Liebe Leserinnen und Leser,

es gibt Wochenenden, an denen die Weltgeschichte eine neue Abzweigung nimmt, während die Börsen geschlossen bleiben. Dieser Samstag ist ein solcher Tag. Während sich viele von uns auf ruhige Stunden eingestellt hatten, überschlugen sich in den frühen Morgenstunden die Ereignisse im Nahen Osten. Doch wer glaubt, die Weltwirtschaft bestehe derzeit nur aus geopolitischen Krisenherden, übersieht eine tektonische Verschiebung direkt vor unserer Haustür: Europa feiert an den Finanzmärkten ein historisches Comeback.

Lassen Sie uns die Puzzleteile dieses hochkomplexen Wochenendes zusammensetzen.

Der Nahe Osten eskaliert – und Bitcoin verliert seinen Heiligenschein

Unter dem Codenamen „Brüllen des Löwen\" haben Israel und die USA in der vergangenen Nacht weitreichende Militärschläge gegen den Iran ausgeführt. Die Angriffe zielten auf Regime- und Militärziele, darunter Anlagen für ballistische Raketen. Teheran reagierte prompt mit Gegenangriffen auf vier US-Militärstützpunkte in der Region – in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Folgen sind drastisch: Israel hat 70.000 Reservisten mobilisiert, den Luftraum für zivile Flüge gesperrt und den Ausnahmezustand verhängt. Auch in Berlin tagte heute Mittag bereits der Krisenstab unter Kanzler Friedrich Merz.

Für uns Investoren liefert diese Eskalation eine faszinierende, wenn auch bittere Erkenntnis über eine viel beschworene Anlageklasse: Bitcoin ist kein sicherer Hafen. Als die Nachrichten über die Luftschläge die Ticker erreichten, sackte die Kryptowährung um rund 3 Prozent auf etwa 63.000 US-Dollar ab – den tiefsten Stand seit Anfang Februar. Rund 100 Millionen Dollar an Long-Positionen wurden liquidiert. Wenn es hart auf hart kommt, verhält sich Bitcoin eben doch nicht wie digitales Gold, sondern wie eine hochriskante Wachstumsaktie.

Die wahren Schockwellen dürften jedoch am Ölmarkt sichtbar werden. Der Preis für ein Barrel Brent-Öl war bereits im Vorfeld der Angriffe auf 72,87 US-Dollar geklettert – ein direktes Echo auf die Nervosität, über die ich gestern berichtete. Die OPEC+ reagiert nun alarmiert: Bei einem Dringlichkeitstreffen an diesem Sonntag will das Kartell eine aggressive Ausweitung der Fördermengen diskutieren, um den globalen Märkten einen Liquiditätspuffer zu verschaffen.

Die stille Wachablösung: Europas Börsenwunder

Während die geopolitische Lage düster bleibt, vollzieht sich an den europäischen Aktienmärkten etwas, das viele Analysten nicht mehr für möglich gehalten hätten: Europa hängt die Wall Street ab.

Der Stoxx 600 verzeichnete im Februar ein Plus von 3,6 Prozent und markiert damit die achte Gewinnmonat-Serie in Folge – die längste seit 2013. Seit Jahresbeginn steht ein sattes Plus von 6,5 Prozent. Besonders die Sektoren Bergbau, Energie und Banken glänzen mit Zuwächsen von bis zu 25 Prozent. Die europäischen Banken übertreffen im zwölften Quartal in Folge die Erwartungen, und die Unternehmen melden ein Gewinnwachstum von rund 4 Prozent, wo Analysten eigentlich Rückgänge prognostiziert hatten.

Was treibt diese Renaissance? Eine Mischung aus massiven Aktienrückkäufen und einer eklatanten Bewertungslücke. Stoxx-600-Unternehmen haben für 2026 Rückkäufe in Höhe von 85,7 Milliarden Euro angekündigt – darunter SAP mit 10 Milliarden Euro, Allianz mit 2,5 Milliarden Euro sowie milliardenschwere Programme von Deutscher Bank und Société Générale. Da 76 Prozent dieser Programme noch gar nicht ausgeführt sind, liegt hier ein gewaltiger Boden unter den Kursen.

Gleichzeitig wachen globale Fondsmanager auf: Im Januar flossen über 50 Milliarden Dollar in internationale Aktien-ETFs – der höchste Zufluss seit dem Jahr 2000. Kein Wunder, wenn der Stoxx 600 mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 18 gehandelt wird, während der S&P 500 bei schwindelerregenden 27 notiert. Gestützt wird dies durch einen schwächelnden US-Dollar, der zum Euro zuletzt 13 Prozent einbüßte.

Tech-Beben: Dell pulverisiert Erwartungen

Dass der US-Markt dennoch nicht abgeschrieben werden darf, bewies gestern Abend Dell Technologies eindrucksvoll. Das Unternehmen übertraf im vierten Quartal seines Geschäftsjahres 2026 mit einem Umsatz von 33,4 Milliarden Dollar – nach 23,9 Milliarden im Vorjahr – sämtliche Erwartungen. Die Aktie schoss auf Tradegate um über 21 Prozent nach oben. Der Hardware-Zyklus für Künstliche Intelligenz ist in der harten Cash-Phase angekommen.

Das zeigt auch der Vorstoß von Nvidia, das laut Berichten im kommenden Monat einen neuen, dedizierten Inferenz-Prozessor vorstellen will, um seine 90-prozentige Dominanz im KI-Training nun auch bei der Anwendung der Modelle zu zementieren.

Interessanterweise schwappt diese Investitionswelle auch in die deutsche zweite Reihe über: Der Halbleiterspezialist Elmos Semiconductor meldete gestern Rekordumsätze von 582,6 Millionen Euro und blickt extrem optimistisch auf 2026 mit erwarteten 11 Prozent Wachstum. Die Börse belohnte das mit einem Kurssprung von 11,3 Prozent. Auch Aixtron sendete mit einem Plus von 7,5 Prozent ein starkes Kaufsignal – obwohl der Halbleiterausrüster im Geschäftsjahr 2025 einen Umsatzrückgang von 12 Prozent auf 557 Millionen Euro hinnehmen musste. Dass die Aktie dennoch kräftig zulegte, liegt am robusten Cashflow und der Hoffnung auf eine Erholung ab 2027, getrieben durch den Boom in Optoelektronik und KI-Infrastruktur.

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Die deutsche Energie-Illusion

Die Abhängigkeit von globalen Lieferketten und US-amerikanischer Technologie spiegelt sich auch in unserer Energiepolitik wider – ein Thema, das angesichts der Eskalation im Nahen Osten zusätzlich an Brisanz gewinnt. Die schwarz-rote Koalition plant die Reform des Heizungsgesetzes, die unter anderem die 65-Prozent-Erneuerbare-Energien-Regel für neue Heizungen abschaffen soll. Ab 2029 sollen Gas- und Ölheizungen weiter möglich sein, sofern anteilig klimafreundliche Brennstoffe genutzt werden.

Grünen-Chefin Franziska Brantner warnte heute scharf vor dieser „Rolle rückwärts\". Ihr zentrales Argument: Deutschland begebe sich damit in eine völlig neue Abhängigkeit von US-Präsident Donald Trump und amerikanischen LNG-Lieferungen. Ein berechtigter Einwurf in einer Welt, in der sich Allianzen und Lieferketten über Nacht verschieben können.

Was uns am Montag erwartet

Dieses Wochenende wird die Märkte einem Stresstest unterziehen. Wenn am Montagmorgen die Börsen öffnen, werden zwei Kräfte aufeinanderprallen: die fundamentale Stärke der europäischen Unternehmensgewinne und der amerikanische Tech-Boom auf der einen Seite – und die massive geopolitische Unsicherheit durch den direkten militärischen Konflikt zwischen den USA, Israel und dem Iran auf der anderen.

Achten Sie besonders auf die Ergebnisse des morgigen OPEC+-Notfalltreffens. Sollte das Kartell die Fördermengen drastisch erhöhen, könnte dies den inflationären Schock eines Ölpreissprungs abfedern und den Notenbanken – allen voran Fed und EZB – etwas Luft zum Atmen verschaffen.

Ich wünsche Ihnen trotz der unruhigen Nachrichtenlage einen besonnenen und schönen Rest des Wochenendes. Behalten Sie einen kühlen Kopf – an den Märkten wird gerade dann oft das meiste Geld verdient, wenn die Schlagzeilen am lautesten sind.

Herzlichst, Ihr

Eduard Altmann