Münchens Machtdemonstration, der Frankfurter Geldregen und der Zins-Schock
Liebe Leserinnen und Leser,
lange Zeit glich der deutsche Aktienmarkt einer One-Man-Show: SAP tanzte auf dem diplomatischen Parkett der globalen Tech-Elite, während der Rest der „Deutschland AG" oft wie das begleitende Catering wirkte – notwendig, aber selten aufregend. Doch heute hat sich die Statik im DAX spürbar verschoben. Wir erleben eine Renaissance der Industrie, die nichts mehr mit verstaubten Werkshallen zu tun hat, sondern die algorithmische Präzision mit schwerem Gerät verknüpft.
Während der Leitindex an der psychologischen 25.000-Punkte-Marke kratzt, sendet München ein Signal, das bis ins Silicon Valley hörbar sein dürfte. Gleichzeitig baut man in Frankfurt am Main keine Luftschlösser, sondern eine ganz reale Festung aus Geld, um italienische Eroberer fernzuhalten. Es ist ein Tag der harten Fakten, der jedoch von einer warnenden Stimme aus Washington begleitet wird: Die US-Konjunktur läuft heißer, als es den Zins-Optimisten lieb sein kann.
Herzlich willkommen zu Ihrem Markt-Update am Donnerstag.
Siemens: Die digitale Aufholjagd
Es ist die Nachricht, die das Parkett heute dominiert: Siemens ist erwacht. Mit einem Kurssprung auf rund 258 Euro robbt sich der Münchner Traditionskonzern an den unangefochtenen Spitzenreiter heran. Der Abstand schmilzt: SAP bringt derzeit rund 220 Milliarden Euro auf die Waage, Siemens folgt nun mit etwa 206 Milliarden Euro Marktkapitalisierung.
Was CEO Roland Busch heute präsentierte, ist der Beleg für eine geglückte Metamorphose. Das industrielle Ergebnis im ersten Quartal sprang um 15 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro. Während Konkurrenten oder Kunden wie Mercedes-Benz mit der Zyklik hadern, glänzt Siemens dort, wo Software auf Hardware trifft: in der „Smart Infrastructure" und den „Digital Industries".
Busch formulierte es nüchtern, aber treffend: „KI ist ein starker Wachstumstreiber." An der Börse wird diese Aussage heute validiert. Wenn der Konzern seine Gewinnprognose je Aktie auf bis zu 11,10 Euro anhebt, ist das der Beweis, dass die Transformation vom Konglomerat zum Technologiekonzern in der Bilanz angekommen ist. Der DAX profitiert massiv von diesem Münchner Schubkraft – die „Old Economy" ist plötzlich der modernste Treiber im Index.
Commerzbank: Die 2,7-Milliarden-Verteidigungslinie
Nur wenige Kilometer weiter südlich, im Frankfurter Bankenviertel, wird ebenfalls Geschichte geschrieben – allerdings finanzieller Natur. Die Commerzbank hat ihre Bücher geöffnet und eine Strategie offenbart, die man als „aggressiven Wohlstand" bezeichnen könnte. Die Zahlen für 2025 (2,63 Milliarden Euro Nettoergebnis) sind stark, doch die eigentliche Nachricht richtet sich an Mailand.
Die Bank verdoppelt ihre Dividende beinahe auf 1,10 Euro je Aktie und legt ein Aktienrückkaufprogramm über 540 Millionen Euro obenauf. In Summe fließen 2,7 Milliarden Euro an die Anteilseigner. Die Botschaft an die Unicredit, die über 26 Prozent der Anteile hält, ist unmissverständlich: Wir sind teuer. Wer dieses Haus übernehmen will, muss eine Prämie zahlen, die schmerzt.
Dass Risikovorstand Bernd Spalt Ende 2026 von Bord geht, verkommt angesichts dieses Geldregens fast zur Randnotiz. Die Aktie reagierte bereits positiv. Es ist der klassische Fall von „Shareholder Value" als Abwehrmechanismus – und derzeit funktioniert er prächtig.
Das amerikanische Job-Paradoxon
Während wir in Europa Dividenden und Industrie-Comebacks feiern, braut sich über dem Atlantik ein Szenario zusammen, das Anleiheinvestoren den Schlaf raubt. Die US-Wirtschaft weigert sich standhaft, dem Lehrbuch der Rezession zu folgen.
Die Arbeitsmarktdaten für Januar 2026 waren kein Warnschuss, sondern ein Paukenschlag: 130.000 neue Stellen wurden geschaffen – der Konsens lag bei lediglich 70.000. Die Arbeitslosenquote sank auf 4,3 Prozent. Was für Arbeitnehmer ein Segen ist, wird für die Märkte zum Fluch der guten Tat. Die Terminmärkte taxieren die Wahrscheinlichkeit, dass die Federal Reserve im März die Zinsen nicht senkt, nun auf erdrückende 94 Prozent.
Die Reaktion war prompt: Die Rendite der 10-jährigen US-Staatsanleihen kletterte auf 4,17 Prozent. Das entzieht den hoch bewerteten Tech-Aktien an der Wall Street die Bewertungsgrundlage und erklärt das jüngste Wackeln bei Nasdaq und S&P 500. Für den DAX bedeutet das: Der heutige Ausbruchsversuch über die 25.000 Punkte steht auf tönernen Füßen, solange die Zinsangst aus den USA herüberweht.
Krypto-Winter mitten im Februar
Die Risikobereitschaft, die Siemens und Commerzbank beflügelt, fehlt an anderer Stelle völlig. Der Bitcoin ist unter die Marke von 67.000 US-Dollar gerutscht und sucht vergeblich nach Halt. Analysten warnen bereits vor einem „Bear-Leg" im etablierten 4-Jahres-Zyklus, das den Kurs bis zum Sommer auf 50.000 Dollar drücken könnte.
Auffällig ist das Verhalten der „Wale": Großinvestoren stoßen Bestände ab, und auch die ETFs melden Abflüsse. Es scheint, als rotiere das spekulative Kapital. Weg vom „digitalen Gold", hin zu greifbaren Erträgen und industrieller Substanz.
Was sonst noch wichtig ist
- Stillstand am Himmel: Der Streik der Lufthansa-Kabine hat begonnen und sorgt in Frankfurt für hunderte Annullierungen. Für den Kranich ist dies mehr als ein operatives Ärgernis; es ist ein weiterer Bremsklotz in einer Phase, in der die internationale Konkurrenz enteilt.
- Stahl-Krise: Thyssenkrupp weitet den Verlust auf 353 Millionen Euro aus. Die Sanierung der Stahlsparte verschlingt Milliarden. Einziger Lichtblick bleibt die Marine-Tochter TKMS, die seit dem Börsengang im Oktober zumindest operativ Stabilität liefert, auch wenn der Umsatz leicht bröckelt.
- Münchner Warnrufe: Kurz vor der Sicherheitskonferenz mahnt deren ehemaliger Chef Wolfgang Ischinger Europa zu mehr Handlungsfähigkeit. Angesichts der US-Politik ist dies ein Weckruf, der in den Orderbüchern der Rüstungsindustrie (Rheinmetall, Hensoldt) als langfristiges Fundament für weitere Aufträge gelesen wird.
Schlussgedanke
Dieser Donnerstag lehrt uns eine wichtige Lektion: Totgesagte leben nicht nur länger, sie zahlen manchmal auch die besseren Dividenden. Die deutsche Industrie, oft als energiekrank und behäbig karikiert, zeigt mit Siemens, zu welcher Dynamik sie fähig ist, wenn die digitale Transformation gelingt.
Es ist ein Tag, der Mut macht für den Standort – solange man den Blick nicht zu starr auf die Renditekurve der US-Anleihen richtet. Morgen folgen die US-Inflationsdaten. Sie werden entscheiden, ob der heutige Optimismus nachhaltig ist.
Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Handelstag.
Herzlichst,
Ihr
Eduard Altmann








