Liebe Leserinnen und Leser,

1,8 Milliarden Dollar für eine leere Fabrikhalle – diese Zahl aus Taiwan zeigt, wie verzweifelt die Halbleiterindustrie nach Produktionskapazitäten sucht. Während Micron Milliarden in Beton investiert, setzt BioNTech auf eine Pipeline, die Goldman Sachs auf über 100 Milliarden Dollar Marktpotenzial taxiert. Und Siemens Energy? Der Konzern kämpft an zwei Fronten gleichzeitig: gegen aktivistische Investoren, die eine Abspaltung fordern, und gegen eine Bundesregierung, die beim Kraftwerksbau nicht vom Fleck kommt. Drei Unternehmen, drei Strategien – und drei sehr unterschiedliche Antworten auf die Frage, wo das große Geld der Zukunft verdient wird.

Micron kauft sich Zeit – für 1,8 Milliarden Dollar

Manchmal ist eine Fabrik mehr wert als die Maschinen darin. Micron zahlt 1,8 Milliarden US-Dollar für die P5-Anlage von Powerchip in Taiwan – und erwirbt damit vor allem eines: Zeit. Die 300mm-Fabrik in Tongluo liegt strategisch günstig nahe Microns bestehendem Taichung-Standort und soll bereits ab der zweiten Jahreshälfte 2027 nennenswerte DRAM-Mengen produzieren.

Der Clou: Micron umgeht damit den jahrelangen Prozess eines Neubaus. Während Konkurrenten noch Fundamente gießen, kann der US-Konzern direkt mit der Ausrüstung beginnen. Die Analysten sprechen von „operativen Synergien" – gemeint ist schlicht: kürzere Wege, gemeinsame Infrastruktur, schnellere Hochläufe. In einem Markt, in dem die Nachfrage das Angebot weiterhin übersteigt, verschafft das einen messbaren Vorteil.

Interessant ist auch die strategische Komponente: Mit 22 Analysten, die ihre Gewinnschätzungen zuletzt nach oben revidierten, und einem Umsatzwachstum von über 45 Prozent im vergangenen Jahr steht Micron unter Erfolgsdruck. Die Taiwan-Akquisition ist die Antwort auf eine einfache Frage: Wie bedient man explodierende KI-Nachfrage, ohne Jahre auf neue Kapazitäten zu warten?

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BioNTech: Goldman Sachs sieht 100-Milliarden-Dollar-Chance jenseits von COVID

Während die Börse BioNTech noch immer primär als COVID-Impfstoffhersteller wahrnimmt, zeichnet Goldman Sachs ein radikal anderes Bild. Die US-Investmentbank stufte die Aktie von „Neutral" auf „Buy" hoch und hob das Kursziel von 115 auf 142 US-Dollar an – ein Aufwärtspotenzial von rund 30 Prozent zum aktuellen Kurs von 109 Dollar.

Der Grund: BioNTechs Onkologie-Pipeline zielt auf einen Gesamtmarkt von über 100 Milliarden Dollar. Im Fokus stehen bispezifische Antikörper wie BNT327 und Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADCs) – Technologien, die dort ansetzen, wo klassische PD-1-Inhibitoren an ihre Grenzen stoßen. Goldman Sachs spricht von einem „einzigartigen Chance-Risiko-Verhältnis", auch wenn Wettbewerber wie Roche oder AstraZeneca mit ähnlichen Ansätzen unterwegs sind.

Entscheidend wird 2026: Für dieses Jahr sind sieben klinische Datenveröffentlichungen in der Spätphase angekündigt. Der Markt wird genau beobachten, ob BioNTech sein selbstgestecktes Ziel erreicht – bis 2030 zum Multi-Produkt-Onkologie-Unternehmen mit mehreren Zulassungen zu werden. Am 10. März legt das Management detaillierte Zahlen und einen aktualisierten Ausblick vor. Bis dahin bleibt die Aktie eine Wette auf wissenschaftliche Durchbrüche jenseits der mRNA-Impfstoffe.

Siemens Energy: Zwischen Windkraft-Turnaround und Gaskraftwerk-Frust

Christian Bruch hat ein Problem – genauer gesagt: zwei. Der Siemens-Energy-Chef muss einerseits aktivistische Investoren abwehren, die eine Abspaltung der verlustreichen Windkraftsparte Siemens Gamesa fordern. Andererseits wartet er auf eine Bundesregierung, die beim geplanten Bau neuer Gaskraftwerke nicht vom Fleck kommt.

Bruchs Antwort an die Aktivisten ist klar: „Eine Abspaltung jetzt würde die Probleme nicht lösen." Die Windkraftsparte sei mitten im Turnaround, das Ziel lautet Break-even im Jahr 2026. Erst danach will Bruch über strategische Optionen entscheiden. Übersetzt heißt das: Gebt uns noch ein Jahr, dann reden wir weiter.

Deutlich ungeduldiger wird Bruch, wenn es um die Kraftwerksstrategie der Bundesregierung geht. Zwar hat sich Berlin nach jahrelangen Verzögerungen grundsätzlich mit der EU-Kommission geeinigt – geplant sind zunächst zwölf Gigawatt an neuer steuerbarer Leistung, ein Teil davon als Gaskraftwerke. Doch zwischen Grundsatzeinigung und konkreten Ausschreibungen liegen Welten. „Die Politik muss jetzt liefern", fordert Bruch. „Unsere Gasturbinen sind weltweit gefragt, andere Länder sind da wesentlich schneller."

Das Dilemma ist offensichtlich: Während Deutschland noch plant, haben andere Märkte längst bestellt. Für Siemens Energy, einen der führenden Hersteller von Kraftwerkstechnik, bedeutet das verpasste Umsätze – und die Gefahr, dass Produktionskapazitäten anderswo gebunden werden, wenn Berlin endlich liefert.

Fintech 2026: Zwischen Zins-Erholung und Krypto-Divergenz

Während europäische Industriekonzerne mit Regierungen ringen, sortiert sich die US-Fintech-Szene neu. Mizuho identifiziert sechs Schlüsselthemen für 2026 – und zwei davon verdienen besondere Aufmerksamkeit.

Erstens: Sinkende Zinsen bringen „breite Erleichterung" für Prozessoren, Kreditgeber und BNPL-Anbieter. FIS gilt als besonders gut positioniert, während Affirm, SoFi und Upstart von günstigerer Refinanzierung und stärkerer Nachfrage profitieren dürften. Selbst Trumps diskutierte 10-Prozent-Zinsobergrenze könnte paradoxerweise Networks und BNPL-Spielern nutzen, wenn Konsumenten von Kreditkarten zu „Buy Now, Pay Later" wechseln.

Zweitens: Im Kryptobereich beschleunigt sich die Spaltung zwischen volatilen Assets wie Bitcoin und schnell skalierenden USD-Stablecoins. Mizuho sieht regulatorische Klarheit als Treiber – Stablecoins könnten zunehmend die reale Nutzung dominieren, während Bitcoin primär als Wertspeicher dient. Prediction Markets entwickeln sich zum dritten Wachstumsmotor, angeführt von Robinhood, gefolgt von Coinbase.

Für deutsche Anleger bedeutet das: Die Fintech-Landschaft differenziert sich aus. Wer hier investiert, sollte verstehen, welches Geschäftsmodell von welchem Trend profitiert – pauschale „Fintech ist heiß"-Wetten funktionieren 2026 nicht mehr.

Quantencomputing: Geteilte Visionen, ungelöste Probleme

Während Micron in bewährte Chip-Technologie investiert, experimentiert die Tech-Branche mit einer Zukunftstechnologie, die noch keine klare Richtung gefunden hat: Quantencomputing. Ein von BMO Capital organisiertes Expertengespräch offenbart tiefe Gräben zwischen den Ansätzen der großen Player.

IBM setzt seit Jahren auf supraleitende Qubits, kämpft aber mit Skalierungs- und Fehlerkorrekturproblemen. Microsoft hat sich weitgehend aus der Hardware-Entwicklung zurückgezogen und fokussiert auf Cloud-Plattformen. Amazon investiert weniger in eigene Systeme, sondern bietet lieber fremde Technologie über AWS an. Google bleibt zwar engagiert, orientiert sich aber eher an akademischer Forschung als an kommerziellen Anwendungen.

Der Experte sieht Ionen- und Atom-Qubits (genutzt von IonQ) als führend bei der Fehlerkorrektur – mit Dutzenden logischen Qubits, während supraleitende Systeme noch kämpfen. Die zentrale Frage: Kann sich innerhalb der nächsten fünf Jahre eine dominante Technologie durchsetzen? Oder investieren Unternehmen Milliarden in Ansätze, die sich als Sackgasse erweisen?

Für Anleger bleibt Quantencomputing vorerst eine Wette auf sehr lange Sicht – und auf Unternehmen, die sich den Luxus leisten können, jahrelang ohne kommerzielle Erträge zu forschen.

Was diese Woche noch wichtig wird

Die kommenden Tage bringen Klarheit in mehreren offenen Fragen: BioNTechs Geschäftszahlen am 10. März werden zeigen, wie ernst es Goldman Sachs mit der Onkologie-These meint. Siemens Energy wartet auf konkrete Ausschreibungen aus Berlin – jede weitere Verzögerung dürfte Bruchs Geduld strapazieren. Und Micron muss demonstrieren, dass die Taiwan-Akquisition mehr ist als ein teurer Schnellschuss.

Eines verbindet alle drei Geschichten: Es geht um Milliarden-Investitionen in Zukunftsszenarien, deren Ausgang alles andere als sicher ist. Micron wettet auf anhaltenden Chip-Hunger, BioNTech auf Krebstherapien der nächsten Generation, Siemens Energy auf eine Energiewende, die endlich Fahrt aufnimmt. Welche dieser Wetten aufgeht, entscheidet sich nicht an der Börse – sondern in Forschungslaboren, Fabriken und Regierungsbüros.

Einen erfolgreichen Start in die Woche wünscht Ihnen

Andreas Sommer