Liebe Leserinnen und Leser,

drei Rückzüge, drei unterschiedliche Motive – und doch verbindet sie eine gemeinsame Erkenntnis: Manchmal ist der klügste Schachzug, nicht weiter zu ziehen. BASF gibt für 2026 eine Prognose ab, die eher nach Durchhalten als nach Aufbruch klingt. Netflix steigt aus dem Bieterkampf um Warner Bros aus, obwohl der Deal greifbar nah schien. Und Bitcoin? Rutscht unter 68.000 Dollar und steuert auf den fünften Monatsverlust in Folge zu. Was auf den ersten Blick wie Schwäche aussieht, könnte sich als strategische Besonnenheit erweisen – oder als Vorbote schwierigerer Zeiten.

BASF: Keine Entwarnung in Ludwigshafen

Der Chemiekonzern aus Ludwigshafen legt die Karten auf den Tisch – und die Börse reagiert verhalten. Für 2026 peilt BASF ein bereinigtes EBITDA zwischen 6,2 und 7,0 Milliarden Euro an. In der Mitte der Spanne entspricht das exakt dem Vorjahreswert von 6,6 Milliarden Euro. Anders formuliert: BASF traut sich weder Wachstum noch Rückgang zu, sondern navigiert auf Sicht.

Die Gründe liegen auf der Hand. 2025 schrumpfte der Umsatz um knapp drei Prozent auf 59,7 Milliarden Euro – nicht wegen fehlender Nachfrage, sondern wegen sinkender Verkaufspreise und negativer Währungseffekte. Besonders dramatisch: Das Chemie-Segment, einst Herzstück des Konzerns, erwirtschaftete im vierten Quartal ein EBITDA von minus einem Million Euro. Praktisch null.

Finanzchef Dirk Elvermann versucht dennoch, Zuversicht zu verbreiten. Bis Ende 2026 sollen die jährlichen Kosteneinsparungen auf 2,3 Milliarden Euro steigen – 200 Millionen mehr als ursprünglich geplant. Bereits 4.800 Stellen wurden abgebaut, etwa die Hälfte davon in Deutschland. Die Dividende bleibt bei 2,25 Euro je Aktie stabil, was angesichts des mageren Free Cashflows von 1,34 Milliarden Euro fast schon großzügig wirkt.

CEO Markus Kamieth formuliert es diplomatisch: „Aus heutiger Sicht rechnen wir kurzfristig weder mit einer nennenswerten Markterholung noch mit einer deutlichen Entspannung der geopolitischen Lage." Übersetzt: Die Chemiebranche bleibt im Wartemodus. Die BASF-Aktie verliert am Freitag zeitweise über zwei Prozent – kein Vertrauensbeweis.

Netflix zieht sich zurück – und gewinnt

Während BASF sich durchwurschtelt, vollzieht Netflix einen strategischen Rückzug, der paradoxerweise wie ein Sieg aussieht. Der Streaming-Gigant gibt bekannt, sein Angebot für Warner Bros Discovery nicht zu erhöhen. Paramount Skydance hatte das Gebot auf 31 Dollar pro Aktie angehoben und damit rund 111 Milliarden Dollar für den gesamten Konzern geboten – inklusive CNN und der TV-Sparte. Netflix' ursprüngliches Angebot von 83 Milliarden Dollar bezog sich nur auf Studios und Streaming, ohne die Sender.

„Zu dem Preis, der erforderlich wäre, um das jüngste Angebot von Paramount zu erreichen, ist der Deal finanziell nicht mehr attraktiv", erklären Co-CEOs Ted Sarandos und Greg Peters. Eine bemerkenswert nüchterne Ansage – und die Börse liebt sie. Die Netflix-Aktie schießt nachbörslich um über 8,5 Prozent nach oben auf 91,79 Dollar.

Warum dieser Jubel? Netflix beweist Disziplin. Statt in einen Bieterwettlauf zu verfallen, der die Bilanz strapaziert hätte, konzentriert sich das Unternehmen auf organisches Wachstum. Zudem kündigte Netflix die Wiederaufnahme eines Aktienrückkaufprogramms an – ein klares Signal an Investoren, dass man lieber Kapital an Aktionäre zurückgibt, als es in teure Übernahmen zu stecken.

Für Paramount und die Familie Ellison bedeutet der Netflix-Rückzug freie Bahn. Larry Ellisons Sohn David, der Paramount führt, kann nun Warner Bros übernehmen und damit Gewicht in Hollywood gewinnen. Allerdings wartet noch die Wettbewerbsprüfung – und die dürfte angesichts der Marktkonzentration nicht trivial werden. Die Vertragsstrafe von 2,8 Milliarden Dollar, die Warner an Netflix zahlen müsste, übernimmt Paramount. Ein teurer Eintritt in den Kreis der ganz Großen.

Bitcoin: Fünfter Monatsverlust in Folge

Während Netflix strategisch agiert, taumelt Bitcoin weiter. Die weltweit größte Kryptowährung fällt am Freitag unter 68.000 Dollar und steuert auf einen Monatsverlust von rund 14 Prozent zu. Seit Oktober – dem Monat des Allzeithochs – geht es bergab. Fünf Monate in Folge Verluste – ein Muster, das zuletzt während des Bärenmarkts nach dem ICO-Boom 2018 zu beobachten war.

Die Gründe sind vielschichtig. Geopolitische Unsicherheiten, Zollängste unter der Trump-Regierung und eine generelle Risikoscheu halten institutionelle und private Anleger fern. Spot-Bitcoin-ETFs verzeichnen den vierten Monat in Folge Nettoabflüsse. Selbst Strategy, der größte Corporate Holder von Bitcoin, hat das Kauftempo gedrosselt – ein Signal, das Beobachter nervös macht. Gerüchte, das Unternehmen könnte gezwungen sein, Bitcoin zu verkaufen, um Schulden zu bedienen, belasten zusätzlich.

Der Crypto Fear & Greed Index notiert im Bereich „extremer Angst" – paradoxerweise oft ein Kontraindikator. Langfristige Investoren, die sogenannten „Wale", haben zuletzt wieder zugekauft. Charttechnisch gilt Bitcoin als überverkauft. Doch kurzfristig bleibt die Lage fragil. Ethereum verliert parallel 1,2 Prozent auf 2.038 Dollar und büßt im Februar rund 17 Prozent ein. XRP, BNB und Solana zeigen ähnliche Schwäche.

Die Krypto-Märkte durchlaufen eine Vertrauenskrise. Ohne frische Impulse – sei es durch regulatorische Klarheit, makroökonomische Entspannung oder neue Anwendungsfälle – dürfte die Seitwärtsbewegung anhalten.

Europa entdeckt sich neu

Abseits dieser drei Rückzüge gibt es auch Lichtblicke. Europäische Aktien erleben eine Renaissance. Der DAX notiert am Freitag rund 0,3 Prozent höher bei 25.354 Punkten, dem Rekordhoch vom Januar nur noch knapp 150 Punkte entfernt. Der Euro Stoxx 50 erreichte bereits am Vortag ein neues Allzeithoch.

Analysten sprechen vom „Halo-Trade" – Heavy Assets, Low Obsolescence. Gemeint sind Unternehmen mit physischer Infrastruktur, die nicht durch KI-Agenten ersetzt werden können: Versorger, Industriekonzerne, Infrastrukturbetreiber. Während die Tech-Euphorie in den USA bröckelt – Nvidia verlor trotz starker Zahlen über fünf Prozent –, profitieren europäische Substanzwerte. Siemens Energy steigt trotz Dividendenabschlag um zwei Prozent. Swiss Re meldet einen Rekordgewinn von 4,8 Milliarden Dollar und hebt die Dividende an.

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Die Bewertungsabschläge europäischer Aktien gegenüber den USA haben sich zwar verringert, liegen aber immer noch unter historischen Durchschnitten. Dividendenrenditen sind in Europa deutlich höher – ein Polster gegen Volatilität. Das deutsche Fiskalpaket zeigt erste Wirkung, die Arbeitslosenquote bleibt bei 6,3 Prozent stabil. Noch ist Vorsicht geboten – die US-Zollpolitik bleibt unberechenbar –, doch die Rotation von Growth zu Value ist in vollem Gange.

Was die nächsten Tage bringen

Die kommende Woche startet mit Inflationsdaten aus Deutschland – heute Nachmittag werden die Februar-Zahlen erwartet. In Wien sollen ab Montag die technischen Gespräche zwischen den USA und dem Iran fortgesetzt werden, nachdem die Verhandlungen in Genf ohne Durchbruch endeten. Und in China beginnen die „Two Sessions", bei denen die Regierung Wirtschaftsziele und Politikmaßnahmen für 2026 festlegen wird.

Vorsicht ist derzeit keine Schwäche, sondern Pragmatismus. BASF wartet auf bessere Zeiten, Netflix spart sich teure Experimente, Bitcoin sucht nach einem Boden. Wer jetzt investiert, sollte weniger auf schnelle Gewinne als auf Substanz setzen. Europa bietet dafür gerade interessante Gelegenheiten.

Einen besonnenen Start ins Wochenende wünscht Ihnen

Andreas Sommer