Liebe Leserinnen und Leser,

gestern sprachen wir an dieser Stelle über Zikaden in Weinbergen und Roboterhunde in China – über Risiken, die sich leise im Hintergrund aufbauen. Heute Morgen um 10:00 Uhr wechselten wir von den subtilen Signalen zu den harten Fakten. Das Münchner ifo-Institut lieferte Zahlen, die wie ein Rorschach-Test für die deutsche Seele wirken: 88,1.

Der ifo-Geschäftsklimaindex für November ist da, und er macht die Lage nicht einfacher. Ist das Glas halb voll oder halb leer? Wer nur auf die aktuelle Lage schaut, sieht Stagnation. Doch wer tiefer gräbt, findet in den Erwartungskomponenten (90,1 Punkte) jenen Funken Hoffnung, an den sich der DAX zum Wochenstart klammern möchte. Die Unternehmen sehen Licht am Ende des Tunnels für 2026.

Doch Hoffnung ist keine Währung, mit der man Rechnungen begleicht. Und genau hier holt uns die Realität ein. Wir müssen über eine Inflation sprechen, die sich als unerwartet anhänglicher Gast erweist, und über eine bemerkenswerte Divergenz in der digitalen Finanzwelt.

Tauchen wir ein in die Zahlen dieser Woche.

Das 2,3-Prozent-Dilemma

Die "letzte Meile" im Kampf gegen die Inflation gilt unter Ökonomen als die gefährlichste. Wie zäh dieser Weg tatsächlich ist, belegen die endgültigen Zahlen für Oktober, die wir heute auf dem Tisch haben. Die deutsche Inflationsrate verharrt bei 2,3 % – und damit eben nicht bei den ersehnten 2,0 %, die als magische Grenze für geldpolitische Entspannung gelten.

Warum ist diese Differenz von 0,3 Prozentpunkten mehr als nur statistisches Rauschen? Weil sie der Europäischen Zentralbank (EZB) die Hände bindet. Mit einem Einlagensatz von aktuell 2,0 % bewegen wir uns auf einem schmalen Grat. Die Zinsen sind nicht mehr hoch genug, um die Teuerung massiv zu erdrücken, aber noch immer hoch genug, um Investitionen zu bremsen.

Für Ihre Strategie bedeutet diese "Sticky Inflation": Die Zinswende könnte deutlich flacher ausfallen, als es die Optimisten im Sommer noch eingepreist hatten. Wer darauf gewettet hat, dass Geld 2026 wieder billig wird, muss neu kalkulieren. Liquidität bleibt attraktiv, aber der Automatismus steigender Anleihekurse ist vorerst gestoppt.

Stille in Essen: Die Kunst des geräuschlosen Abschieds

Szenenwechsel ins Ruhrgebiet. Während anderswo Führungskrisen via Live-Ticker eskalieren, liefert Evonik derzeit ein Lehrstück in Sachen Corporate Governance. Nach dem Abgang von CFO Maike Schuh am 18. September ist in Essen eine bemerkenswerte Ruhe eingekehrt.

Die offizielle Lesart – eine persönliche Entscheidung – hält stand. Keine Schlammschlacht, keine Indiskretionen, keine lancierten Gerüchte über Strategiestreits. Für CEO Christian Kullmann, der das Finanzressort interimsweise führt, und den operativ eingesprungenen Claus Rettig, ist diese Stille Gold wert.

In der Chemiebranche, die ohnehin unter der Last hoher Energiepreise ächzt, ist Management-Kontinuität die härteste Währung. Dass der Übergang so geräuschlos verläuft, ist vielleicht das stärkste Signal, das Evonik in diesem turbulenten Herbst an die Märkte senden konnte: Die Institution funktioniert, unabhängig von den Personen.

Die Spreu und der Weizen: Revolut vs. Trump

Blicken wir über den Atlantik in die digitale Sphäre, sehen wir eine faszinierende Spaltung. "Digital Finance" ist nicht gleich "Digital Finance". Das beweisen zwei Bewertungen, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Auf der Gewinnerseite steht Revolut. Die Neobank hat ihre Bewertung von 75 Milliarden Dollar bestätigt. Das ist keine Luftnummer aus dem Hype-Jahr 2021, sondern das Resultat harter operativer Exzellenz: 72 % Umsatzwachstum im letzten Jahr, profitabel und global expandierend. Hier sehen wir die Reifeprüfung eines Sektors. Fintech ist erwachsen geworden.

Das Gegenbeispiel liefert der Kater nach der Party im Hause Trump. Das Krypto-Projekt "World Liberty Financial", mit viel Pomp und dem Namen des US-Präsidenten-Clans in den Markt gedrückt, erlebt laut Berichten des manager magazins einen ernüchternden Drawdown. Während Revolut reale Bankdienstleistungen skaliert, zeigt der Kursrutsch bei den Trump-Token eine alte Börsenweisheit: Prominenz ersetzt kein Geschäftsmodell.

Für Ihr Portfolio heißt das: Die Zeit des Gießkannen-Prinzips ("Alles mit Blockchain steigt") ist vorbei. Wir sehen eine Flucht in Qualität – Selektion ist wieder der Schlüssel zum Erfolg.

Das Fazit für Ihre Woche

Der ifo-Index von 88,1 mag auf den ersten Blick enttäuschen, da er unter den Prognosen einiger Analysten (88,5) blieb. Doch die stabilen Erwartungskomponenten signalisieren, dass die deutsche Wirtschaft den Blick fest auf 2026 richtet.

Die Kombination aus einer leicht klebrigen Inflation (2,3 %) und einer sich bodenbildenden Wirtschaft ist kein schlechtes Umfeld für Aktien – vorausgesetzt, man setzt auf Qualität. Unternehmen mit Preissetzungsmacht (um die Inflation weiterzugeben) und solider Governance (wie Evonik) werden in diesem Umfeld die Gewinner sein.

Lassen Sie sich von den 0,3 Prozentpunkten Inflation nicht die Laune verderben – sondern nutzen Sie die Volatilität für selektive Einstiege.

Herzlichst,

Ihr

Eduard Altmann