gestern schrieb ich Ihnen, die deutschen Inflationsdaten am Nachmittag würden zum Lackmustest. Die Ergebnisse liegen vor – und sie fallen deutlich aus. Gleichzeitig erreichte uns eine Meldung aus Washington, die an den Börsen sofort für Euphorie sorgte. Beide Nachrichten zusammen ergeben ein Bild, das widersprüchlicher kaum sein könnte.

Das Wall Street Journal berichtete gestern, US-Präsident Trump signalisiere Bereitschaft, die militärische Kampagne gegen den Iran zu beenden – ohne eine sofortige Öffnung der Straße von Hormus zur Vorbedingung zu machen. Ein geopolitischer Halbsatz, der ausreichte, um die festgefahrene Marktpsychologie dieses ersten Quartals aufzubrechen. Der DAX kletterte um 0,7 Prozent auf 22.727 Punkte, angeführt von RWE. Der Schweizer SMI zog um fast ein Prozent an. Brent-Rohöl, das seit Beginn des Konflikts zeitweise um 60 Prozent gestiegen war, pendelte sich knapp unter 113 Dollar ein.

Die Aktienmärkte preisen bereits die Friedensdividende ein. Unter der makroökonomischen Oberfläche Europas zeigt sich eine weitaus zähere Realität.

Eurostat liefert die Quittung

Die Zahlen aus Luxemburg dulden keine geopolitische Romantik. Eurostat meldete am Vormittag einen Sprung der Eurozone-Inflation von 1,9 Prozent im Februar auf 2,5 Prozent im März. Der Treiber: Energie, ganz offensichtlich.

Für die EZB materialisiert sich damit das Dilemma, vor dem Ökonomen seit Wochen warnen. Ein externer Angebotsschock treibt die Preise über die Zwei-Prozent-Zielmarke, während eben jene hohen Energiekosten die wirtschaftliche Dynamik abwürgen. Lehrbuch-Stagflation. Die Währungshüter in Frankfurt stehen vor einer Wahl ohne gute Option: Gegen eine importierte Inflation ankämpfen, die sich mit Zinspolitik kaum kontrollieren lässt? Oder stillhalten und riskieren, dass sich die Teuerung über Zweitrundeneffekte verfestigt?

Aldi gewinnt, Edeka verliert

Wie tief der Schock bereits reicht, zeigt nicht die Renditekurve, sondern der deutsche Einzelhandel. Der Nahostkonflikt hat das Kaufverhalten der Deutschen binnen weniger Wochen messbar verändert. Das Konsumklima für April ist um 3,2 Punkte auf minus 28 abgestürzt – ein eisiger Wert.

Die Profiteure heißen Aldi Nord und Aldi Süd. Beide gewinnen jeweils rund einen Prozentpunkt Marktanteil, während Rewe und Edeka Federn lassen. Es ist die stille Abstimmung mit dem Geldbeutel. Interessant dabei: Das Institut der deutschen Wirtschaft relativiert die gefühlte Panik an der Zapfsäule. Trotz eines Benzinpreises von 2,08 Euro müssen Beschäftigte im Schnitt nur 4 Minuten und 53 Sekunden für einen Liter arbeiten – weniger als in früheren Krisen, getragen von gestiegenen Nettolöhnen. Die Mathematik spricht für Gelassenheit. Die Psychologie dagegen nicht.

2,84 Billionen Euro Staatsschulden

Während der Bürger umschichtet, türmt der Staat auf. Die Bundesbank lieferte die fiskalische Quittung für das vergangene Jahr: Die deutschen Staatsschulden sind um 144 Milliarden Euro auf 2,84 Billionen Euro gewachsen. Besonders das Tempo beim Bund alarmiert – die Neuverschuldung hat sich inklusive der Sonderhaushalte mit 107 Milliarden Euro nahezu verdreifacht.

Diese Zahlen werfen ein grelles Licht auf die sicherheitspolitische Debatte. Europa soll aufrüsten, die Kassen aber sind strapaziert. Wie angespannt die Stimmung in der Branche ist, offenbarte ein bemerkenswerter Schlagabtausch: Der ukrainische Präsident Selenskyj konterte öffentlich eine Bemerkung von Rheinmetall-Chef Armin Papperger, der ukrainische Drohnenproduzenten offenbar mit „Hausfrauen\" verglichen hatte. Selenskyjs Replik – „Dann kann jede Hausfrau CEO von Rheinmetall sein\" – ist mehr als eine Anekdote. Sie legt den fundamentalen Konflikt offen zwischen agiler Kriegswirtschaft und einer etablierten, aber oft schwerfälligen europäischen Rüstungsindustrie.

Kapital sucht den Dollar

Wie positioniert sich das institutionelle Geld in diesem Umfeld? Es fließt über den Atlantik. Zum Quartalsende registrieren Analysten von Bank of America und Barclays massive Kapitalströme in den US-Dollar. In einer unsicheren globalen Lage, verstärkt durch die scharfen Rücksetzer bei US-Tech-Aktien in den vergangenen Wochen, zieht der Greenback als ultimativer Fluchthafen Liquidität an. Für den Euro ist das keine gute Nachricht – ein schwächerer Kurs verteuert Energieimporte zusätzlich und verschärft genau jenen Inflationsdruck, den die EZB gerade zu kontrollieren versucht.

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Die Kombination aus anziehender Inflation, einem schwächelnden Euro und anhaltender geopolitischer Unsicherheit ist klassisches Terrain für Edelmetalle als Portfolioabsicherung. Jörg Mahnert analysiert in seinem kostenlosen Webinar, welche Rolle Silber und Gold in diesem Umfeld spielen können und welche konkreten Strategien sich daraus für Anleger ableiten lassen. Er geht dabei gezielt auf die Frage ein, wie sich Edelmetalle als Schutz gegen Währungsverluste und Inflationsrisiken einsetzen lassen. Webinar: Edelmetall-Strategie in Zeiten steigender Inflation

Quintessenz

Die Börsen handeln die Zukunft, die Wirtschaft lebt in der Gegenwart. Ein Ende der US-Militäroperationen im Nahen Osten wäre eine enorme Erleichterung für die globalen Lieferketten. Für Europa allerdings ist der Schaden bereits angerichtet: höhere Schulden, sprunghaft gestiegene Inflation, eine Industrie, die unter Energiekosten ächzt, und Verbraucher, die jeden Cent umdrehen.

Der DAX feiert die diplomatischen Signale aus Washington. Die strukturellen Rechnungen aber werden in Berlin, Brüssel und Frankfurt beglichen – nicht an der Börse.

Ich wünsche Ihnen einen klaren Blick für das Wesentliche an diesem Dienstag.

Herzlichst, Ihr

Eduard Altmann