Liebe Leserinnen und Leser,

200 Milliarden Dollar – diese Summe will Amazon allein in diesem Jahr in KI, Chips und Satelliten pumpen. Zum Vergleich: Das entspricht in etwa dem gesamten Bruttoinlandsprodukt Griechenlands. Doch statt Applaus gab es einen Kurssturz von über zehn Prozent im nachbörslichen Handel. Gleichzeitig zeigt sich bei Novo Nordisk, wie brutal der Preiskampf um Blockbuster-Medikamente werden kann, während Stellantis mit einer 22-Milliarden-Euro-Abschreibung die Kehrtwende in der E-Mobilität besiegelt. Willkommen an einem Freitag, an dem die Märkte eine klare Botschaft senden: Geld ausgeben allein reicht nicht mehr – es muss sich auch rechnen.

Amazon schockt mit KI-Investitionsoffensive – Anleger fliehen

Der Handelsriese aus Seattle hat am Donnerstagabend seine Zahlen vorgelegt und dabei die Erwartungen beim Umsatz leicht übertroffen: 213,4 Milliarden Dollar im vierten Quartal, ein Plus von 14 Prozent. Die Cloud-Sparte AWS wuchs um starke 24 Prozent auf 35,6 Milliarden Dollar – das stärkste Wachstum seit 13 Quartalen. Doch all das wurde überschattet von einer Zahl, die Investoren die Sprache verschlug: Amazon plant für 2026 Investitionsausgaben von 200 Milliarden Dollar, ein Anstieg von über 50 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Das Problem: Diese Summe übersteigt sogar den operativen Cashflow des Unternehmens. CEO Andy Jassy verteidigte die Ausgaben als langfristig profitabel und betonte, der Großteil fließe in den Aufbau von KI-Infrastruktur. Doch die Anleger wollen Ergebnisse sehen – und zwar schnell. „Der Markt verlangt Antworten, ob sich diese Investitionen in Quartalen oder Epochen auszahlen", kommentierte Stephen Innes von SPI Asset Management treffend. Goldman Sachs senkte das Kursziel von 300 auf 280 Dollar, hält aber an der Kaufempfehlung fest. Im vorbörslichen Handel verlor die Aktie zeitweise bis zu 15 Prozent.

Damit reiht sich Amazon in eine Serie enttäuschender Reaktionen auf Tech-Investitionen ein: Alphabet hatte zuvor Ausgaben von bis zu 185 Milliarden Dollar angekündigt, Meta peilt 135 Milliarden an. Die vier großen Hyperscaler – Amazon, Microsoft, Google und Meta – werden 2026 zusammen über 630 Milliarden Dollar investieren. Die Frage, die sich Anleger stellen: Wann kommt der Return on Investment?

Novo Nordisk atmet auf – FDA stoppt Wegovy-Kopien

Nach dem dramatischen Kurseinbruch zur Wochenmitte, als der dänische Pharmakonzern mit einer enttäuschenden Prognose schockte, gab es am Freitag Entwarnung: Die Aktie erholte sich um über fünf Prozent auf 295,60 dänische Kronen. Der Grund: Die US-Arzneimittelbehörde FDA kündigte an, gegen illegale Kopien des Abnehmmittels Wegovy vorzugehen.

Hintergrund war die Ankündigung des Telemedizin-Unternehmens Hims & Hers, eine Wegovy-Nachahmer-Pille für nur 49 Dollar im Monat auf den Markt zu bringen – rund 100 Dollar günstiger als das Original. Novo Nordisk reagierte scharf und sprach von „illegaler, massenweiser Zusammenstellung des Mittels, die ein erhebliches Risiko für die Patientensicherheit darstellt". Die FDA-Intervention ist zunächst positiv für den Konzern, allerdings bleibt unklar, ob die Behörde nur gegen Pillen-Kopien oder auch gegen Spritzen-Nachahmungen vorgehen wird.

Parallel dazu startete US-Präsident Trump sein Portal TrumpRx, über das Amerikaner vergünstigt an Medikamente kommen sollen – darunter auch Wegovy und das Konkurrenzprodukt Zepbound von Eli Lilly. Die Preise liegen deutlich unter den Listenpreisen, allerdings profitieren hauptsächlich die rund 27 Millionen unversicherten Amerikaner davon. Analysten sehen den Effekt auf die Gesamtumsätze als begrenzt an. Dennoch: Novo Nordisk hatte diese Woche gewarnt, dass niedrigere Preise – auch durch das Meistbegünstigungsabkommen mit dem Weißen Haus – die Erlöse 2026 stärker als erwartet belasten werden.

Stellantis schreibt 22 Milliarden ab – E-Auto-Wende wird teuer

Der Fiat- und Chrysler-Mutterkonzern Stellantis hat am Freitag die Märkte erschüttert: Die Aktie brach um ein Fünftel auf ein Rekordtief von 6,40 Euro ein. Der Grund: massive Abschreibungen von 22,2 Milliarden Euro im Zusammenhang mit der Abkehr von Elektrofahrzeugen. Damit folgt Stellantis einem Trend, den auch Ford im Dezember mit 19,5 Milliarden Dollar Belastungen eingeschlagen hat.

Die Kehrtwende kommt nicht überraschend: Schwächere Nachfrage nach E-Autos in den USA und regulatorische Änderungen haben mehrere Autobauer dazu veranlasst, ihre Elektromobilitäts-Ambitionen zurückzufahren. Um Geld im Haus zu halten, wird Stellantis wohl die Dividende streichen. Der gesamte europäische Autosektor geriet unter Druck: Mercedes-Benz, BMW und VW verloren im DAX bis zu zwei Prozent, der Stoxx Europe 600 Automobiles & Parts war mit minus drei Prozent das Schlusslicht im Branchentableau.

Für deutsche Anleger ist das ein Warnschuss: Die E-Auto-Revolution verläuft holpriger als gedacht, und selbst Großkonzerne müssen Milliarden abschreiben, wenn sich Markterwartungen nicht erfüllen. VW hatte zuletzt zwar mit der US-Gewerkschaft UAW eine Lohnerhöhung von 20 Prozent über vier Jahre vereinbart, doch auch hier bleibt die Frage, wie profitabel das E-Auto-Geschäft mittelfristig sein wird.

Bayer punktet mit Asundexian-Daten – Analysten sehen Blockbuster-Potenzial

Während andere kämpfen, gibt es bei Bayer Grund zur Hoffnung: Der Pharmakonzern hat detaillierte Studiendaten zu seinem Medikamentenkandidaten Asundexian vorgelegt, und die Reaktionen sind durchweg positiv. Die zulassungsrelevante Studie Oceanic Stroke mit über 12.300 Teilnehmern zeigte, dass der Gerinnungshemmer das Risiko eines wiederkehrenden Schlaganfalls um 26 Prozent senkt – ohne erhöhtes Blutungsrisiko.

JPMorgan-Analyst Richard Vosser hatte bisher mit einem Jahresspitzenumsatz von 1,4 Milliarden Euro nach 2035 gerechnet, sieht nun aber „Luft nach oben". UBS-Analyst Matthew Weston taxiert das Marktpotenzial auf 1,5 Milliarden Dollar bei einer Erfolgswahrscheinlichkeit von 80 Prozent. Die Bayer-Aktie legte am Freitag zeitweise um über vier Prozent zu und näherte sich dem Zwischenhoch von Ende Januar bei 46,74 Euro.

Das ist bitter nötig: Bayer kämpft seit Jahren mit den Altlasten der Monsanto-Übernahme und den Glyphosat-Klagen in den USA. Gleichzeitig droht eine Patentklippe bei den Kassenschlagern Xarelto und Eylea. Asundexian könnte – neben anderen Pipeline-Kandidaten – helfen, diese Lücke zu schließen. Weltweit erleiden rund 12 Millionen Menschen pro Jahr einen Schlaganfall, jeder Fünfte erleidet binnen fünf Jahren einen weiteren. Der Markt ist also riesig.

Siemens und Stadler holen Milliarden-Auftrag aus Dänemark

Gute Nachrichten auch aus der Bahnindustrie: Siemens Mobility und der Schweizer Konzern Stadler haben von den Dänischen Staatsbahnen den Auftrag zur Lieferung von 226 vollautomatisierten S-Bahnen erhalten. Das Gesamtvolumen: rund drei Milliarden Euro, mit einer Option auf bis zu 100 weitere Züge. Die Siemens-Aktie legte im XETRA-Handel um 0,61 Prozent zu, Stadler gewann 2,05 Prozent.

Die ersten Züge sollen ab 2032 in Betrieb gehen, weitere folgen bis 2040. Zum Auftrag gehört ein Service- und Wartungskonzept mit über 30 Jahren Laufzeit. Siemens-Mobility-CEO Michael Peter sprach vom „weltweit größten offenen Bahnsystem mit automatisiertem Zugbetrieb". Für die Kopenhagener S-Bahn bedeutet das: deutlich höhere Taktfrequenz, Kapazitäten für rund zehn Millionen zusätzliche Fahrten pro Jahr und teilweise nur noch eineinhalb Minuten Abstand zwischen den Zügen in der Hauptverkehrszeit.

Für Siemens ist es ein wichtiger Erfolg in einem umkämpften Markt. Der Konzern liefert nicht nur die Züge, sondern modernisiert bereits das S-Bahn-Netz mit neuester Signaltechnik für vollautomatischen Betrieb bis 2033. Solche Langfristverträge mit Wartungskomponenten sind für Industriekonzerne Gold wert – sie bringen planbare Umsätze über Jahrzehnte.

Ausblick: Nervöse Märkte warten auf Klarheit

Die Woche endet mit gemischten Signalen: Technologiewerte bleiben unter Druck, der Software-Sektor hat seit Ende Januar rund eine Billion Dollar an Marktwert verloren. Der S&P 500 ist ins Minus für das Jahr gerutscht, und selbst Bitcoin testete am Freitag kurzzeitig die 60.000-Dollar-Marke, bevor eine leichte Erholung einsetzte. Die Frage, die alle umtreibt: Wann zahlen sich die massiven KI-Investitionen aus?

Nächste Woche wird spannend: Der ursprünglich für heute geplante US-Arbeitsmarktbericht wurde wegen des kurzzeitigen Government Shutdowns auf Mittwoch verschoben. Zudem mehren sich die Anzeichen, dass die Fed unter Druck gerät – die Layoff-Zahlen im Januar waren die höchsten für diesen Monat seit 17 Jahren. Die Märkte preisen inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von über 20 Prozent für eine Zinssenkung im März ein, verglichen mit nur 9 Prozent vor einer Woche.

Für deutsche Anleger bleibt die Devise: Wachsam bleiben, Diversifikation ernst nehmen und nicht jeder Investitionsstory blind vertrauen. Amazon zeigt gerade, dass selbst solide Quartalszahlen nichts nützen, wenn die Ausgabenpläne die Phantasie der Anleger überfordern.

In diesem Sinne: Einen erfolgreichen Start ins Wochenende und bis Montag!

Beste Grüße
Andreas Sommer