Liebe Leserinnen und Leser,

ein 15-Punkte-Plan soll den Iran-Krieg beenden. Die Nachricht verbreitete sich in der Nacht wie ein Lauffeuer durch die Finanzwelt – und die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Der DAX sprang über die 23.000-Punkte-Marke, Brent-Öl fiel unter 100 Dollar, Bitcoin kletterte auf 71.000 Dollar, und Gold notiert auf einem Niveau, das noch vor einem Jahr kaum vorstellbar gewesen wäre. Heute schauen wir uns an, was hinter dieser Rally steckt, welche deutschen Aktien besonders profitieren – und warum ausgerechnet Aixtron und Lanxess heute die Schlagzeilen dominieren. Außerdem: Was Novo Nordisks neue Abnehm-Pille für Anleger bedeutet, und was bei Circle Internet passiert ist.

Die Rally auf tönernen Füßen: Was der Friedensplan wirklich wert ist

Irans Militärführung hat die Verhandlungen dementiert. Israel soll Teheran angegriffen haben. Und dennoch steigen die Kurse. Klingt widersprüchlich – ist es auch.

Was die Märkte heute antreibt, ist keine Gewissheit, sondern Erleichterung über eine bloße Möglichkeit. Der US-Plan, der über Pakistan an den Iran weitergeleitet wurde, verlangt Teheran enorme Zugeständnisse ab: Abbau der Atomanlagen, Ende der Urananreicherung, Öffnung der Straße von Hormus. Im Gegenzug winken Sanktionserleichterungen. Ob die Islamischen Revolutionsgarden – die innerhalb des geschwächten iranischen Regimes zunehmend das Sagen haben – das akzeptieren werden, darf bezweifelt werden. Ihre Forderungen sind ihrerseits maximal: Schließung aller US-Stützpunkte am Golf, Reparationen, Sicherheitsgarantien.

Marktanalyst Stephen Innes von SPI Asset Management spricht von „Licht am Ende des Tunnels" – fügt aber hinzu, die Lage bleibe „fragil und von Nachrichten getrieben". Das ist der Kern. Wer heute kauft, wettet auf Diplomatie, nicht auf Fakten. Brent-Öl ist von fast 120 Dollar auf unter 100 Dollar gefallen – ein enormes Entlastungssignal für die Inflation. Aber die Straße von Hormus ist noch immer faktisch blockiert, und Experten warnen: Selbst wenn ein Waffenstillstand käme, würden beschädigte Energieanlagen Monate brauchen, um wieder hochgefahren zu werden.

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Aixtron bricht aus – und JPMorgan sieht weiteres Potenzial

Mitten in dieser Gemengelage gibt es eine Geschichte, die fast unabhängig vom Nahost-Konflikt läuft: Aixtron hat heute erstmals seit mehr als zwei Jahren die Marke von 35 Euro überwunden. Der Kurs stieg um rund 5,6 Prozent auf 35,50 Euro.

Was steckt dahinter? Aixtron stellt Anlagen her, mit denen Halbleiter produziert werden – insbesondere für Optoelektronik und Indiumphosphid-Laser. Diese Laserdioden sind ein zentrales Bauteil in Datenzentren und Hochgeschwindigkeitskommunikation. JPMorgan-Analyst Craig McDowell sieht hier keine Abschwächung: Große Kunden hätten auf einer Konferenz signalisiert, dass die Nachfrage nach diesen Bauteilen weiterhin größer sei als das Angebot – trotz deutlicher Kapazitätserweiterungen. Das ist ein starkes Signal. Im noch jungen Börsenjahr hat sich der Aixtron-Kurs mehr als verdoppelt und ist damit der größte Gewinner unter den deutschen Standardwerten. Während der europäische Technologiesektor insgesamt leicht im Minus liegt, schlägt Aixtron eine völlig eigene Kapitel auf.

Lanxess: Vom Sorgenkind zum Kriegsgewinner

Noch dramatischer verlief der Tag für Lanxess. Die Aktie schoss nach einer Hochstufung durch JPMorgan um rund 14 bis 15 Prozent nach oben. Analyst Chetan Udeshi drehte seine Einschätzung von „Underweight" auf „Overweight" – eine seltene, klare Kehrtwende.

Seine Begründung ist so einfach wie einleuchtend: Lanxess sei einer von wenigen, wenn nicht der einzige westliche Hersteller in seinen zentralen Produktkategorien. Die Produktionsprobleme im asiatisch-pazifischen Raum – ausgelöst durch die Verwerfungen des Iran-Kriegs – spielen den Kölnern direkt in die Karten. Wer in Europa produziert, was anderswo gerade nicht lieferbar ist, hat plötzlich Preissetzungsmacht. Die Aktie hatte am Montag noch ein Tief seit 2009 markiert. Die Erholung seitdem beläuft sich inzwischen auf über 44 Prozent.

Rüstung trotzt dem Friedensplan – und das hat einen guten Grund

Rheinmetall, HENSOLDT und RENK legten heute trotz der Friedenshoffnungen zu. Das mag überraschen – ist aber erklärbar.

Erstens glaubt der Markt schlicht nicht daran, dass der 15-Punkte-Plan kurzfristig Wirkung entfaltet. Zweitens – und das ist der entscheidende Punkt – ist die Nachfrage nach europäischer Rüstungstechnologie strukturell, nicht situativ. Die Ukraine-Unterstützung verlagert sich zunehmend in europäische Hände, Munitionsbestände müssen aufgefüllt werden, und der Aufbau eigenständiger Verteidigungskapazitäten ist ein Projekt auf Jahrzehnte angelegt. Rheinmetall notiert bei rund 1.475 Euro, HENSOLDT bei 73 Euro. Diplomatische Schlagzeilen aus Washington oder Teheran ändern daran wenig. Auch VW sorgt für Gesprächsstoff: Der Konzern verhandelt laut Financial Times mit der israelischen Rafael Advanced Defence Systems über eine Umrüstung des Werks Osnabrück – statt Autos könnten dort künftig Komponenten für das Raketenabwehrsystem Iron Dome produziert werden.

Novo Nordisk: Die Abnehm-Pille kommt – und sie funktioniert

Während die Märkte das Nahost-Geschehen verarbeiten, läuft bei Novo Nordisk eine Entwicklung, die langfristig mindestens genauso relevant sein könnte. Der dänische Pharmariese verfolgt eine Doppelstrategie: eine hochdosierte Tablette mit 50 mg Semaglutid, die in einer Phase-3-Studie einen durchschnittlichen Gewichtsverlust von 17,4 Prozent über 68 Wochen erzielte – vergleichbar mit den bisherigen Injektionspräparaten Wegovy und Ozempic. Und parallel dazu ein sogenannter Triple-Agonist, der drei Hormonrezeptoren gleichzeitig anspricht und in frühen Studien sowohl Gewicht als auch Blutzucker effektiver senkte als bisherige Präparate.

Novo Nordisk will noch in diesem Jahr die Zulassung für die Tablette in den USA und der EU beantragen. Das ist bedeutsam: Viele Patienten scheuen die wöchentliche Injektion. Eine wirksame Pille könnte den adressierbaren Markt massiv vergrößern. Die Aktie legte in Kopenhagen um rund 1,15 Prozent zu – eine verhaltene Reaktion angesichts der Tragweite der Daten. Hier lohnt ein genauer Blick auf die Zahlen.

Bitcoin und Krypto: Geopolitik als Taktgeber

Bitcoin notiert heute bei rund 71.000 Dollar – ein Plus von etwa einem Prozent gegenüber dem Vortag. Das klingt unspektakulär, ist es aber nicht. Noch zu Wochenbeginn war der Kurs unter 70.000 Dollar gerutscht, als eskalierende Kriegsnachrichten die Risikobereitschaft der Anleger abwürgten.

Die Kryptowährung bewegt sich inzwischen eng im Takt mit dem globalen Risikosentiment. Wenn Ölpreise fallen und Aktien steigen, zieht Bitcoin mit – und umgekehrt. Ethereum legte rund 1,2 Prozent zu, Solana sogar 2,6 Prozent. Im Krypto-Sektor gibt es außerdem eine interessante Entwicklung abseits der Kurse: Circle Internet, der Herausgeber des Stablecoins USDC, verlor gestern rund 20 Prozent an einem einzigen Tag. Hintergrund: Tether bereitet sich offenbar auf die Einhaltung des geplanten US-Stablecoin-Gesetzes (GENIUS Act) vor und heuerte einen Big-Four-Prüfer an. Gleichzeitig schränkte ein Senats-Entwurf des sogenannten CLARITY-Gesetzes die Möglichkeit ein, Stablecoin-Inhaber mit passiven Zinsen zu vergüten. William Blair hält die Reaktion für übertrieben und sieht eine Kaufgelegenheit – der adressierbare Markt für grenzüberschreitende B2B-Stablecoin-Transaktionen umfasse über 40 Billionen Dollar. Trotz des Einbruchs liegt Circle noch rund 27 Prozent im Plus seit Jahresbeginn.

Gold auf Rekordniveau – und der Dollar als Gegenwind

Spot-Gold notiert heute bei rund 4.553 Dollar je Unze – ein Plus von knapp zwei Prozent. Silber legte sogar drei Prozent zu. Der Rückgang des Ölpreises entlastet die Inflationserwartungen, was den Druck auf die Zentralbanken etwas mindert, die Zinsen weiter hochzuhalten. Niedrigere Renditen und ein schwächerer Dollar sind klassische Treiber für Gold. Der US-Dollar-Index gab leicht nach.

Für deutsche Anleger ist Gold derzeit ein zweischneidiges Schwert: In Euro gerechnet profitieren sie vom hohen Goldpreis, aber der Euro hat sich in den vergangenen Wochen ebenfalls erholt – was den Währungsgewinn aus US-Dollar-notierten Assets dämpft. EUR/USD notiert bei rund 1,1610.

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Was bleibt – und was morgen zählt

Die heutige Rally ist real, aber sie steht auf wackeligem Fundament. Ein Friedensplan, den eine Seite bestreitet, ist noch kein Frieden. Der Ifo-Geschäftsklimaindex für März wird heute noch erwartet – Ökonomen rechnen mit einem deutlichen Rückgang auf 85,5 Punkte nach 88,6 im Vormonat. Die Einkaufsmanagerindizes vom Vortag haben bereits gezeigt, dass der Iran-Krieg erste Spuren in der realen Wirtschaft hinterlässt.

Morgen eröffnet BASF offiziell seinen neuen Verbundstandort im chinesischen Zhanjiang – das größte Einzelprojekt der Unternehmensgeschichte mit einem Investitionsvolumen von 8,7 Milliarden Euro. Ein strategisch wichtiges Signal für die Ausrichtung des Konzerns, aber auch ein Thema, das Fragen zur China-Abhängigkeit aufwirft.

Bleibt wachsam. Die Märkte belohnen heute die Hoffnung. Ob sie morgen die Realität belohnen, wird sich zeigen.

Bis zur nächsten Ausgabe,
Andreas Sommer