Liebe Leserinnen und Leser,

drei DAX-Konzerne, drei Geschäftsberichte, drei völlig unterschiedliche Marktreaktionen. Während Nordex mit einem Kurssprung auf ein 24-Jahres-Hoch feiert, verlieren Heidelberg Materials und Fresenius trotz Rekordergebnissen an Boden. Was auf den ersten Blick paradox wirkt, offenbart bei genauerem Hinsehen eine zentrale Lektion: An den Märkten zählt nicht nur das Gestern, sondern vor allem das Morgen. Und genau dort trennen sich gerade die Wege – zwischen jenen, die ihre Versprechen übertreffen, und jenen, die bereits alle Erwartungen eingepreist haben.

Nordex: Wenn 12 Prozent Marge zum Befreiungsschlag werden

Der Windturbinenbauer aus Hamburg hat geliefert – und wie. Mit einer operativen Marge von 8,4 Prozent im Gesamtjahr 2025 übertraf Nordex die Erwartungen, doch das eigentliche Feuerwerk zündete im Schlussquartal: 12,1 Prozent EBITDA-Marge, ein Wert, der selbst optimistische Analysten überraschte. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen verdoppelte sich auf 631 Millionen Euro, der Nettogewinn schoss von mageren 9 Millionen auf 274 Millionen Euro nach oben.

Doch was die Aktie um über 15 Prozent nach oben katapultierte, war weniger das Gestern als das Morgen: Nordex hob sein mittelfristiges Margenziel von 8 auf 10 bis 12 Prozent an. Für 2026 peilt der Konzern bereits 8 bis 11 Prozent an – bei einem Umsatz zwischen 8,2 und 9 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand von 16,1 Milliarden Euro gibt dem Management Rückenwind. Analysten von Jefferies sprachen von einem "hervorragenden vierten Quartal", RBC sieht Potenzial für zweistellige Aufwärtsrevisionen bei den Konsensschätzungen.

Die Kehrseite? Aktionäre müssen sich weiter gedulden. Dividenden oder Rückkäufe sind frühestens ab 2027 geplant, mit einem Mindestvolumen von 50 Millionen Euro. Angesichts des starken freien Cashflows enttäuschte das einige Beobachter. Doch der Markt honoriert offenbar die operative Stärke und die Glaubwürdigkeit der neuen Margenziele – Nordex hat in den vergangenen Quartalen gezeigt, dass es liefern kann.

Heidelberg Materials: Der Fluch des Rekords

Manchmal ist selbst ein Rekord nicht genug. Heidelberg Materials steigerte das operative Ergebnis 2025 erneut und will es 2026 weiter ausbauen. Klingt solide, oder? Die Börse sah das anders: Minus 2,5 Prozent zur Mittagszeit. Der Grund liegt im Detail. Der freie Barmittelfluss und die Nettoverschuldung fielen schlechter aus als erwartet. Zudem liegt die Konsensschätzung für das bereinigte EBIT im laufenden Jahr bereits am oberen Ende der Unternehmensprognose – wenig Spielraum für positive Überraschungen also.

Was bei Nordex als Aufbruch gefeiert wird, wirkt bei Heidelberg Materials wie ein Plateau. Der Baustoffriese kämpft mit strukturellen Herausforderungen: rückläufige Absatzmengen, hohe Schulden und ein Marktumfeld, das von Zinsen und Konjunktursorgen geprägt ist. Wer auf spektakuläre Wachstumsphantasien hoffte, wurde enttäuscht.

Fresenius und Eon: Solide Zahlen, verhaltene Reaktionen

Auch bei Fresenius und Eon zeigt sich das gleiche Muster. Fresenius steigerte den Gewinn dank Einsparungen und eines guten Laufs bei der Pharmatochter Kabi sowie im Klinikgeschäft. Doch die Aktie verlor über 2 Prozent. Beobachter sprachen von "durchwachsenen" Zahlen und Ausblick – und die Belastung durch die Beteiligung an Fresenius Medical Care, die am Vortag bereits enttäuscht hatte, wirkte nach.

Eon meldete ein gestiegenes bereinigtes operatives Ergebnis und plant bis 2030 Investitionen von 48 Milliarden Euro ins Energienetz. Die Reaktion? Ein Plus von 1,6 Prozent, aber auch hier attestierten Händler einen "konservativen Ausblick". JPMorgan-Analyst Pavan Mahbubani nannte die mittelfristigen Ziele sogar eine "Enttäuschung". Eon hat in den vergangenen Monaten stark zugelegt – da reicht solide Performance nicht mehr, um die Euphorie zu rechtfertigen.

Nvidia im Anflug: Der Lackmustest für die Tech-Rallye

Während deutsche Konzerne ihre Hausaufgaben machen, richtet sich der Blick heute Abend über den Atlantik. Nvidia legt nach US-Börsenschluss die Zahlen zum vierten Quartal vor – und die Erwartungen könnten kaum höher sein. Der KI-Chip-Gigant hat in 13 aufeinanderfolgenden Quartalen die Prognosen übertroffen. Doch diesmal warnen Analysten: Nvidia ist "dazu verdammt, die Erwartungen zu übertreffen", wie es Christian Henke vom Broker IG formulierte. Sollte der Konzern enttäuschen, könnte das nicht nur die eigene Aktie, sondern den gesamten Markt unter Druck setzen.

Die jüngsten Signale aus dem KI-Sektor waren gemischt. Meta kündigte einen 100-Milliarden-Dollar-Deal mit AMD an, Anthropic beruhigte mit neuen Partnerschaften die Sorgen um disruptive KI-Modelle. Doch die Frage bleibt: Rechtfertigen die Investitionen in KI-Infrastruktur die astronomischen Bewertungen? Nvidia wird heute Abend eine Teilantwort liefern.

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Gold und Inflation: Die Gegenbewegung läuft

Abseits der Unternehmensbilanzen zeigt sich an den Rohstoffmärkten eine bemerkenswerte Entwicklung. Gold legte um 0,9 Prozent auf 5.187 Dollar je Feinunze zu, Silber sprang um 3,5 Prozent, Platin sogar um über 5 Prozent. JPMorgan hob sein langfristiges Kursziel für Gold um 15 Prozent auf 4.500 Dollar an und verwies auf verstärkte Zentralbankkäufe, Diversifizierung weg vom Dollar und geopolitische Unsicherheiten.

Parallel dazu sank die Inflation in der Eurozone im Februar auf 1,7 Prozent – erstmals seit Monaten wieder unter der Zwei-Prozent-Marke der EZB. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte bereits von "Mission erfüllt" gesprochen. Doch die Kombination aus sinkender Inflation und steigenden Goldpreisen ist ungewöhnlich. Sie deutet darauf hin, dass Anleger weniger vor kurzfristiger Teuerung fliehen, sondern langfristige Risiken einpreisen: Schuldenkrisen, Währungsverschiebungen, politische Instabilität.

Was bleibt

Die heutige Bilanzsaison zeigt: Märkte belohnen nicht Vergangenheit, sondern Perspektive. Nordex überzeugt mit klaren Wachstumszielen und operativer Stärke, während Heidelberg Materials und Fresenius trotz solider Ergebnisse an ihren eigenen Erwartungen gemessen werden. Eon navigiert konservativ durch unsichere Zeiten, während Nvidia heute Abend beweisen muss, dass der KI-Boom mehr ist als nur Hype.

Für Anleger bedeutet das: Wer auf Qualität setzt, sollte nicht nur auf die Schlagzeile schauen, sondern auf das, was zwischen den Zeilen steht. Margenziele, Cashflows, Ausblicke – sie alle erzählen die Geschichte, die der Markt morgen handeln wird.

Viel Erfolg an den Märkten – und bleiben Sie wachsam,

Andreas Sommer