Wienerberger startet weltweit ersten Wasserstoff-Brennofen für Ziegel
In einer Zeitenwende für die Keramikindustrie hat Wienerberger UK & Ireland eine entscheidende, staatlich geförderte Finanzierung für den weltweit ersten kommerziellen Ziegel-Brennofen mit Wasserstofffeuerung gesichert. Das Projekt im Werk Denton bei Manchester soll ab 2027 zeigen, dass auch energieintensive Hochtemperatur-Prozesse klimaneutral möglich sind.
Blaupause für die grüne Industrie
Der Umbau im nordenglischen Denton ist mehr als eine lokale Maßnahme. Mit einem Investitionsvolumen von rund sieben Millionen Euro – gefördert aus dem britischen Industrial Energy Transformation Fund (IETF) – entsteht hier ein replizierbares Modell für die gesamte schwere Tonindustrie. Zwei bestehende Tunnelöfen werden für den Betrieb mit 100 Prozent grünem Wasserstoff umgerüstet, anstatt komplett neu gebaut zu werden. Das spart Ressourcen und zeigt: Die Dekarbonisierung ist auch im Bestand möglich.
„Dies ist ein Wendepunkt für unseren Sektor“, kommentiert Keith Barker, Chief Operating Officer von Wienerberger UK & Ireland, den Schritt. Die Technologie, die hier im großen Maßstab erprobt wird, könnte später auch in den zahlreichen Werken des Konzerns in Deutschland und Österreich zum Einsatz kommen.
Technische Meisterleistung mit klarem Ziel
Der Umbau ist komplex. Insgesamt 224 Gasbrenner werden durch spezielle Wasserstoff-Brenner ersetzt. Da Wasserstoff andere Verbrennungseigenschaften hat, sind auch neue Steuerungs- und Sicherheitssysteme nötig. Die Energieversorgung ist durch einen 15-Jahres-Liefervertrag mit Trafford Green Hydrogen gesichert. Der grüne Wasserstoff wird per Trailer angeliefert.
Das wichtigste Ergebnis: Der Standort soll nach der vollständigen Umstellung im Herbst 2028 jährlich über 11.600 Tonnen CO₂ einsparen. Das entspricht dem Fußabdruck von rund 5.000 durchschnittlichen Haushalten. Für Wienerberger bedeutet das eine Reduktion der eigenen Emissionen (Scope 1 und 2) in der Region um neun Prozent.
Qualität und Marktvorteil bleiben erhalten
Eine zentrale Frage für die Bauindustrie war die Produktqualität. Können wasserstoffgebrannte Ziegel mit den herkömmlichen mithalten? Tests in Zusammenarbeit mit Ceramics UK geben Entwarnung: Aussehen, Festigkeit und technische Eigenschaften seien identisch. Das ist entscheidend für die Akzeptanz in der Baubranche, wo Materialstandards und Sicherheit oberste Priorität haben.
Gleichzeitig eröffnet die Technologie einen Wettbewerbsvorteil. Immer mehr Bauherren und Architekten verlangen nach kohlenstoffarmen Baustoffen. Die Fähigkeit, „grüne Ziegel“ anbieten zu können, wird im Markt zunehmend zum Standard – und könnte einen entsprechenden Aufschlag rechtfertigen.
Public-Private Partnership als Erfolgsmodell
Das Denton-Projekt unterstreicht die wachsende Rolle von Public-Private Partnerships für die grüne Wende. Staatliche Fonds wie der IETF sollen die hohen Anfangsinvestitionen in Zukunftstechnologien absichern und das Risiko für Pionierunternehmen verringern. Das Projekt ist zudem in die britische Wasserstoff-Strategie eingebettet, die Produktion und Verteilung fördert.
Wienerberger verfolgt damit eine Multi-Technologie-Strategie. Während in Denton auf Wasserstoff gesetzt wird, setzt das Werk im englischen Broomfleet bereits auf vollelektrische Öfen für Dachziegel. Und im österreichischen Uttendorf läuft das „GreenBricks“-Projekt mit Wärmepumpentechnologie. Diese Diversifizierung macht den Konzern unabhängiger von den Schwankungen künftiger Energiemärkte.
Was bedeutet das für Europa?
Die Industrie blickt gespannt auf Manchester. Gelingt der Proof-of-Concept, könnte eine Welle ähnlicher Umrüstungen in ganz Europa folgen. Die Skalierbarkeit hängt jedoch maßgeblich vom Aufbau einer flächendeckenden Wasserstoff-Infrastruktur ab. Für energieintensive Branchen wie Zement, Stahl oder Glas bietet das Denton-Modell eine konkrete Perspektive, wie traditionelle Prozesse klimafreundlich transformiert werden können – ohne auf bewährte Technologien verzichten zu müssen.








