Hinter den Kulissen Olympischer Winterspiele: Ein Medienmanager berichtet aus Livigno
In der aktuellen Ausgabe des SportWoche-Podcasts von Christian Drastil / audio-cd.at gewährt Egon Theiner, Verleger und erfahrener Olympia-Insider, faszinierende Einblicke in seine Arbeit als Venue Media Manager bei den Olympischen Winterspielen 2026 in Italien.
Elf Olympische Spiele und eine beeindruckende Karriere
Was Egon Theiner von den meisten Sportfans unterscheidet: Er hat bereits elf Olympische Spiele hautnah erlebt – nicht als Zuschauer, sondern in verschiedenen operativen Funktionen. Die Bandbreite seiner Tätigkeiten ist bemerkenswert. Von den ersten beiden Spielen 1998 und 2002 als Journalist für die Salzburger Nachrichten über Engagements für den Olympic Broadcasting Service bis hin zu Positionen bei verschiedenen Organisationskomitees hat Theiner ein einzigartiges Netzwerk aufgebaut.
Bei den Spielen 2026 übernahm er die Rolle des Venue Media Managers in Livigno, wo die Snowboard- und Ski-Freestyle-Wettbewerbe stattfanden. Diese Position unterscheidet sich grundlegend von einem Kommunikationsmanager: Es handelt sich um eine operative Funktion, die das Management des Pressezentrums, die Leitung von Pressekonferenzen sowie die Betreuung der Mixed Zones und Aussichtsplattformen für Journalisten umfasst.
Die Herausforderungen eines Mega-Events
Die Dimensionen der Aufgabe werden schnell deutlich: Theiner managte ein Team von acht bezahlten Mitarbeitern sowie etwa 40 Volunteers. Täglich betreuten sie rund 300 Journalisten und Fotografen – die TV-Crews und Broadcaster nicht mitgezählt. Die Arbeitstage erstreckten sich regelmäßig über zehn bis sechzehn Stunden.
Der Vorlauf für diese intensive Phase betrug knapp vier Wochen. Anfang Januar reiste Theiner an, zunächst zu gemeinsamen Schulungen in Mailand mit IOC-Beteiligung, dann drei Wochen vor Ort in Livigno. Diese Vorbereitungszeit diente nicht nur der Überwachung letzter Arbeiten, sondern vor allem dem Aufbau persönlicher Beziehungen.
„Es geht immer um die Kommunikation. Es geht immer darum, die Menschen persönlich kennenzulernen, zu wissen, wie die ticken, eine Verbindung aufzubauen", erklärt Theiner seinen Ansatz. Dieses Netzwerk erweist sich als unverzichtbar, wenn während der Spiele Probleme auftreten – sei es ein Internetausfall, Stromprobleme oder schlicht fehlender Tee an der Verpflegungsstation.
Die Mixed Zone als Herzstück der Medienarbeit
Ein zentrales Element der Arbeit eines Venue Media Managers ist die Betreuung der sogenannten Mixed Zone. Diese lässt sich als durch einen Zaun halbierter Gang vorstellen: Auf einer Seite die Athleten, auf der anderen die Journalisten, gruppiert nach Ländern oder Sprachen. Die Medienvertreter lehnen sich teilweise über den Zaun, bei großem Andrang – besonders wenn japanische Journalisten beteiligt sind – werden Serviertabletts genutzt, auf denen Smartphones liegen, damit auch Journalisten in der dritten oder vierten Reihe die Aussagen aufzeichnen können.
Ein besonderes Highlight dieser Spiele war die Betreuung von Eileen Gu, einer 22-jährigen Freeski-Athletin aus China und Stanford-Studentin. Mit sechs olympischen Medaillen zwischen Peking 2022 und Milano Cortina 2026 sowie einem Jahresgehalt von 20 Millionen Dollar zählt sie zu den absoluten Superstars des Sports. Theiner begleitete sie sechsmal durch die Mixed Zone und vereinbarte mit ihr ein strukturiertes System: drei Interviewblöcke für internationale Agenturen, chinesische Medien und englischsprachige Journalisten, jeweils fünf Minuten, mit einer dezenten Berührung am Oberarm als Signal für das Zeitende.
Livigno: Ein außergewöhnlicher Austragungsort
Der Veranstaltungsort selbst überraschte Theiner, obwohl er erstmals dort war. Livigno ist eine Freihandelszone auf 1816 Metern Höhe, in der sich alpine Architektur mit Duty-Free-Schildern mischt, die an einen Flughafen erinnern. Die Gemeinde mit 7000 Einwohnern vereint Massentourismus mit Elite-Tourismus und dient als Leistungszentrum des italienischen Olympischen Komitees.
Die Höhenlage macht Livigno ideal für Höhentrainingslager. Ein bemerkenswertes Detail: 50 Prozent der italienischen Medaillen bei den Sommerspielen in Paris wurden dort vorbereitet – dank Schwimmhalle, 400-Meter-Bahn und weiterer Einrichtungen.
Der Tourismusverband organisierte für die Journalisten diverse Abendveranstaltungen: ein Abendessen oberhalb der Ortschaft, zu dem die Gäste mit Skidoos und Pistenräumgeräten transportiert wurden, oder Treffen in der örtlichen Therme.
Der komplexe Akkreditierungsprozess
Spontane Teilnahme an Olympischen Spielen ist praktisch unmöglich. Der Akkreditierungsprozess startet etwa ein Jahr vor den Spielen. Das IOC definiert zunächst Kontingente für Kontinente, dann für einzelne Länder. Das jeweilige Nationale Olympische Komitee verteilt anschließend die zugewiesenen Akkreditierungen. Dennoch gab es auch zwei Tage vor Beginn noch Anfragen – ein Zeichen dafür, wie begehrt die Teilnahme ist.
„In dem Moment, wenn es groß, mega und hochwertig wird, wird es auch kompliziert und vielschichtig", fasst Theiner die Realität olympischer Großveranstaltungen zusammen.
Fokus trotz olympischer Vielfalt
Interessanterweise verschwimmen während der intensiven Arbeit an einer Wettkampfstätte die Ereignisse an anderen Orten in den Hintergrund. Die sechs Goldmedaillen von Johannes Høsflot Klæbo wurden wahrgenommen, ebenso der Sturz von Lindsey Vonn. Doch die Konzentration auf die eigenen Aufgaben steht im Vordergrund. Zum Thema Vonn äußert sich Theiner diplomatisch: Das einzige Urteil, das zähle, sei das der Athletin selbst.
Weitere Projekte und olympische Zukunftspläne
Neben seiner Olympia-Tätigkeit hostet Theiner gemeinsam mit Tom Rottenberg den Podcast „Lauf, Alter!", der mittlerweile in die dritte Saison geht. Das Format behandelt Laufen, Bewegung und Gesundheit aus verschiedenen Perspektiven – mit Gästen von Spitzenathleten wie Julia Mayer und Andreas Vojta bis zu Experten wie Felix Weinstock, der über Schlaf referiert.
Mit 58 Jahren blickt Theiner auf mögliche künftige Einsätze. Die Sommerspiele 2028 in Los Angeles sind aufgrund der aktuellen Einreisebedingungen unsicher. Die Winterspiele 2030 in den französischen Alpen reizen ihn sehr. Für Salt Lake City 2034 wäre er 66 Jahre alt.
„Ich bin die ersten Olympischen Spiele mit dem gleichen Mindset angegangen wie jetzt meine elften, nämlich mich so einzubringen, dass ich mir danach beruflich keine Vorwürfe machen brauche und dass ich emotional wirklich alles mitnehme, was ich mitnehmen kann", beschreibt Theiner seine Philosophie. Er ist sich bewusst, dass jüngere Talente nachdrängen – nicht unbedingt motivierter, aber möglicherweise ausdauerfähiger. Die Motivation bleibt dennoch ungebrochen.








