ATX startet in die Verfallswoche – Banken-Serien und Strabag-Faktor im Fokus
In der Episode #1115 der Wiener Börse Party liefert Moderator Christian Drastil einen kompakten Marktüberblick zum Wochenstart, der weit über die reinen Kursbewegungen hinausgeht: Von historischen Chartrekorden bei den Großbanken über eine bedeutsame Indexumstellung bis hin zu frischem Kapital aus dem Crowd-Investing-Markt.
ATX leicht im Plus – Verfallswoche hat begonnen
Der Montag, 16. März 2026, markiert den Beginn einer Verfallswoche an der Wiener Börse. Zur Mittagszeit notierte der ATX bei 5.274 Punkten, ein Plus von 0,2 Prozent. Year to date befindet sich der Index zwar noch im Minus, allerdings hat sich der Abstand im Vergleich zum Freitag bereits verringert.
Die Top-Performer des Tages kamen aus unterschiedlichen Sektoren: AT&S führte die Gewinnerliste mit einem Plus von 2,7 Prozent an, gefolgt von der Agrana mit 2,0 Prozent und dem Verbund mit 1,0 Prozent. Zur Agrana verwies Drastil auf einen Podcast-Auftritt von Gabriele Schöngruber, zuständig für Digital Sales and Marketing Transformation bei dem Unternehmen, im Podcast „Uncrypted".
Die Handelsvolumina in Wien dürften auf den ersten Blick erneut unter dem Jahresdurchschnitt liegen. Allerdings relativiert sich dieser Eindruck schnell: Der Jahresdurchschnitt 2026 liegt mit rund 354 Millionen Euro täglich bereits deutlich über dem Vorjahreswert von 247 Millionen Euro – ein Zuwachs von über 100 Millionen Euro pro Tag.
Historische Chartrekorde bei Bawag und Erste Group
Besonders spannend gestaltet sich das Chartbild bei den beiden österreichischen Großbanken. Die Bawag notiert seit mittlerweile 850 Tagen ununterbrochen über ihrem 200-Tage-Durchschnitt (Moving Average 200) – ein eigener Rekord. Die Erste Group toppt das sogar noch mit 865 Tagen über dieser wichtigen technischen Marke, ebenfalls ein historischer Bestwert.
Der Moving Average 200 gilt als einer der wichtigsten technischen Indikatoren an den Finanzmärkten. Ein Kurs oberhalb dieser Linie wird von Chartanalysten als langfristig bullishes Signal gewertet. Dass beide Bankaktien diese Marke nun seit mehr als zweieinhalb Jahren halten, unterstreicht die außergewöhnliche Stärke des Bankensektors in Wien.
Allerdings wird die Luft dünner: Beide Aktien liegen aktuell nur noch ein bis zwei Prozent über ihrem jeweiligen 200-Tage-Durchschnitt. Es bleibt daher spannend, ob diese historisch langen Serien in den kommenden Tagen beendet werden oder ob die Kurse wieder Abstand gewinnen können. Bemerkenswert ist auch der Abstand zur Nummer drei im Ranking, die bereits mehr als 400 Tage Rückstand auf die beiden Spitzenreiter aufweist.
Indexumstellungen am Verfallstag – Strabag-Faktor als stille Sensation
Am Freitag steht der Verfallstag für den März an, und mit ihm werden mehrere Indexänderungen wirksam. Die bereits bekannte und kommunizierte Umstellung sieht vor, dass Palfinger die CPI Property Group im ATX ersetzen wird. Im ATX Five, dem Index der fünf größten österreichischen Aktien, wird die Voestalpine als Neuaufnahme den Verbund ablösen.
Weniger im Rampenlicht, aber potenziell mit erheblicher Marktrelevanz, steht die Anpassung des Streubesitzfaktors bei der Strabag. Dieser wird von 0,2 auf 0,3 angehoben. Was auf den ersten Blick nach einer kleinen technischen Änderung klingt, hat es in sich: Die Erhöhung von 0,2 auf 0,3 entspricht einem Anstieg von 50 Prozent. Für alle ATX-nahen Produkte – also Indexfonds, ETFs und andere indexorientierte Anlageprodukte – bedeutet dies eine signifikante Höhergewichtung der Strabag-Aktie. Asset Manager, die den ATX nachbilden, müssten entsprechend ihre Bestände aufstocken, was zusätzliche Nachfrage nach Strabag-Aktien generieren dürfte.
Reploid setzt auf Crowd-Investing und Retail-Anleger
Abseits der Indexwelt sorgte eine Nachricht aus dem Bereich Unternehmensfinanzierung für Aufmerksamkeit. Das Unternehmen Reploid holt sich frisches Kapital über eine Crowd-Investing-Kampagne auf der Plattform Invesdor. Interessierte Anleger können in eine elektronische Anleihe investieren – bereits ab einer Summe von 250 Euro. Der Zinssatz beträgt 9,5 Prozent bei einer Laufzeit von fünf Jahren.
Die Kampagne richtet sich an Kleinanlegerinnen und Kleinanleger aus Deutschland, Österreich, Belgien, den Niederlanden und Finnland. Reployd-CEO Philipp Power verfolgt damit eine klare strategische Agenda: „Wir wollen eine Retail-Anlegerbasis in wichtigen Märkten Europas aufbauen und unsere Sichtbarkeit am Markt weiter erhöhen", so Power. Drastil merkte im Podcast augenzwinkernd an, dass er „unglaublich gern Insekten essen" würde, wie es in anderen Ländern üblich sei, Reploid allerdings derzeit keine Nahrung für Menschen anbiete.
DAX ebenfalls fester – Commerzbank dominiert
Ein Blick über die Grenze zeigte auch den deutschen Leitindex in freundlicher Verfassung. Der DAX notierte bei 23.524 Punkten, ein Plus von 0,3 Prozent zum Freitagsschluss. Dominierender Wert war die Commerzbank mit einem Kurssprung von 6,9 Prozent, was Drastil als „die große Geschichte" des Tages bezeichnete. Dahinter folgten Bayer mit 3,7 Prozent und Heidelberg Materials mit 2,5 Prozent im Plus.
Historischer Rückblick: Der 16. März in der Covid-Krise
Der 16. März hat an der Wiener Börse eine besondere historische Bedeutung. Im Jahr 2020, in der Frühphase der Covid-Pandemie, kam es an diesem Datum zu exemplarischen Abstürzen. Die Strabag verlor an einem einzigen Tag 19,3 Prozent – der schwächste Handelstag in der gesamten Unternehmensgeschichte an der Börse. Der ATX verbuchte mit einem Minus von 10,4 Prozent seinen zweitschwächsten Tag überhaupt.
Weitere dramatische Verluste an jenem Tag: Pierer Mobility (damals noch unter diesem Namen firmierend, heute Bajaj Mobility) brach um 29,4 Prozent ein, was den zweitschwächsten Tag in der eigenen Geschichte darstellte. Die Bawag verlor 10,7 Prozent, die Addiko Bank 13 Prozent – ebenfalls jeweils der zweitschwächste Tag.
Doch die Geschichte hat auch eine positive Seite: Exakt ein Jahr später, am 16. März 2021, beendete die Addiko Bank die beste Performance-Serie ihrer Börsegeschichte – sechs Tage in Folge im Plus mit einem kumulierten Gewinn von 28,2 Prozent.
Research-Updates: Post, Polydeck und Uniqa
Zum Abschluss lieferte die Wiener Börse Party noch drei aktuelle Research-Einschätzungen. Barclays passte das Kursziel für die Österreichische Post nach der Zahlenpräsentation von 25,6 auf 26,1 Euro an – bei einem aktuellen Kurs von rund 36 Euro liegt die Aktie damit deutlich über dem Analystenziel. Die Baader Bank stufte Polytec von „Reduce" auf „Add" hoch und erhöhte das Kursziel von 4,06 auf 4,20 Euro, wobei die Aktie aktuell bei knapp 3,60 Euro handelt. Ebenfalls von der Baader Bank kam ein unverändertes Kursziel von 17,3 Euro für Uniqa bei einer „Add"-Empfehlung, während die Aktie bei 14,7 Euro notiert.
Fazit: Viel Bewegung unter der Oberfläche
Der Montag an der Wiener Börse präsentierte sich an der Oberfläche ruhig, doch unter dem Deckmantel eines moderaten Plus von 0,2 Prozent brodeln mehrere spannende Geschichten. Die historischen Chartrekorde bei Bawag und Erste Group stehen auf der Kippe, die Strabag-Faktorerhöhung könnte für zusätzliche Nachfrage sorgen, und die anstehenden Indexumstellungen am Freitag werden die Zusammensetzung der wichtigsten österreichischen Indizes verändern. Die Verfallswoche verspricht damit deutlich mehr Spannung, als es der beschauliche Wochenauftakt vermuten lässt.








