Intel, CSG & Siemens Energy: Verluste bei Chipgiganten, Rüstungsboom in Amsterdam und eine spektakuläre Kehrtwende bei Energietechnik
Liebe Leserinnen und Leser,
600 Millionen Dollar Verlust – und die Aktie stürzt um über 12 Prozent ab. Was Intel gestern nach US-Börsenschluss präsentierte, zeigt exemplarisch die Nervosität im Halbleitersektor: Selbst frisches Kapital von Nvidia und der US-Regierung reicht nicht, um Lieferengpässe und Margendruck zu kaschieren. Während der Chipriese strauchelt, feiert in Amsterdam ein tschechischer Rüstungskonzern ein fulminantes Börsendebüt – und in Frankfurt vollzieht ein Analyst bei Siemens Energy eine 180-Grad-Wende, die das Kursziel mehr als vervierfacht. Drei Geschichten, die unterschiedlicher kaum sein könnten – und doch alle von derselben Frage getrieben werden: Wer gewinnt das Rennen um die Zukunft?
Intel: Wenn Milliarden-Investments nicht vor Verlusten schützen
Die Zahlen sind ernüchternd: Intel meldete für das vierte Quartal 2025 einen Nettoverlust von 600 Millionen Dollar – deutlich mehr als die von Analysten erwarteten 333 Millionen. Bereinigt um Sondereffekte lag der Gewinn bei 0,15 Dollar je Aktie, was zwar die Prognosen übertraf, doch der Ausblick auf das laufende Quartal enttäuschte massiv. Intel rechnet mit einem Verlust von 0,21 Dollar je Aktie und einem Umsatzrückgang von 11 Prozent gegenüber dem Vorquartal.
Verantwortlich für die Misere: Lieferengpässe bei Serverprozessoren, die durch explodierende Nachfrage aus KI-Rechenzentren entstanden sind. CFO David Zinsner sprach von einem branchenweiten Problem, das sich bis weit ins Jahr 2026 ziehen könnte. Besonders bitter: Trotz frischer Kapitalspritzen von Nvidia, Softbank und sogar der US-Regierung schafft es Intel nicht, mit AMD und vor allem TSMC Schritt zu halten. Die erhoffte Kundenliste für den neuen 14A-Fertigungsprozess? Bleibt vorerst geheim – und ob Apple tatsächlich einsteigt, wie manche Analysten spekulieren, ist völlig offen.
Mizuho und KeyBanc erhöhten zwar ihre Kursziele auf 48 bzw. 65 Dollar, doch bei einem aktuellen Kurs von 54 Dollar wirkt das eher wie Schadensbegrenzung. Das Problem liegt tiefer: Intel kämpft an zwei Fronten gleichzeitig – im Chipdesign gegen Nvidia und AMD, im Foundry-Geschäft gegen TSMC. Und während die Konkurrenz bereits die nächste Generation ausliefert, ringt Intel noch mit Anlaufschwierigkeiten beim 18A-Prozess.
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Rüstungsboom: CSG startet mit 32 Prozent Plus in Amsterdam
Ganz anders die Stimmung in Amsterdam: Die Czechoslovak Group (CSG) legte einen der spektakulärsten Börsengänge des Jahres hin. Der tschechische Hersteller gepanzerter Fahrzeuge und Munition startete mit einem Ausgabepreis von 25 Euro – und schoss im frühen Handel auf 33 Euro, ein Plus von 32 Prozent. Zum Handelsschluss stand die Aktie bei 31 Euro, was dem Unternehmen eine Bewertung von rund 25 Milliarden Euro beschert.
Die Zahlen dahinter sind beeindruckend: CSG sitzt auf einem Auftragsbestand von 14 Milliarden Euro plus einer Pipeline von weiteren 32 Milliarden. In den ersten neun Monaten 2025 steigerte das Unternehmen den Umsatz um 82 Prozent auf 4,5 Milliarden Euro, das operative EBITDA kletterte um 79 Prozent auf 1,2 Milliarden bei einer Marge von 26,4 Prozent. Rund 50 Prozent der Erlöse stammen aus Europa (ohne Ukraine), 18 Prozent aus den USA und 26 Prozent aus der Ukraine selbst.
Der Börsengang verlief in rekordverdächtigem Tempo: Die Bücher öffneten am Dienstag und schlossen bereits am Donnerstag – normalerweise dauert ein IPO drei bis vier Wochen. Das Interesse war so groß, dass die Nachfrage das Angebot deutlich überstieg. Für deutsche Rüstungswerte wie Rheinmetall, Hensoldt und Renk bedeutet das zweierlei: Einerseits bestätigt der Erfolg den strukturellen Rückenwind durch europäische Aufrüstung. Andererseits wächst die Konkurrenz – CSG wird zunehmend als ernstzunehmender Rivale wahrgenommen, der in funktionalen Nischen punkten kann.
Interessant: Trotz laufender Friedensverhandlungen zwischen Russland, der Ukraine und den USA in Abu Dhabi hielt sich die Euphorie. Offenbar gehen Investoren davon aus, dass die grundsätzliche Bedrohungslage in Europa auch nach einem möglichen Waffenstillstand bestehen bleibt – und die Wiederherstellung der Verteidigungsfähigkeit ein Jahrzehntprojekt ist.
Siemens Energy: Von "Sell" zu "Buy" – und das Kursziel explodiert
Selten sieht man eine derart radikale Kehrtwende: Die Schweizer Großbank UBS stufte Siemens Energy von "Sell" auf "Buy" hoch – und schraubte das Kursziel von 38 auf 175 Euro. Damit steigt Analyst Christopher Leonard unter die größten Optimisten für den Energietechnikkonzern auf. Die Aktie reagierte prompt und kletterte im Xetra-Handel zeitweise auf 139,60 Euro, ein neues Allzeithoch.
Was steckt hinter dem Sinneswandel? Noch vor wenigen Tagen hatte die UBS vor den Risiken durch Trumps Zolldrohungen gewarnt. Doch nachdem diese im Zuge der Grönland-Einigung vom Tisch sind, sieht die Bank nun freie Bahn für weiteres Wachstum. Leonard erwartet, dass der Markt für Gasturbinen bis 2030 durchschnittlich 88 Gigawatt jährlich nachfragen wird – bei einer Branchenkapazität von nur 90 Gigawatt. Das bedeutet: Der Markt bleibt strukturell unterversorgt, und Siemens Energy kann Preise und Margen weiter ausbauen.
Die Prognosen sind ambitioniert: UBS rechnet mit operativen Ergebnissen bis 2030, die um bis zu 9 Prozent über dem Analystenkonsens liegen. Die EBITA-Marge im Gasturbinengeschäft soll bis 2030 auf 24 Prozent steigen – deutlich über der Unternehmenszielsetzung von 18 bis 20 Prozent für 2028. Auch die Netzsparte Grid Technologies profitiert von einem Rekordauftragsbestand von 42 Milliarden Euro, was drei Jahresumsätzen entspricht.
Für deutsche Anleger ist die Story besonders reizvoll: Siemens Energy gilt als einer der größten Profiteure des KI-Booms, denn jedes neue Rechenzentrum braucht zuverlässige Stromversorgung. Binnen zwei Jahren hat sich der Aktienkurs verzwölffacht – und wenn die UBS recht behält, ist die Rallye noch lange nicht vorbei.
Gold auf Rekordkurs, VW überrascht mit Cashflow, BASF enttäuscht
Abseits der Hauptthemen gab es weitere bemerkenswerte Entwicklungen: Gold nähert sich der 5.000-Dollar-Marke, nachdem Trump militärische Aktionen gegen den Iran andeutete. Silber steht kurz vor der 100-Dollar-Schwelle. Die Edelmetall-Rallye zeigt, dass geopolitische Unsicherheit trotz Entspannung in der Grönland-Frage nicht verschwunden ist.
Volkswagen überraschte mit einem Netto-Cashflow im Automobilbereich von 6,6 Milliarden Euro – deutlich über den eigenen Erwartungen und den Marktschätzungen. Die Aktie legte daraufhin kräftig zu, auch wenn Analysten die Nachhaltigkeit dieser Entwicklung noch hinterfragen. BASF hingegen enttäuschte: Der Chemiekonzern meldete ein operatives EBITDA von 6,6 Milliarden Euro für 2025, unter der eigenen Prognose und den Analystenschätzungen. Die Aktie verlor entsprechend an Boden.
Was die kommende Woche bringt
Die Agenda ist prall gefüllt: Am Mittwoch entscheidet die US-Notenbank Fed über die Zinsen – eine Pause gilt als sicher, doch die Pressekonferenz von Jerome Powell dürfte spannend werden. Schließlich läuft im Hintergrund eine Untersuchung der Trump-Administration gegen ihn. Zudem berichten vier der „Magnificent Seven" ihre Quartalszahlen: Microsoft, Apple, Meta und Tesla. Besonders bei Tesla wird es darauf ankommen, ob Elon Musk die Erwartungen nach der jüngsten Schwäche in Deutschland und Europa noch erfüllen kann.
In Europa stehen die Januar-Einkaufsmanagerindizes an – ein wichtiger Gradmesser dafür, ob die leichte Erholung der Wirtschaft Bestand hat. Und die Bank of Japan signalisierte heute bereits, dass weitere Zinserhöhungen kommen könnten, was den Yen stützen und globale Märkte beeinflussen dürfte.
Bis dahin – bleiben Sie investiert, aber wachsam.
Beste Grüße aus der Redaktion
Andreas Sommer








