In der Episode „Börsepeople im Podcast S23/26" begrüßt Host Christian Drastil die Kurier-Innenpolitikleiterin Johanna Hager – und entfaltet dabei ein Gespräch, das weit über klassischen Karrierejournalismus hinausgeht: von IPOs am Wiener Finanzplatz über die Krise der Medienbranche bis hin zum Buchprojekt „Deadline".

Harald Schmidt als akademischer Ausgangspunkt

Johanna Hager, Jahrgang 1979, schloss 2002 ihr Studium der Publizistik und Politikwissenschaft ab – mit einer Diplomarbeit über Harald Schmidt. Was zunächst wie eine charmante Anekdote klingt, entpuppt sich im Gespräch als intellektuelle Grundhaltung: Hager beschreibt Schmidt als „modernen Clown", der eine Art von Humor verkörperte, die heute kaum noch denkbar wäre. Sie zeichnete seine Sendungen auf VHS auf und wertete sie systematisch aus. Ein Interview mit dem Late-Night-Entertainer blieb ihr zwar verwehrt, doch sie besuchte die Aufzeichnungen in den Kölner Studios.

Dieser Artikel ist eine Added Value Version zu den Key-Insights einer Podcastfolge von audio-cd.at, aufgewertet durch Archivbausteine. Die hier veröffentlichten Gedanken/Schlüsse sind weder als Empfehlung noch als ein Angebot oder eine Aufforderung zum An- oder Verkauf von Finanzinstrumenten zu verstehen und sollen auch nicht so verstanden werden. Der Handel mit Finanzprodukten unterliegt einem Risiko. Sie können Ihr eingesetztes Kapital verlieren.

Was Hager an Schmidt faszinierte, war die intellektuelle Voraussetzung des Humors: „Er war für mich die Voraussetzung dafür, dass du viele Dinge wissen musstest, um überhaupt darüber lachen zu können. Das war die Challenge." Diese Haltung – dass Information und Unterhaltung sich nicht ausschließen, sondern bedingen – zieht sich wie ein roter Faden durch ihren gesamten beruflichen Werdegang. Weder Stefan Raab noch andere deutschsprachige Late-Night-Formate hätten dieses Niveau je erreicht, so Hager.

Bemerkenswert ist, dass die heutige Innenpolitikleiterin diese Begeisterung nicht als nostalgische Spielerei abtut, sondern als professionelles Werkzeug begreift: Der Humor helfe ihr, auch in der täglichen Arbeit mit schwierigen politischen Themen den Blick für das Wesentliche zu behalten und nicht in Tristesse zu verfallen.

Der Umweg über die Finanz-PR: Lehrjahre bei Scholdan & Company

Der Einstieg in den Journalismus gelang Hager nicht auf direktem Weg. Ohne das berühmte Vitamin B und ohne Kontakte in die Branche – sie stammte aus Salzburg und studierte in Wien – blieben zahlreiche Bewerbungen unbeantwortet. Stattdessen begann sie bei der PR-Agentur Scholdan & Company als Texterin und Konzeptionistin. Dort erlebte sie, wie sie selbst sagt, die letzten Züge einer bemerkenswerten Ära am Wiener Finanzplatz: eine Zeit, in der es noch regelmäßig IPOs gab, Roadshows stattfanden und Kapitalerhöhungen in einer ganz anderen Dimension organisiert wurden.

Drastil ordnet diese Phase mit einem kritischen Blick auf die Gegenwart ein: Das letzte IPO in Wien datiere aus dem Jahr 2019, und seither sei faktisch nichts mehr passiert. Eine Beobachtung, die für den österreichischen Kapitalmarkt bezeichnend ist und die sie mit dem trockenen Kommentar versieht, man befinde sich „im siebten Jahr der Nullerjahre". Zu den Kunden von Scholdan zählte unter anderem der Salzburger Kranhersteller Palfinger, zu dem Hager als gebürtige Salzburgerin einen besonderen Bezug hatte.

Die Arbeit in der Finanz-PR brachte ihr nicht nur handwerkliche Fähigkeiten bei – das Gegenlesen von Geschäftsberichten, den Umgang mit Zahlen, das Verständnis für den enormen Aufwand hinter einer Pressekonferenz –, sondern auch eine Perspektive, die sie im späteren Journalismus nie verlor. Sie weiß, wie viel Arbeit in einem Geschäftsbericht steckt, den Journalisten bei einer Pressekonferenz mitunter achtlos beiseitelegen oder gar nicht erst annehmen. Diese Erfahrung von der „anderen Seite" prägt ihr Verständnis für die Kommunikationsbranche bis heute und floss direkt in das Buchprojekt „Deadline" ein, das genau an der Schnittstelle zwischen PR und Medien angesiedelt ist.

Vom Boulevard zur Innenpolitik: Die journalistische Karriere

Der Sprung in den Journalismus gelang schließlich über die Tageszeitung Österreich, die sich zum Zeitpunkt der Gründung im Aufbau befand. Hager durchlief dort die Journalistenausbildung unter Claudia Schanzer und beschreibt diese Phase als intensiv und lehrreich. Der damalige Newsroom war so voll besetzt, dass es mehr Menschen als Sitzplätze gab.

Die Gründungsphase von Österreich fiel in das Jahr, in dem Natascha Kampusch ihrem Entführer entkam – ein Ereignis, das Hager als Beispiel dafür anführt, wie gut gemachter Boulevard funktioniert. Sie bezeichnet den Boulevard ausdrücklich als „eigene Königsklasse" und zieht den Vergleich zur deutschen Bild-Zeitung. Gleichzeitig betont sie, dass von den vielen Journalistinnen und Journalisten, die damals bei Österreich begannen, heute nur noch wenige übrig seien – ein Symptom der allgemeinen Medienkrise, die den Beruf grundlegend verändert hat.

Zuvor hatte Hager bereits erste journalistische Erfahrungen in Salzburg gesammelt: bei der Salzburger Volkszeitung und bei Salzburg TV, als der Sender noch nicht Servus TV hieß. Dort lernte sie, wie hoch die Betriebstemperatur in Redaktionen ist und wie schnell man arbeiten muss, um Deadlines einzuhalten.

Der entscheidende Karriereschritt folgte mit dem Wechsel zum Kurier. Die damalige Chefin Conny Bischofberger, die heute für die Krone die großen Sonntagsinterviews führt, suchte eigentlich einen männlichen Kollegen für die Redaktion, entschied sich dann aber doch für Hager. Zu ihren ersten Aufgaben dort gehörte die Mitarbeit am „Geldberater" – womit sich der Kreis zur Finanzwelt erneut schloss. Die Erkenntnis, dass Finanzbildung eine massive Wissenslücke in der Bevölkerung darstellt, begleitet Hager seither. Sie stellt fest, dass trotz aller politischen Forderungen nach Financial Literacy in den vergangenen fast zwei Jahrzehnten wenig erreicht wurde: Menschen lassen ihr Geld auf unverzinsten Sparbüchern liegen oder investieren in Kryptowährungen, die sie nicht verstehen. Seit knapp zwei Jahren bekleidet Hager nun die Position der Innenpolitikleiterin beim Kurier.

Social-Media-Abstinenz als bewusste Entscheidung

Ein Detail, das im Gespräch besondere Aufmerksamkeit erhält: Johanna Hager ist auf keiner Social-Media-Plattform präsent – kein LinkedIn, kein X, kein Instagram, kein Facebook, auch nicht unter Pseudonym. In über 550 Folgen des Börsepeople-Podcasts ist sie damit eine von nur zwei Gästen ohne LinkedIn-Profil.

Hager begründet dies mit einer klaren Haltung: Sie halte soziale Medien für „dermaßen unsozial", dass sie sich dem nicht persönlich widme. Natürlich erreichten sie relevante Inhalte über Dritte, zumal die Innenpolitik mittlerweile stark von Social-Media-Aktivitäten der Politikerinnen und Politiker geprägt sei. Doch sie selbst sehe keinen Grund, außerhalb ihres Berufs etwas zu erzählen, und unterlasse es daher bewusst.

Diese Haltung steht in bemerkenswertem Kontrast zur medialen Realität, die Hager selbst beschreibt: eine Welt der Push-Meldungen, der Klick-Rankings, der ständigen Erreichbarkeit. Statt FOMO – der Angst, etwas zu verpassen – beschreibt sie eine fast stoische Gelassenheit: Sie könne und wolle nicht abschalten, aber das belaste sie nicht. Den Beruf erachte sie vielmehr als Privileg, das Gesehene und Beschriebene durch die journalistische Arbeit verarbeiten zu können – ähnlich wie Kameraleute den Filter der Kamera als Verarbeitungsmechanismus nutzen.

Was Google stattdessen über sie verrät, sorgt für Heiterkeit im Gespräch: Der Toptreffer lautet „Johanna Hager Halstuch" – eine Anspielung auf ihr Markenzeichen, das sie seit ihrer Teenagerzeit trägt und das sie augenzwinkernd als Relikt ihrer Salzburger Herkunft beschreibt, inklusive Barbour-Jacke und Hemden.

Die Medienbranche im Wandel: Zwischen Deadline und Dauerbetrieb

Hagers Beschreibung des modernen Redaktionsalltags zeichnet ein Bild permanenter Beschleunigung. Die klassische Deadline, einst der klare Endpunkt des Arbeitstages, existiert in ihrer ursprünglichen Form kaum noch. Stattdessen gibt es ein Nebeneinander aus gedruckter Zeitung, E-Paper, das jederzeit aktualisiert werden kann, und dem rund um die Uhr bespielten Online-Auftritt. Die Frage sei längst nicht mehr, wann eine Geschichte fertig sein muss, sondern wer die Geschichte zuerst bringt und ob der Push schneller kommt als der der Konkurrenz.

Gleichzeitig investiert der Kurier in neue Formate. Hager erwähnt den politischen Podcast, der sich der hundertsten Folge nähert und einmal wöchentlich aktuelle innenpolitische Themen analysiert. Die Herausforderung dabei: In einer Welt, in der sich alles sekündlich ändert, ist es schwierig, schnell einzuordnen. Christian Drastil empfiehlt seinerseits den Finanzpodcast des Kurier mit Robert Kleedorfer und Rüdiger Landgraf von Kronehit, den er als seinen „Lieblings-Buddy-Podcast in Österreich" bezeichnet.

Hager beobachtet, dass sich das Medienverhalten grundlegend gewandelt hat: Menschen mit „Pöpsels" – also kabellosen Kopfhörern – im Ohr konsumieren Inhalte unterwegs, haben weniger Zeit zum Lesen und wollen zwischendurch „berauscht werden". Ob die zahlreichen produzierten Podcasts, die manchmal Stunden dauern, tatsächlich vollständig gehört werden, bezweifelt sie. Dennoch sei es in der neuen Medienwelt unerlässlich, auf allen Kanälen zu versuchen, Geschichten zu erzählen.

„Deadline" – Ein Medienthriller aus zwei Perspektiven

Das zentrale Thema des Gesprächs neben der Karriere ist das Buch „Deadline", das Hager gemeinsam mit dem ehemaligen Journalisten und PR-Profi Peter Thier geschrieben hat. Es handelt sich um den Bucherstling beider Autoren – weder Hager noch Thier hatten zuvor ein Buch veröffentlicht. Das Werk erschien am 10. Jänner bei der Edition A und ist sowohl in gedruckter Form als auch als E-Book erhältlich.

Ursprünglich sollte das Buch „Hurenkind" heißen – ein Begriff aus der alten Drucker- und Setzersprache, der eine unschöne typografische Abtrennung in der oberen Zeile eines Layouts beschreibt. Der Verlag riet davon ab, doch der Begriff spielt im Buch weiterhin eine wichtige Rolle: Er taucht als Graffito auf, das eine der Protagonistinnen besonders berührt – nicht wegen eines typografischen Fehlers, sondern weil sie sich als „ausgespucktes Wesen innerhalb der Branche" fühlt.

Die beiden Hauptfiguren sind Roxanne und Anna. Hager beschreibt sie knapp: Roxanne ist eine junge, karrierebewusste Frau, die mit allen Wassern gewaschen ihr Ding durchzieht. Anna dagegen ist eine renommierte Journalistin, die von jetzt auf gleich aus dem System geworfen wird – doch diejenigen, die sie hinauswerfen, unterschätzen ihre Zähigkeit und ihren Ehrgeiz. Das Buch bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Kommunikationsbranche und Medienwelt, enthält Kraftausdrücke, die im Jargon als „Beidln" und „Gretln" bezeichnet werden, und ja – es gibt auch Tote.

Zum gemeinsamen Schreibprozess erklärt Hager, dass die beiden Autoren sich kapitelweise abwechselten, gegenseitig Fehler fanden und korrigierten, und dass es vorkam, dass einer das Kapitel des anderen übernahm, weil beide dieselbe Geschichte erzählen wollten. Viele Elemente im Buch basieren auf realen Erfahrungen und Begegnungen, auch wenn Hager betont, weder die eine noch die andere Protagonistin zu sein. Ein im Buch vorkommender PR-Profi namens Wolfgang Nilius deutet darauf hin, dass das Autorenteam Hager/Thier weitere Projekte plant.

Zwei Monate nach Erscheinen zeigt sich Hager zufrieden: Die Buchpräsentation, moderiert von Claudia Reiterer, war gut besucht, und das Signieren des eigenen gebundenen Werks beschreibt sie als ganz besonderes Erlebnis. Ob „Deadline" auch als Hörbuch erscheinen wird, ist noch offen – Drastil brachte die Idee ins Gespräch und attestierte beiden Autoren „Hörbuchstimmen". Hager ließ durchblicken, dass entweder ein Hörbuch oder gleich etwas Neues entstehen könnte.

Finanzbildung als politische Dauerbaustelle

Ein Thema, das sich durch das gesamte Gespräch zieht, ist die mangelnde Finanzbildung in Österreich. Hager, die durch ihre Zeit bei Scholdan und ihre Arbeit am Kurier-Geldberater beide Seiten kennt, stellt fest, dass die Wissenslücke, die vor fast zwei Jahrzehnten bestand, bis heute nicht geschlossen wurde. Trotz politischer Forderungen nach Financial Literacy und trotz verschiedener Initiativen sei es nicht gelungen, die Bevölkerung zu einem bewussteren Umgang mit Geld zu bewegen. Drastil bestätigt dies aus seiner Perspektive und verweist auf die Stagnation trotz „Financial Literacy Parks und anderem".

Die Parallele zur Medienbranche ist offensichtlich: Beide Felder – Finanzmarkt und Medien – befinden sich in einer Transformation, die von vielen beschworen, aber nur schwer gestaltet wird. Hager selbst nutzt das Wort „Transformation" mit hörbarer Skepsis und fragt rhetorisch, wer es noch hören wolle.

Zusammenfassung

Das Gespräch mit Johanna Hager offenbart eine Journalistin, die ihre Karriere bewusst über Umwege aufgebaut hat und daraus Stärke zieht. Die Lehrjahre in der Finanz-PR bei Scholdan & Company gaben ihr ein Verständnis für Geschäftsberichte, IPOs und die Arbeit hinter den Kulissen des Kapitalmarkts. Die Beobachtung, dass Wien seit 2019 kein IPO mehr gesehen hat, steht exemplarisch für die Herausforderungen des österreichischen Finanzplatzes. Ihre bewusste Social-Media-Abstinenz in einer Branche, die zunehmend von digitaler Präsenz lebt, ist ebenso bemerkenswert wie ihre Einschätzung, dass Finanzbildung trotz aller politischen Rhetorik eine ungelöste Aufgabe bleibt. Mit „Deadline" haben Hager und Thier einen Medienthriller vorgelegt, der die Spannungen zwischen PR und Journalismus literarisch verarbeitet – und möglicherweise erst der Anfang einer gemeinsamen Autorenkarriere ist.