vor dem Risiko regulatorischer Eingriffe – mit einem expliziten Verweis auf den österreichischen Markt, wo es in der Vergangenheit bereits Regulierungen gab, die Energieunternehmen in Hochpreisphasen betrafen.

Beim Gold zeigt sich ein interessantes Muster: Obwohl es vorher schon sehr gut gelaufen war, hat es seit Konfliktbeginn nicht mehr so stark zugelegt. Der Grund: Im Goldpreis war bereits eine sehr hohe geopolitische Risikoprämie enthalten.

Volatilität als Fieberthermometer – noch keine Panik

Heike Arbter bringt mit dem Blick auf die Volatilität eine wichtige Perspektive ein. Sie bezeichnet die Volatilität als „Fieberthermometer der Märkte", das zeigt, wie angespannt die Situation tatsächlich ist. Die aktuellen Werte von rund 30 Prozent an den großen Derivatemärkten ordnet sie historisch ein: Bei Covid lagen die gehandelten Volatilitäten über 80 Prozent, im Ukraine-Krieg über 50 Prozent. Die aktuelle Situation signalisiert also Anspannung, aber noch keine Panik.

Für Anleger, die in den vergangenen Jahren von gigantischen Performances bei Aktien und Gold profitiert haben, sei der bisherige Kursrückgang noch nicht dramatisch. Der ATX notiere relativ unverändert, der Eurostoxx ebenfalls, der S&P etwas schwächer. Die Nervosität steige zwar, doch die Anleger nähmen die Situation noch nicht als dramatisch wahr.

Anlagestrategien: Timing, Durchhalten oder aktives Risikomanagement

Arbter skizziert drei grundsätzliche Handlungsoptionen für Anleger. Die erste Strategie – Timing the Market, also Gewinne mitnehmen und auf Tiefpunkte warten – klingt verlockend, ist aber in der Praxis extrem schwierig. Eine Langzeitbetrachtung über 20 Jahre zeigt: Wer die besten zehn Börsentage verpasst, halbiert seine jährliche Performance nahezu. Wer die besten 30 Tage versäumt, landet bei etwa einem Prozent – unter der langfristigen Inflation. Wer die besten 50 Tage verpasst, steht sogar im Minus. „Timing the Market ist eine sehr, sehr komplexe, schwierige Strategie, die manchmal auch den Profis nicht gelingt", so Arbter.

Die zweite Strategie – Buy and Hold – erscheint mit 7,9 Prozent jährlicher Rendite über den betrachteten Zeitraum als die erfolgreichste. Aus 10.000 Euro wurden damit 54.000 Euro. Allerdings erfordert diese Strategie einen sehr langen Anlagehorizont und starke Nerven. In den Ölpreisschocks der 1970er Jahre dauerte es substanziell lange, bis Anleger wieder ihren Break-even erreichten. Die jüngeren Krisen – Covid, Ukraine – waren zwar tief, aber kurz, sodass sich die Erholung schneller einstellte. Sollte der aktuelle Konflikt dramatischer verlaufen, könne es jedoch auch diesmal eine sehr langfristige Geschichte werden.

Arbters klares Plädoyer gilt der dritten Variante: dem aktiven Risikomanagement mit risikooptimierten Instrumenten. „Aktienmärkte müssen nicht steigen, um Rendite zu schaffen" – das sei eines der zentralen Argumente, warum Zertifikate gerade in solchen Marktphasen Direktinvestments deutlich überlegen sein könnten. Die eingebauten Schutzmechanismen helfen, mit Unsicherheit umzugehen – nicht nur der persönlich gefühlten, sondern auch der faktischen Marktbewegung.

Konkrete Produkte: Bonuszertifikate und Inflationsanleihen

Arbter stellt den Summary Risk Indicator (SRI) als Orientierungshilfe vor – eine gesetzlich vorgeschriebene Risikokennzahl von 1 (sehr niedriges Risiko) bis 7 (sehr hohes Risiko). Ein klassischer ETF auf den ATX oder Eurostoxx liegt im Risikobereich 4, ein S&P-ETF bei 5. Das Zertifikateportfolio von Raiffeisen ist mit einem durchschnittlichen SRI von 2,13 deutlich konservativer aufgestellt, wobei 97 Prozent des investierten Volumens in risikoreduzierten Produkten mit Teil- oder Kapitalschutz liegen.

Als konkretes Beispiel nennt sie das Europa-Bonus-und-Sicherheit 33, ein am Sekundärmarkt handelbares Zertifikat auf den Eurostoxx mit einer Barriere bei rund 50 bis 53 Prozent. Solange diese Barriere nicht verletzt wird, erfolgt die Rückzahlung bei 120 Prozent zum Laufzeitende 2029 – eine annualisierte Rendite von 5,37 Prozent bei einer dreijährigen Laufzeit. Wird die Barriere unterschritten, partizipiert der Anleger allerdings eins zu eins an der Entwicklung des Eurostoxx.

Der historische Rückblick auf die Bonus-und-Sicherheitsserie seit 2010 unterstreicht die Erfolgsbilanz: Mehr als 260 Zertifikate wurden aufgelegt, 131 bereits getilgt, mit nur einer einzigen Barrierenverletzung – beim Bankenindex. Die durchschnittliche Rendite aller Produkte lag bei vier Prozent per annum. Im Vergleich dazu betrugen die Fünf-Jahres-Zinsen im selben Zeitraum 1,17 Prozent, die durchschnittliche Inflation in der Eurozone 2,07 Prozent. Lediglich in der Finanzkrise 2007-2009, als die Märkte vom Hoch zum Tief 60 Prozent einbrachen, hätte ein derartiges Bonuszertifikat potenziell die Barriere gerissen.

Für Anleger, denen selbst die Aktienabhängigkeit mit Barriere zu riskant erscheint, stellt Arbter als Alternative eine Inflationsanleihe vor – eine leicht strukturierte Anleihe mit Laufzeit bis 2030. In den ersten beiden Jahren orientieren sich die Kupons an der Inflationsentwicklung des europäischen Verbraucherpreisindex HVPI ohne Tabak, in den Jahren drei und vier gibt es einen Fixzins von 2,1 Prozent per annum.

Die große Unbekannte: Geopolitische Rationalität versus Stellvertreterkrieg

Deuber schließt seine Analyse mit einem nachdenklichen Ausblick. Eine klassische ökonomische Rationalität würde nahelegen, dass bei weiter steigenden Ölpreisen eine Konfliktbeendigung wahrscheinlicher wird, da vor allem die USA ab einem gewissen Grad ein Interesse daran hätten. Gleichzeitig handelt es sich um einen geopolitischen Stellvertreterkrieg, bei dem einige Akteure substanzielle Vorbereitungen getroffen haben – einschließlich eigener Reservenhaltung –, um den Konflikt länger auszusitzen. Es könne also auch abseits der klassischen ökonomischen Rationalität Akteure geben, die sowohl das Interesse als auch die Möglichkeit haben, den Konflikt zu verlängern.

Fazit: Investiert bleiben, aber klüger

Die Kernbotschaften der beiden Experten lassen sich klar zusammenfassen: Der Irankonflikt entwickelt sich zum mehrmonatigen Szenario mit Ölpreisen um 125 Dollar im ersten Quartal, einer Inflation, die in Europa auf Monatsbasis fünf bis sechs Prozent erreichen könnte, und einem europäischen Konjunkturaufschwung, der vorerst abgesagt ist. Die EZB wird die Zinsen anheben, die Fed die Zinsen nicht mehr senken. Europa steht vor einer schwierigeren Marktphase als die USA, die Bewertungsvorteile europäischer Aktien dürften sich wieder umkehren.

Für Anleger lautet die Empfehlung nicht, den Märkten fernzubleiben – denn dann gäbe es keine Möglichkeit, den Kaufkraftverlust durch die steigende Inflation abzudecken. Stattdessen plädieren beide Experten für intelligente Anlageprodukte mit eingebauten Schutzmechanismen, die auch in einem adversen Szenario funktionieren können. Energieaktien bieten einen relativen Hedge, Bonuszertifikate mit hohen Barrieren und Inflationsanleihen adressieren das veränderte Marktumfeld. Die Zeit der sorglosen Long-Only-Strategien ist vorerst vorbei – gefragt ist aktives Risikomanagement mit Augenmaß.