Liebe Leserinnen und Leser,

drei Schlagzeilen, eine Botschaft: Die europäischen Märkte starten mit unerwarteter Dynamik ins neue Jahr – doch die Treiber könnten unterschiedlicher kaum sein. Während klassische Dividendenwerte wie Allianz mit soliden Fundamentaldaten punkten, erlebt die Rüstungsindustrie nach dem US-Militäreinsatz in Venezuela einen regelrechten Kursrausch. Und mittendrin: ASML, der niederländische Chipausrüster, der nach monatelanger Schwäche plötzlich wieder zum Analystenliebling wird. Was diese drei Entwicklungen verbindet und warum gerade heute deutsche Anleger genau hinschauen sollten – ein Überblick über einen bemerkenswerten Handelstag.

Allianz: Solide Dividendenstory mit Potenzial nach oben

Der Münchener Versicherungsriese zeigt sich zum Jahresauftakt erstaunlich robust. Mit einem Plus von über 30 Prozent im vergangenen Jahr gehört die Allianz-Aktie zu den Top-Performern im DAX – und das, obwohl sie sich aktuell in einer Konsolidierungsphase befindet. Der Kurs pendelt um 387 Euro, das 52-Wochen-Hoch liegt nur knapp darüber.

Was die Aktie besonders für Einkommensinvestoren attraktiv macht: Analysten erwarten für 2026 eine Dividende von voraussichtlich 16,80 Euro je Aktie. Das entspricht einer Dividendenrendite von rund 4,3 Prozent – in Zeiten sinkender Zinsen ein überzeugendes Argument. Besonders bemerkenswert: Basierend auf den angekündigten Geschäftszielen mit einem operativen Ergebnis zwischen 17 und 17,5 Milliarden Euro könnte die Ausschüttung sogar noch um 0,30 bis 0,50 Euro steigen.

Die Bewertung gibt ebenfalls wenig Grund zur Sorge. Mit einem KGV von 12,47 und einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von 0,84 – Werte unter 1,0 gelten als Unterbewertungssignal – erscheint die Allianz angesichts ihrer stabilen Marktposition fair bis günstig bewertet. Für konservative Anleger, die auf verlässliche Dividendenströme setzen, bleibt der Versicherungskonzern damit eine solide Basisposition.

ASML: Vom Sorgenkind zum Hoffnungsträger

Ein ganz anderes Bild bei ASML: Die Aktie des niederländischen Chipausrüsters schoss heute um fast vier Prozent auf ein neues Rekordhoch von über 1.024 Euro. Der Auslöser: Eine Hochstufung durch Bernstein Research von "Market-Perform" auf "Outperform" bei gleichzeitiger Anhebung des Kursziels von 800 auf 1.300 Euro – ein Aufwärtspotenzial von rund 27 Prozent.

Analyst David Dai sieht ASML als seinen europäischen Halbleiter-Favoriten für 2026. Seine Argumentation: Der Maschinenbauer profitiert überproportional vom erwarteten DRAM-Superzyklus. Die drei größten DRAM-Hersteller planen für dieses Jahr kollektiv den Aufbau von bis zu 250.000 Wafern pro Monat an neuer Produktionskapazität – und beschleunigen gleichzeitig den Übergang zur 1c-Technologie, die 28 Prozent mehr Lithografie-Intensität erfordert als bisherige Nodes.

Hinzu kommt die Nachfrage aus dem Logic-Segment: Auftragsfertiger wie TSMC bauen ihre Kapazitäten für 3-Nanometer-Chips massiv aus, um die KI-Nachfrage zu bedienen. Diese Chips haben die höchste Lithografie-Intensität und werden in den kommenden zwei Jahren die meisten GPUs und KI-Beschleuniger antreiben.

Im Kielwasser von ASML legte auch die Aixtron-Aktie um 4,4 Prozent zu und erreichte ein Hoch seit August 2024. Der deutsche Chipindustrie-Ausrüster profitiert vom langfristigen Geschäftspotenzial durch neue Energiearchitekturen für stromhungrige KI-Rechenzentren.

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Rüstungsaktien: Venezuela als Brandbeschleuniger

Der spektakulärste Gewinner des Tages ist jedoch ein ganz anderer Sektor: Rüstungsaktien erlebten eine regelrechte Kursexplosion. Rheinmetall schossen an der DAX-Spitze um fast sieben Prozent in die Höhe, im MDAX kletterten RENK um knapp sieben und Hensoldt um fast acht Prozent. Auch europaweit zogen Verteidigungswerte kräftig an: Dassault Aviation plus 4,4 Prozent, Thales plus 3,3 Prozent, Leonardo in Mailand plus sechs Prozent.

Der Auslöser: Die US-Militärintervention in Venezuela, bei der Präsident Nicolás Maduro festgenommen und außer Landes gebracht wurde, sowie Donald Trumps anschließende Drohungen gegen Kolumbien und Kuba haben die geopolitischen Spannungen schlagartig erhöht. Bernstein-Analyst Douglas Harned bringt es auf den Punkt: "Fast immer, wenn die Gefahr militärischer Maßnahmen zunimmt, steigen die Rüstungsausgaben – was zu positiven Trends für Verteidigungsaktien führt."

Konkret erhielt Rheinmetall heute einen Großauftrag der Bundeswehr über mehrere hundert Millionen Euro für zusätzliche Munition des Kalibers 30 Millimeter für den Schützenpanzer Puma. Erst kürzlich hatte die Bundeswehr KNDS und Rheinmetall mit der Lieferung von 200 zusätzlichen Puma-Schützenpanzern beauftragt.

Damit holen die Rüstungswerte ihre Verluste des vierten Quartals weiter auf. Damals hatten viele Anleger Gewinne mitgenommen – auch in der Hoffnung auf ein mögliches Ende des Ukraine-Kriegs. Diese Hoffnungen haben sich nicht bewahrheitet, und mit der neuen Eskalation in Lateinamerika rückt das Thema Verteidigungsausgaben wieder in den Fokus.

DAX auf Rekordhoch – doch die Breite fehlt

Der DAX selbst kletterte heute um bis zu 1,2 Prozent auf ein neues Allzeithoch von 24.825 Punkten, getragen von Hoffnungen auf eine Belebung der deutschen Wirtschaft durch Infrastruktur- und Rüstungsmilliarden sowie weniger Bürokratie unter einer möglichen Regierung Merz. Doch Analyst Frank Sohlleder von ActivTrades warnt: "Die Marktdynamik bleibt vorerst fragil, da das Handelsvolumen nach den Feiertagen erst allmählich wieder anzieht."

Tatsächlich konzentrieren sich die Gewinne auf wenige Sektoren. Während Rüstung, Technologie und Automobilwerte zulegen, gerieten andere Branchen unter Druck. Besonders auffällig: Rückversicherer wie Munich Re und Swiss Re gaben deutlich nach – Munich Re minus 1,2 Prozent, Swiss Re sogar minus 3,5 Prozent. Analysten verweisen auf zunehmenden Preisdruck bei der Januar-Vertragserneuerungsrunde, bei der die Preise für Policen neu verhandelt werden.

Was diese Woche noch kommt

In den kommenden Tagen dürften vor allem drei Themen die Märkte bewegen: Erstens die weitere Entwicklung in Venezuela und mögliche Reaktionen Russlands und Chinas. Zweitens die Berichtssaison, die langsam Fahrt aufnimmt – Amazon und Microsoft melden Ende Januar ihre Quartalszahlen. Und drittens die Konjunkturdaten: Am Nachmittag wird der ISM-Index für das verarbeitende Gewerbe in den USA erwartet, der wichtige Hinweise auf die Verfassung der Industrie liefern wird.

Eines zeigt sich bereits heute deutlich: 2026 wird kein Jahr der eindeutigen Trends. Stattdessen müssen Anleger genau differenzieren – zwischen soliden Dividendenzahlern wie Allianz, Technologiewerten mit Erholungspotenzial wie ASML und zyklischen Profiteuren geopolitischer Spannungen wie Rheinmetall. Wer breit diversifiziert bleibt und die Bewertungen im Blick behält, sollte auch in diesem volatilen Umfeld Chancen finden.

Einen erfolgreichen Start in die Handelswoche wünscht Ihnen

Andreas Sommer