Gerresheimer Aktie: Bilanzstress
Kurz vor dem Jahreswechsel musste Gerresheimer die Bilanz 2024 nach unten korrigieren – ausgelöst durch fehlerhafte Umsatzerfassung bei Bill-and-Hold-Geschäften und eine laufende BaFin-Prüfung. Parallel verschärfen hohe Verschuldung, Führungswechsel und anhaltende Short-Seller-Kritik den Druck. Für Anleger stellt sich damit vor allem eine Frage: Wie schwer wiegen die Bilanzkorrekturen im Vergleich zu den strukturellen Risiken?
Bilanzkorrektur: Wirkung auf Umsatz und Ergebnis
Eine externe Kanzlei stellte fest, dass Gerresheimer bei Bill-and-Hold-Vereinbarungen systematisch nicht IFRS-konform bilanziert hat. Die Folge ist eine rückwirkende Anpassung mehrerer Geschäftsjahre:
- 28 Mio. Euro Umsatz aus 2024 werden ins Jahr 2025 verschoben
- 10 Mio. Euro Umsatz aus 2023 werden nachträglich in 2024 gebucht
- Nettoeffekt: rund 18 Mio. Euro weniger Umsatz 2024 (etwa 1 %)
- Bereinigtes EBITDA sinkt um ca. 5 Mio. Euro (ebenfalls rund 1 %)
- Bereinigtes Ergebnis je Aktie reduziert sich um etwa 0,10 Euro (ca. 2 %)
Operativ sind die Belastungen damit überschaubar, die Signalwirkung ist jedoch deutlich: Gerresheimer hat die Bill-and-Hold-Praxis vollständig beendet und will künftig keine Umsätze mehr aus solchen Vereinbarungen erfassen.
BaFin-Prüfung und Managementwechsel
Auslöser der internen Untersuchung ist eine von der BaFin eingeleitete Prüfung der Konzernbilanz 2024. Das Unternehmen betont, mit der Aufsicht voll zu kooperieren. Der Zeitpunkt der Korrektur kurz vor Weihnachten hat die Verunsicherung am Markt dennoch verstärkt.
Gleichzeitig befindet sich das Unternehmen in einer Umbruchphase im Management:
- CEO Dietmar Siemssen wurde abgelöst, Interims-CEO ist nun Uwe Röhrhoff
- Ein Wechsel auf der CFO-Position steht bevor
- Gespräche über einen möglichen Einstieg von Private-Equity-Investoren wurden beendet
- Der geplante Verkauf des Formglas-Geschäfts verzögert sich bis 2026
Diese Gemengelage nährt Zweifel an der strategischen Klarheit und Stabilität in einer Phase, in der finanzielle Flexibilität besonders wichtig ist.
Analysten uneins
Die Reaktionen der Analysten fallen unterschiedlich aus.
Jefferies stuft die Aktie weiterhin mit „Kaufen“ ein und bestätigt das Kursziel von 34,10 Euro. Die Bank wertet die Bilanzkorrekturen als quantitativ begrenzt.
Andere Häuser zeigen sich deutlich skeptischer. Die DZ Bank hält an einer Verkaufsempfehlung fest und senkt den fairen Wert. Auch Bernstein bekräftigt eine negative Einschätzung. Der Markt erhält damit ein gemischtes Bild: moderate operative Auswirkungen, aber erhöhter Vertrauens- und Bewertungsdruck.
Short-Seller-Kritik und Verschuldung
Zusätzlichen Gegenwind liefert der aktivistische Short-Seller Morpheus Research. Anfang Dezember veröffentlichte der Investor einen kritischen Bericht mit mehreren Kernvorwürfen:
- Risiken im Zusammenhang mit dem wichtigen CagriSema-Vertrag mit Novo Nordisk
- Fragwürdige Bewertung der Bormioli-Übernahme
- Aggressive Bilanzierungsmethoden
- Potenzielle Wertberichtigungen in der Advanced-Technology-Sparte
Im Fokus steht dabei auch die deutlich gestiegene Verschuldung. Die Ende 2024 abgeschlossene Übernahme von Bormioli Pharma für rund 800 Mio. Euro hat die Bilanz merklich angespannt. Die Leverage-Ratio lag zuletzt bei 4,15 – ein Niveau, das die Einhaltung von Kreditauflagen kritisch werden lässt. Zwar wurden die Covenants neu verhandelt, konkrete Details dazu gab das Unternehmen trotz Nachfragen von Analysten nicht preis.
GLP‑1-Geschäft: Chancen mit Risiko
Ein zentraler Wachstumstreiber ist das Geschäft mit Injektionssystemen für GLP‑1-Medikamente zur Gewichtsreduktion wie Wegovy und CagriSema. Gerresheimer liefert hier Dual-Kammer-Spritzen und strebt für 2025 GLP‑1-Umsätze von rund 200 Mio. Euro an.
Gleichzeitig entsteht ein strukturelles Risiko: Sowohl Novo Nordisk als auch Eli Lilly arbeiten intensiv an Tablettenvarianten dieser Wirkstoffe. Sollten orale Formulierungen erfolgreich und breit eingeführt werden, könnte die Nachfrage nach Spritzen und Injektionssystemen deutlich zurückgehen. Damit gerät ein zentrales Wachstumsversprechen unter Vorbehalt.
MDAX-Abstieg und Kursverfall
Auch von Indexseite kommt Gegenwind. Im Dezember wurde die Aktie aus dem MDAX in den SDAX abgestuft.
Die Folgen:
- Indexfonds und ETFs, die den MDAX abbilden, mussten Bestände reduzieren
- Dies verstärkte den ohnehin bestehenden Verkaufsdruck
- Seit dem Hoch im September 2023 hat der Kurs rund 80 % verloren
Damit spiegelt die Kursentwicklung nicht nur die aktuellen Bilanz- und Governance-Themen wider, sondern auch Zweifel an der Tragfähigkeit der Wachstumsstory und der finanziellen Struktur.
Fazit: Mehr als nur ein Bilanzfehler
Die reine Größenordnung der Bilanzkorrekturen bleibt mit rund 1 % Umsatz- und EBITDA-Effekt überschaubar. Entscheidend ist jedoch das Gesamtbild: BaFin-Prüfung, Managementwechsel, hohe Verschuldung nach der Bormioli-Übernahme, offenliegende Covenants, Short-Seller-Vorwürfe und strategische Risiken im GLP‑1-Geschäft treffen auf einen bereits stark gefallenen Kurs und den Abstieg in den SDAX. Die nächsten Zwischenschritte werden vor allem daran gemessen, ob das Management Transparenz schafft, die Verschuldung stabilisiert und die GLP‑1-Ziele im Jahr 2025 tatsächlich erreicht.
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