März-Bilanz: Wie ein Krieg den DAX um 10 Prozent kostete
90 Prozent. So viele deutsche Industrieunternehmen erwarten laut einer aktuellen Ifo-Umfrage, dass der Iran-Krieg ihre Geschäfte beeinträchtigt. Eine Zahl, die man sich auf der Zunge zergehen lassen muss – denn sie erklärt in einem einzigen Satz, warum der DAX seinen Januar-Rekord von über 25.500 Punkten heute um fast 3.000 Punkte verfehlt. Heute, am letzten Handelstag des Monats März, liefern die Märkte eine nüchterne Bilanz. Ich schaue heute auf die Mechanismen dahinter: Inflation, Zinsen, Öl – und was das für Anleger in den kommenden Wochen bedeutet. Außerdem: Warum Rheinmetall trotz Schlagzeilen steigt, Bitcoin kaum von der Stelle kommt und Interactive Brokers einen bemerkenswerten Schritt für europäische Krypto-Anleger macht.
Der Monat, den der Ölpreis regiert hat
Brent-Öl bei rund 107 bis 113 Dollar pro Barrel – das ist die Klammer, die den März zusammenhält. Ein kuwaitischer Öltanker vor der Küste Dubais getroffen, Raketen- und Drohnenangriffe auf Golfstaaten in der Nacht, die Straße von Hormus faktisch geschlossen. Der Energieschock ist real, und er hinterlässt Spuren.
Die Eurozone-Inflation sprang im März auf 2,5 Prozent – von 1,9 Prozent im Februar. Das klingt moderat, ist es aber nicht. Denn der Anstieg kommt fast ausschließlich von der Energie: plus 4,9 Prozent. Die Kerninflation, die Lebensmittel und Energie ausklammert, fiel sogar leicht auf 2,3 Prozent. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte: Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet, dass die Gesamtinflation bis Mai über die 3-Prozent-Marke klettert – sofern der Krieg nicht schnell endet.
Die EZB sitzt damit in der Zwickmühle. Zinserhöhungen gegen einen Energieschock zu stemmen ist ökonomisch fragwürdig – das Lehrbuch sagt eigentlich: abwarten, denn Geldpolitik wirkt mit Verzögerung. Aber die Geister von 2022 gehen um. Damals wartete die EZB zu lange, erhöhte dann in historischem Tempo. Bundesbank-Chef Nagel hält eine Anhebung bereits im April für möglich. ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski sieht das skeptischer. Die Märkte preisen derzeit drei Zinserhöhungen bis Jahresende ein – das ist keine Kleinigkeit für Anleihe- und Aktienportfolios.
DAX: Erholung mit zitternden Knien
Der DAX handelt heute rund 0,7 Prozent im Plus bei etwa 22.728 Punkten. Das klingt nach Erleichterung – ist aber eher Stabilisierung auf niedrigem Niveau. Im März hat der Index mehr als zehn Prozent verloren. Das Allzeithoch vom 13. Januar bei 25.507 Punkten wirkt wie aus einer anderen Zeit.
Psychologisch relevant bleibt die 22.000-Punkte-Marke. Fällt der Index unter 21.863 Punkte, wäre das der tiefste Stand seit dem Zollschock im April 2025. Marktbeobachter behalten diese Schwelle genau im Auge. Vor den Osterfeiertagen – Freitag und Montag wird nicht gehandelt – könnten die Umsätze dünn bleiben. Dünne Märkte verstärken Bewegungen in beide Richtungen.
Ein kleiner Lichtblick kommt aus Washington: US-Präsident Trump soll Vertrauten signalisiert haben, die Militäroperation gegen den Iran beenden zu wollen – auch wenn die Straße von Hormus geschlossen bleibt. Das Wall Street Journal berichtete darüber, und europäische Märkte reagierten leicht positiv. Vollständige Entwarnung ist das nicht. Denn selbst ein Ende der US-Beteiligung löst das Versorgungsproblem bei Öl nicht.
Für Anleger, die sich fragen, wie sie in einem Umfeld aus Geopolitik, Energieschock und Marktvolatilität überhaupt noch handlungsfähig bleiben, hat Börsenstratege Jörg Mahnert einen konkreten Ansatz entwickelt. In seinem Webinar zeigt er eine Methode, die explizit für unruhige Märkte konzipiert ist – mit dem Ziel, das Auf und Ab der Kurse aktiv zu nutzen statt abzuwarten. Mahnert erklärt dabei, wie mit überschaubarem Aufwand (ein bis zwei Trades pro Woche) systematisch vorgegangen werden kann. Zur Webinar-Aufzeichnung von Jörg Mahnert
Rheinmetall: Schlagzeilen, die nicht schaden
Die Woche gehört einer Kontroverse, die eigentlich keine Börsennachricht sein sollte. Rheinmetall-Chef Armin Papperger bezeichnete ukrainische Drohnenhersteller in einem Magazinbeitrag sinngemäß als Hausfrauen mit 3D-Druckern. Selenskyjs Antwort war schlagfertig: „Wenn jede Hausfrau der Ukraine Drohnen bauen kann, kann jede Hausfrau CEO von Rheinmetall sein.\"
An der Börse verpuffte die Kontroverse. Die Rheinmetall-Aktie notiert heute zeitweise mit einem Plus von über zwei Prozent bei rund 1.438 Euro. Auch RENK, HENSOLDT und TKMS legen zu. Der Markt interessiert sich weniger für Rhetorik als für Auftragsbücher.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die neue Einschätzung von Citi Research, die heute die Coverage von Rheinmetall mit „Neutral\" und einem Kursziel von 1.480 Euro aufnahm. Der Kern der Analyse: „Peak Ammunition or not? – das entscheidet, ob der faire Wert bei rund 1.500 oder zwischen 1.900 und 2.100 Euro liegt.\" Citi modelliert, dass die europäische 155-mm-Produktionskapazität von rund 300.000 Granaten vor 2022 auf heute etwa zwei Millionen gestiegen ist – mit weiterer Steigerung auf drei Millionen geplant. Nach einem möglichen Kriegsende und einer Phase des Lageraufbaus könnte die Nachfrage aber stark einbrechen. Das Basisszenario landet bei 1.480 Euro – knapp über dem aktuellen Kurs. Für langfristig orientierte Anleger ist das eine nüchterne Einordnung.
Öl-Aktien: Barclays sieht 30 Prozent mehr Gewinn
Wer von der aktuellen Lage profitiert, sind die großen Energiekonzerne. Barclays hält Shell, BP und TotalEnergies weiterhin auf „Overweight\" – und das mit einem bemerkenswerten Argument: Die Analysten schätzen die Gewinne dieser Unternehmen für 2026 rund 30 Prozent höher ein als der Konsens. Das ist eine substanzielle Abweichung. Kurszielen von 45 Pfund für Shell, 6,50 Pfund für BP und 94 Euro für TotalEnergies stehen aktuelle Kurse deutlich darunter gegenüber.
Heute selbst zeigen die Papiere wenig Bewegung – Shell leicht im Minus, BP und TotalEnergies ebenfalls. Das ist typisch für Phasen, in denen hohe Erwartungen bereits eingepreist sind. Anleger, die Energieaktien als Absicherung gegen den Ölpreisschock halten, sollten im Hinterkopf behalten: Wenn der Krieg endet, dreht sich das Bild schnell.
Redcare und Südzucker: Zwei Gewinner mit sehr unterschiedlichen Geschichten
Auf dem deutschen Kurszettel stechen heute zwei Namen heraus – und sie haben nichts miteinander zu tun, außer dass beide kräftig steigen.
Redcare Pharmacy setzt seine Erholung fort. Nach einem Tief seit 2019 zu Wochenbeginn klettert die Aktie der Online-Apotheke heute um rund acht Prozent. Der Treiber: Eine Expertenkommission hat 66 Reformvorschläge für das deutsche Krankenkassensystem vorgelegt. Metzler-Analyst Felix Dennl sieht darin vor allem eine Chance für Versandapotheken – höhere Zuzahlungen könnten Patienten dazu bewegen, von der stationären Apotheke zum günstigeren Online-Anbieter zu wechseln. Das ist keine Gewissheit, aber ein glaubwürdiger Kurstreiber.
Südzucker springt heute weitere elf Prozent – nach einem Plus von über 15 Prozent gestern. Barclays hat die Aktie gleich um zwei Stufen von „Underweight\" auf „Overweight\" hochgestuft und das Kursziel von 9 auf 15 Euro angehoben. Der Grund: Der Ölpreisschock treibt Ethanolpreise nach oben, und die Fundamentaldaten für Zucker verbessern sich vor EU-Preisanpassungen. Ein klassischer Profiteur einer Krise, die eigentlich niemand wollte.
Bitcoin: Ruhig, aber nicht vergessen
Bitcoin notiert heute bei rund 67.000 Dollar – ein Plus von etwa einem Prozent gegenüber gestern, aber kaum verändert gegenüber Monatsbeginn. Der März war für die Kryptowährung eine Phase der Stagnation. Kurz war Bitcoin auf 75.000 Dollar geklettert, fiel dann aber wieder zurück. Im Jahresvergleich liegt Bitcoin rund 23 Prozent im Minus.
Die Logik dahinter ist simpel: Risikoaversion und mögliche Zinserhöhungen der EZB sind Gift für spekulative Assets. Solange die Straße von Hormus blockiert bleibt und Inflation droht, bleibt der Spielraum für eine Bitcoin-Rallye eng. Unter den Altcoins litt Cardano besonders – rund 12,6 Prozent Minus im März. Ether schlug sich mit einem Plus von fast fünf Prozent im Monatsvergleich besser.
Eine strukturelle Neuigkeit für europäische Anleger: Interactive Brokers ermöglicht ab heute Krypto-Handel für Privatanleger im gesamten Europäischen Wirtschaftsraum. Über die irische Tochtergesellschaft können EWR-Kunden nun elf Kryptowährungen – darunter Bitcoin, Ethereum, Solana und XRP – direkt auf der bekannten Plattform handeln, auf der sie auch Aktien und ETFs kaufen. Provisionen ab 0,12 Prozent, keine versteckten Spreads. Das ist für viele deutsche Anleger relevant, die Krypto und klassische Assets bisher auf verschiedenen Plattformen verwalten mussten.
UBS und TK Elevator: Zwei Nachrichten aus dem Unternehmensbereich
Abseits des Kriegslärms gibt es zwei Unternehmensgeschichten, die Aufmerksamkeit verdienen.
UBS-Aktien steigen heute um rund drei Prozent, nachdem die Financial Times berichtete, dass führende Schweizer Parlamentarier der Bank intern einen Kompromiss bei den geplanten Kapitalanforderungen signalisiert haben. Hintergrund: Die Schweizer Regierung will, dass UBS ihre ausländischen Töchter vollständig mit Eigenkapital unterlegt – was die Bank bis zu 26 Milliarden Dollar zusätzliches Kapital kosten könnte. Parlamentarier wollen diesen Betrag abmildern. Ab Mai soll ein parlamentarischer Ausschuss das Verfahren übernehmen, ab Juni könnte das Plenum debattieren. Ob der Kompromiss hält, bleibt offen – aber allein die Aussicht darauf reicht für einen Kurssprung.
TK Elevator, der Aufzughersteller, der 2020 für 17,2 Milliarden Euro aus dem Thyssenkrupp-Konzern herausgelöst wurde, prüft offiziell einen Börsengang. Gleichzeitig steht der finnische Wettbewerber Kone als möglicher Käufer im Raum – mit einer angestrebten Bewertung von bis zu 25 Milliarden Euro. Die Finanzinvestoren Cinven und Advent sollen wegen der Marktturbulenzen infolge des Iran-Krieges offener für einen direkten Verkauf sein als für einen IPO. Kartellrechtliche Hürden bei einer Kone-Übernahme könnten den Börsengang aber doch zur wahrscheinlicheren Option machen. Für Thyssenkrupp-Aktionäre, die noch indirekt beteiligt sind, bleibt das ein Thema.
Was jetzt wichtig bleibt
Der April beginnt mit einer offenen Frage: Handelt die EZB bereits bei ihrer nächsten Sitzung am 30. April – oder wartet sie bis Juni? Diese Entscheidung wird die Richtung für Anleihen, den Euro und indirekt auch für Aktien vorgeben. Dazu kommen Signale aus Washington zur Iran-Strategie, die den Ölpreis in beide Richtungen bewegen können.
Auf Unternehmensseite lohnt der Blick auf Siemens Energy – JPMorgan bestätigte heute „Overweight\" nach einem Analystengespräch und sieht trotz geopolitischer Risiken attraktive mittelfristige Aussichten. Friedrich Vorwerk, der Pipeline-Hersteller, legte heute Jahreszahlen vor, die den Markt positiv überraschten.
Ein März, der mit einem Allzeithoch im DAX begann und mit einem Minus von zehn Prozent endet – das hinterlässt Spuren. Nicht nur in den Depots, sondern auch im Vertrauen. Wer jetzt investiert bleibt, setzt darauf, dass Energie-Inflation und Krieg beherrschbar bleiben. Wer verkauft, fürchtet das Gegenteil. Die Wahrheit liegt – wie meistens – irgendwo dazwischen.
Bleibt wachsam und genießt die Osterpause,
Andreas Sommer
31. März 2026








