Im Private Investor Relations Podcast diskutiert Host Christian Drastil mit Finanzkommunikations-Spezialistin Veronika Rief über den aktuellen Stand der Nachhaltigkeitsberichterstattung – ein Gespräch, das von philosophischen Überlegungen bis zu konkreten regulatorischen Entwicklungen reicht.

Die Nachhaltigkeitsberichterstattung ist aus der Finanzkommunikation nicht mehr wegzudenken. Doch während das Thema eigentlich dem langfristigen Überleben von Unternehmen und letztlich der gesamten Gesellschaft dienen soll, hat es sich für viele Beteiligte zu einer bürokratischen Last entwickelt. Die zentrale Frage: Könnte man das Ganze nicht handwerklich besser machen?

Dieser Artikel ist eine Added Value Version zu den Key-Insights einer Podcastfolge von audio-cd.at, aufgewertet durch Archivbausteine. Die hier veröffentlichten Gedanken/Schlüsse sind weder als Empfehlung noch als ein Angebot oder eine Aufforderung zum An- oder Verkauf von Finanzinstrumenten zu verstehen und sollen auch nicht so verstanden werden. Der Handel mit Finanzprodukten unterliegt einem Risiko. Sie können Ihr eingesetztes Kapital verlieren.

Der unterschätzte Beitrag des Finanzsektors

Veronika Rief, deren Herz nach eigener Aussage immer noch als Bankerin schlägt, bricht eine Lanze für die Finanzbranche: „Vielen ist nicht klar, wie groß der Beitrag vom Finanzsektor zur Nachhaltigkeit ist." Der Sektor werde von der eigenen Branche unterverkauft, während andere Akteure ihre Leistungen sichtbarer präsentieren würden.

Der Finanzsektor ist aufgefordert, sein Portfolio entsprechend nachhaltig zu gestalten – nicht nur aus regulatorischen Gründen, sondern aus eigenem Interesse. Banken wollen schließlich mit Kunden zusammenarbeiten, die langfristig überlebensfähig sind und Kredite zurückzahlen können. Naturkatastrophen und andere externe Schocks, die Unternehmen unvorbereitet treffen, gefährden auch die finanzierenden Institute.

Der Status quo: Umbruch und Vereinfachung

Anfang 2026 befindet sich die Nachhaltigkeitsberichterstattung in einem fundamentalen Umbruch. Die von der EU vorgegebenen Regulierungen ändern sich stark. Der Omnibus hat für Unternehmen bereits Erleichterungen gebracht, als nächstes steht der Finanzsektor mit der SFDR – der Sustainable Finance Disclosure Regulation – im Fokus.

Bei den Investmentfonds werden künftig neue Bezeichnungen eingeführt. Statt der technischen Artikel-Nummerierungen wie 8 oder 9, die nie so gemeint waren, wird es sprechendere Kategorien geben – etwa schlicht „nachhaltig" oder „ESG". Ein interessanter Nebeneffekt der Neuauslegung: Das viel kritisierte Goldplating könnte damit ausgeschaltet werden, da die Formulierungen offenbar wenig Interpretationsspielraum für nationale Verschärfungen lassen werden.

Die Schattenseiten der aktuellen Praxis

Die Kritik am Status quo ist deutlich: Endlose Fragebögen, vorgegebene Themen und ein Ökosystem von Trittbrettfahrern, die rund um die Berichterstattung Geld verdienen. Unternehmen berichten von erpresserisch anmutenden Praktiken – wer Fragebögen nicht beantwortet, landet auf Negativlisten.

Rief stellt eine provokante These auf: Hemmt die aktuelle Berichterstattungspraxis möglicherweise sogar die Kreativität in Unternehmen? Sie vergleicht es mit dem täglichen Blutdruckmessen: „Das ist ein bisschen so, wie wenn man brav seine Statistiken für den Blutdruck jeden Tag misst, aber dabei keine Lust mehr hat, sich über ein gesünderes Leben Gedanken zu machen."

Was fehlt, ist die Lust und Freude am Ganzen. Dabei gehe es eigentlich um etwas Langfristigeres – den sogenannten Long-Termism, wie es in der Szene heißt.

ESG: Stärken und Schwächen der drei Säulen

Bei der Bewertung der ESG-Kriterien zeigt sich ein differenziertes Bild. Das E für Environment und das S für Social werden positiv gesehen – insbesondere die sozialen Projekte gelten als die „wirklich schönen Projekte". Die Schwierigkeit beim S: Es ist am schwierigsten messbar.

Beim G für Governance hingegen sei übertrieben worden. Manches, was an guter Governance gefordert wird, sei schlicht nicht umsetzbar. Insgesamt wurde in das ESG-Konzept wahrscheinlich von Anfang an zu viel hineingepackt – gut gemeint, aber schwer schaffbar.

Internationale Entwicklungen: China überrascht

Während in der öffentlichen Wahrnehmung ein Backlash gegen Nachhaltigkeitsthemen stattfindet – nicht zuletzt durch die US-Politik – gibt es anderswo überraschende Entwicklungen. In China hat sich in den letzten drei bis vier Jahren Atemberaubendes getan. Unter den Banken ist ein regelrechter Wettbewerb um die „Grünheit" entstanden.

Von ganz oben wird dort die Finanzierung klimarelevanter Bereiche vorangetrieben. Viele Taxonomien wurden entwickelt und Anreize geschaffen, auch privates Kapital zu mobilisieren. China, lange als Nachzügler wahrgenommen, nutzt offenbar alle Chancen, die sich auftun.

Osteuropa als unterschätzter Vorreiter

Auch in Osteuropa gibt es erstaunliche Entwicklungen. Slowenien hat im vergangenen Jahr den allerersten Sustainability-Linked-Bond in Europa aufgelegt – eine Rolle, die traditionell eher Österreich zugetraut wurde. Ungarn legte erst im Jänner eine grüne Anleihe auf, die sehr gut platziert wurde.

In Österreich selbst ist die Bundesfinanzierungsagentur aktiv und hat mehrere Grünpreise für ihr Investor Relations Team erhalten. Die Österreichische Entwicklungsbank hat von der Regierung das Mandat, Investitionen im Klimabereich in Schwellenländern durchzuführen, und kürzlich einen Klimafonds für Emerging Markets aufgelegt. Was in der Region noch fehlt: grüne Unternehmensanleihen. Bisher sind es vor allem Regierungen und Staaten, die solche Instrumente auflegen.

Die Themen der Zukunft

Für die kommenden Quartale zeichnen sich laut einem S&P-Artikel mehrere Schwerpunkte ab: Biodiversität und Naturschutz gewinnen an Bedeutung, unterstützt durch immer verlässlichere Daten. Unternehmen werden zunehmend unter dem Verlust von Naturressourcen leiden – sinkende Wasservorräte, Artensterben, kaputte Wälder und Bodenverlust.

Weitere Themen sind neue Zugänge zur geopolitischen Fragmentierung, Anpassung und Widerstandsfähigkeit sowie der gigantische Ressourcenverbrauch von Datenzentren durch künstliche Intelligenz und Kryptowährungen. Grundlegende Fragen wie Wasserversorgung, Nahrungsmittelketten und die Sicherheit von Lieferketten bleiben ebenfalls auf der Agenda.

Die Bodenversiegelung wird als Teufelszeug bezeichnet, wobei interessanterweise keine der vorhandenen Regulierungen dagegen zu helfen scheint. Das Unbehagen mit dem Zubetonieren gehe quer durch alle Bevölkerungsschichten und Parteigrenzen – hier könnte die Politik mutiger sein.

Fazit: Entspannung als Schlüssel zum Erfolg

Die Nachhaltigkeitsberichterstattung bleibt ein zentrales Thema, doch der Zugang verändert sich. Eine entspanntere und freudvollere Sicht könnte dem eigentlichen Ziel – einer nachhaltigen Entwicklung – eher nützen als die bisherige bürokratische Schwere. Im Sinne des Kant'schen kategorischen Imperativs, den Rief als philosophischen Vorläufer der doppelten Wesentlichkeitsanalyse sieht, geht es letztlich darum, welche Auswirkungen das eigene Tun auf die Umgebung hat. Diese Perspektive sollte bei aller Regulierung nicht verloren gehen.