Die Caracas-Wette, der 91.000-Dollar-Durchbruch und die deutsche Schizophrenie
Liebe Leserinnen und Leser,
wer an diesem Sonntagmorgen auf die Weltkarte blickt, sieht Chaos. Wer jedoch auf die digitalen Kurszettel schaut, sieht eine fast schon provokante Unerschütterlichkeit. Während die diplomatischen Drähte zwischen Washington, Peking und Pjöngjang glühen und Venezuelas bisheriger Machthaber seine erste Nacht in einer New Yorker Haftanstalt verbracht hat, senden die Märkte ein Signal der Stärke.
Es ist eine zynische, aber klare Botschaft des Kapitals: Politische Erdbeben sind Kaufgelegenheiten, solange die Algorithmen die Gewinner von morgen identifizieren können.
Willkommen zu einer Sonntagsausgabe, die den Spagat zwischen geopolitischer Neuordnung und technologischer Utopie wagt.
Die Geopolitik wird eingepreist: Zwischen Brooklyn und dem Ölpreis
Es sind Bilder für die Geschichtsbücher: Nicolás Maduro befindet sich im Metropolitan Detention Center in Brooklyn. Die von US-Präsident Trump befohlene Operation hat die Machtverhältnisse in Südamerika über Nacht neu definiert. Die geopolitischen Reflexe funktionieren noch: Nordkorea testet Raketen, China verurteilt den „Gewalteinsatz".
Doch das „Smart Money" kalkuliert anders. Zwar erwarten Händler zum morgigen Handelsstart ein „Gap-Up" bei den Rohstoffen – Prognosen sehen Gold potenziell bei 4.380 US-Dollar und Brent-Öl kurzzeitig über 62 US-Dollar –, doch die große Panik bleibt aus. Der Grund tagt heute: Die OPEC+ trifft sich, um die Fördermengen stabil zu halten.
Der Markt spielt hier eine langfristige Wette: Ein Regimewechsel im Land mit den größten Ölreserven der Welt (303 Milliarden Barrel) könnte perspektivisch das Angebot massiv erhöhen. Dass der Weg dorthin über eine marode Infrastruktur führt, deren Reparatur laut Schätzungen 58 Milliarden Dollar verschlingen würde, ist ein Problem für später. Heute zählt nur die Fantasie der Öffnung.
Krypto-Trotz: Bitcoin sprengt die Fesseln
Während die Fiat-Welt den Atem anhält und Diplomaten Krisensitzungen abhalten, kennt die Krypto-Welt an diesem Wochenende nur eine Richtung: Nordwärts. Bitcoin hat heute die psychologisch wichtige Marke von 91.000 US-Dollar durchbrochen und notiert aktuell bei rund 91.300 Dollar.
Das Narrativ verfestigt sich: Das digitale Gold dient als ultimativer „Hedge" gegen staatliche Willkür und geopolitische Instabilität. Noch bemerkenswerter ist die Dynamik in der zweiten Reihe. XRP hat BNB überholt und ist nun die viertgrößte Kryptowährung, befeuert von massiven ETF-Zuflüssen, die sich kumuliert auf über 1,18 Milliarden US-Dollar belaufen. Auch Dogecoin (+29 Prozent seit dem Tief) erlebt eine Renaissance. Wir sehen hier keine bloße Spekulation mehr, sondern eine Kapitalflucht in Assets, die außerhalb des direkten Zugriffs von Sanktionen oder militärischen Interventionen liegen.
Der Blick nach vorn: Las Vegas ruft zur Tech-Messe
Abseits der Krisenherde bereitet sich die Tech-Elite auf ihr Hochamt vor. Morgen beginnen in Las Vegas die Vorab-Events zur CES 2026. In einer Zeit, in der die „alte Ökonomie" mit Lieferketten und Zöllen kämpft, bleibt Innovation der wichtigste Deflator.
Was dürfen Anleger erwarten?
* KI-Normalisierung: Die Zeit der bloßen Hype-Ankündigungen ist vorbei. Jetzt geht es um die Integration von „Agents" und „Digital Twins" in den profanen Alltag.
* Hardware-Power: Die Keynotes von AMD-Chefin Lisa Su und Lenovo-CEO Yuanqing Yang werden mit Spannung erwartet. Neue Chips wie Intels Core Ultra Series 3 sollen die enormen KI-Lasten bewältigen.
* Robotik: Von Haushaltsrobotern (LG) bis zu autonomen Fahrzeugen – die Automatisierung der physischen Welt schreitet voran.
Die jüngsten Entwicklungen in der Halbleiterbranche zeigen deutlich, wo die nächste Wachstumswelle entsteht. Bernd Wünsche analysiert in seinem Webinar, welche vier Chip-Aktien von der KI-Revolution und dem massiven Infrastrukturausbau profitieren könnten – jenseits der bereits bekannten Namen. Er zeigt konkret, warum Mikrochips das „neue Öl" sind und welche Unternehmen an der Schnittstelle von KI-Rechenzentren und Energieinfrastruktur stehen. Details zur Chip-Analyse ansehen
Für Ihr Depot ist dies der Gegenpol zur Geopolitik: Hier wird die Produktivität von morgen geschaffen, unbeeindruckt von den Wirren in Caracas.
Deutschland: Rüstungs-Rallye trifft auf Infrastruktur-Realität
Der Blick auf die Heimat offenbart an diesem Wochenende eine ökonomische Schizophrenie. Auf der einen Seite steht der boomende Rüstungssektor. Die Aktie von Rheinmetall kletterte zum Wochenausklang am Freitag um über 2,6 Prozent auf 1.602 Euro. Die Auftragsbücher sind voll – von der Puma-Bestellung bis zu neuen Werken in Litauen –, und das charttechnische Bild lieferte gerade erst ein frisches Kaufsignal. In einer unsicheren Welt ist Sicherheit das teuerste Gut, und deutsche Ingenieurskunst liefert es.
Auf der anderen Seite sehen wir die Fragilität der zivilen Basis. Ein Kabelbrand legt zehntausende Berliner Haushalte lahm, die Bahn meldet für 2025 eine prognostizierte Fernverkehrs-Pünktlichkeit von nur noch 60,1 Prozent – ein neuer Tiefpunkt. Während Bayerns Ministerpräsident Söder heute in der „Bild am Sonntag" längere Arbeitszeiten fordert, um den Wohlstand zu sichern, muss die Gegenfrage erlaubt sein: Funktioniert die Infrastruktur überhaupt noch gut genug, um diese Leistung zu erbringen? Der Kontrast zwischen High-Tech-Rüstung und maroder Infrastruktur könnte das ökonomische Leitmotiv des Jahres 2026 hierzulande werden.
Gewinner der Woche: Oklo und die nukleare Wette
Zum Abschluss noch ein Blick auf einen Wert, der die Themen dieser Woche perfekt synthetisiert: Oklo Inc. (OKLO). Der Entwickler von kleinen, modularen Reaktoren (SMR) schoss zum Handelsende am Freitag um über 8 Prozent auf 77,80 US-Dollar nach oben. Die Performance auf Jahressicht: atemberaubende +266 Prozent.
Warum ist das wichtig? Oklo steht genau an der Schnittstelle unserer Zeit. KI-Rechenzentren (CES-Thema) brauchen immensen Strom. Geopolitische Unsicherheit (Venezuela-Krise) macht Energieautarkie attraktiv. Es ist ein Symbol dafür, dass 2026 das Jahr der „Deep Tech"-Investments werden könnte – weg von reiner Software, hin zu physischer Infrastruktur für die digitale Welt.
Fazit
Wir starten in eine Woche, die volatiler kaum sein könnte. Die Märkte müssen ab morgen früh drei Dinge gleichzeitig verarbeiten: Die Neuordnung Südamerikas, die Zins-Signale aus den kommenden US-Arbeitsmarktdaten (Mittwoch/Donnerstag) und die Innovations-Versprechen aus Las Vegas.
Mein Rat: Lassen Sie sich von den politischen Schlagzeilen nicht aus der Ruhe bringen. Die Liquidität im Markt ist hoch, und wie der Bitcoin-Kurs heute zeigt, sucht sich das Kapital seinen Weg – oft genau dorthin, wo man es am wenigsten erwartet.
Ich wünsche Ihnen einen inspirierenden Sonntag und einen kühlen Kopf für die kommende Handelswoche.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann








