Liebe Leserinnen und Leser,

gestern schrieb ich Ihnen, die Märkte preisten ein Worst-Case-Szenario im Nahen Osten ein – und dass die Straße von Hormus zum Lackmustest werde. Seitdem hat sich die Lage nicht entspannt. Sie hat sich zugespitzt. Während am Persischen Golf die Rhetorik eine neue Eskalationsstufe erreicht und Japan zu einer beispiellosen Notmaßnahme greift, feiert der Kryptomarkt eine fast schon surreale Wochenend-Rallye. Zwei Welten, die nichts mehr miteinander zu tun haben wollen.

In solchen Momenten maximaler Dissonanz lohnt es sich, die losen Fäden zusammenzuführen.

Die Straße von Hormus wird zum geldpolitischen Albtraum

Der US-israelische Krieg gegen den Iran geht in seine dritte Woche. Donald Trump verschärfte gestern in einem NBC-Interview den Ton und drohte unverhohlen mit weiteren Angriffen auf Irans zentralen Ölexporthafen Kharg Island. Sein Kommentar dazu: „We may hit it a few more times just for fun." Parallel drängt Washington seine Verbündeten, Kriegsschiffe zur Sicherung der Meerenge zu entsenden.

Japan zieht bereits die Reißleine. Tokio kündigte an, ab morgen die Rekordmenge von 80 Millionen Barrel aus seinen strategischen Reserven freizugeben – ein Versuch, den drohenden Preisschock abzufedern. Ob das reicht, nachdem selbst die 400-Millionen-Barrel-Freigabe der IEA in der vergangenen Woche wirkungslos verpuffte, darf bezweifelt werden.

Für die Fed wird dieses geopolitische Pulverfass zur Handlungsblockade. Am Freitag wurde das US-Wirtschaftswachstum für das vierte Quartal 2025 auf magere 0,7 Prozent nach unten revidiert – ein Wert, der die ohnehin fragile Konjunkturlage unterstreicht. Zinssenkungen? Ausgeschlossen, solange der Ölpreis die Inflation antreibt. Zinserhöhungen? Ebenso undenkbar bei einer Wirtschaft, die kaum noch wächst.

Erschwerend kommt ein institutionelles Patt hinzu: Richter Boasberg wies am Freitag eine Vorladung gegen Fed-Chef Jerome Powell ab, die Nominierung von Trumps Wunschkandidat Kevin Warsh bleibt im Senat blockiert. Powells Anwälte drohen damit, sein Direktorenmandat bis Januar 2028 zu verteidigen. Die mächtigste Notenbank der Welt – gelähmt zur Unzeit.

Brüssel zieht die Zügel bei Künstlicher Intelligenz an

Während Washington mit Geopolitik und internen Machtkämpfen ringt, hat Europa in der vergangenen Woche Fakten geschaffen. Das EU-Parlament verabschiedete am Dienstag mit einer Mehrheit von 460 zu 71 Stimmen eine weitreichende Regulierung zur fairen Vergütung von Urhebern im KI-Zeitalter.

Die Stoßrichtung ist klar: Anbieter generativer KI-Systeme müssen künftig detailliert offenlegen, welche urheberrechtlich geschützten Werke sie für das Training ihrer Algorithmen genutzt haben. Das gilt für alle auf dem EU-Markt verfügbaren Systeme – unabhängig davon, wo der Anbieter seinen Sitz hat. Für den europäischen Kreativsektor, der 6,9 Prozent des EU-BIP erwirtschaftet, ist das ein bedeutender Schutzschild.

Nach dem AI Act und der DSGVO zementiert Brüssel damit seinen Ruf als globaler Regulierungspionier. Ob sich die Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley fügen oder den europäischen Markt als Testfall für Widerstand nutzen, wird eine der spannendsten Auseinandersetzungen der kommenden Monate.

Die Krypto-Rallye und ein bemerkenswerter Insider-Verkauf

Wie reagiert das spekulative Kapital auf Ölkrisen, Stagflationssorgen und neue Regulierungen? Es flüchtet in die digitale Parallelwelt. Bitcoin notiert an diesem Wochenende bei rund 71.000 Dollar, Ethereum durchbrach die 2.100-Dollar-Marke. Die relative Stärke, die ich gestern beschrieben habe, setzt sich fort.

Die Mechanik dahinter ist klassisch: Allein innerhalb von 30 Minuten wurden Short-Positionen im Wert von 72 Millionen Dollar liquidiert. Die Spot-Bitcoin-ETFs verzeichnen den vierten Tag in Folge Zuflüsse, zuletzt knapp 54 Millionen Dollar.

Aufmerksame Beobachter sollten allerdings ein Detail nicht übersehen. Während Retail-Investoren kaufen, machen die Architekten des Systems Kasse: Die Ethereum Foundation veräußerte gestern 5.000 ETH in einem OTC-Deal für 10,2 Millionen Dollar an Tom Lees BitMine Immersion Technologies. Wenn die Erbauer eines Ökosystems Chips vom Tisch nehmen, ist das selten ein Zeichen überbordenden Optimismus.

Unternehmensrealität zwischen KI-Hype und globaler Vorsicht

An der Wall Street sorgte JPMorgan für einen bemerkenswerten Kontrapunkt zur allgemeinen Verunsicherung. Die Analysten stuften Oracle nach dem jüngsten scharfen Abverkauf auf „Overweight" hoch und setzten ein neues Kursziel von 210 Dollar. Die Logik: Der Rücksetzer habe ein attraktives Chance-Risiko-Verhältnis geschaffen. Ein Kalkül, das nur aufgeht, wenn man davon ausgeht, dass der KI-Investitionszyklus trotz aller Turbulenzen intakt bleibt.

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Das führt uns zu einer entscheidenden Frage für Anleger: Welche Unternehmen profitieren strukturell vom KI-Investitionszyklus – unabhängig von kurzfristigen Turbulenzen? Ein kostenloses Webinar beleuchtet genau diesen Megatrend und stellt vier Halbleiter-Aktien vor, die vom wachsenden Chip-Bedarf der KI-Industrie profitieren könnten. Sie erfahren, welche Unternehmen hinter der steigenden Nachfrage nach Rechenkapazität stehen und wie Sie sich als Anleger positionieren können. Webinar: 4 Chip-Aktien im KI-Investitionszyklus

In der deutschen Industrie herrscht deutlich mehr Nüchternheit. Stephan Seifert, Chef des Hamburger Technologiekonzerns Körber, prognostiziert für 2026 ein organisches Umsatzwachstum von nur vier bis sechs Prozent – auf rund 3,2 bis 3,3 Milliarden Euro. Der Grund ist genau jene volatile Weltlage, die sich an diesem Wochenende in aller Schärfe zeigt. Nach dem Porsche-Desaster vom Donnerstag – 91,4 Prozent weniger Gewinn – ein weiteres Signal, dass die europäische Industrie unter dem Druck von Energiekosten und geopolitischer Unsicherheit ächzt.

Was diese Woche zählt

Die kommenden Tage werden zeigen, ob die japanische Öl-Freigabe den Brent-Preis auch nur vorübergehend stabilisieren kann. Achten Sie morgen früh auf die Eröffnungskurse an den asiatischen Märkten und die Reaktion des Rohölmarktes. Sollte Brent erneut über 105 Dollar klettern, dürfte die Stagflationsdebatte eine neue Intensität erreichen.

Die Straße von Hormus bleibt der Dreh- und Angelpunkt. Nicht nur für den Ölpreis, sondern für die Frage, ob die Weltwirtschaft 2026 noch auf Wachstumskurs bleibt – oder ob wir in ein Szenario hineinlaufen, das die Notenbanken mit ihrem konventionellen Instrumentarium nicht mehr einfangen können.

Herzlichst, Ihr

Eduard Altmann