Adobe gerät im KI-Zeitalter zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Der einstige Premiumwert im Kreativsoftware-Segment wird an der Börse inzwischen wie ein klassischer „Value-Titel“ bepreist. Hintergrund sind wachsende Zweifel daran, ob das abonnementbasierte Geschäftsmodell im Wettbewerb mit neuen KI-Tools seine frühere Dominanz behaupten kann.

Software unter KI-Stress

Im gesamten Softwaresektor tobt eine Grundsatzdebatte: Können etablierte Abo-Anbieter ihre Machtposition halten, wenn KI-Werkzeuge Arbeitsabläufe und Preismodelle durcheinanderbringen? Adobe steht dabei exemplarisch im Fokus, weil gerade kreative Anwendungen besonders stark von generativer KI betroffen sind.

Der Aktienkurs spiegelt diese Unsicherheit wider. Nach einem deutlichen Rückgang in den vergangenen Wochen notiert die Aktie mit rund 302 US‑Dollar aktuell deutlich unter ihrem 52‑Wochen-Hoch und liegt seit Jahresanfang im Minus. Anleger stellen sich die Frage, ob der Markt hier übertreibt oder ob die Skepsis gegenüber klassischen Softwareabos berechtigt ist – und genau an diesem Punkt scheiden sich die Geister.

Fundamental hat sich das Bild weniger stark eingetrübt, als der Kurs vermuten lässt. Zwar summiert sich der Rückgang über die vergangenen zwölf Monate auf deutlich über 20 %, zugleich liegt die Aktie aber noch spürbar über dem jüngsten 52‑Wochen-Tief. Das deutet eher auf anhaltenden Bewertungsdruck als auf einen kompletten Vertrauensverlust hin.

Gemischte Signale von Großinvestoren

Auf der Eigentümerseite zeigt sich ein differenziertes Bild. Laut aktuellen Meldungen passen institutionelle Investoren ihre Positionen an: Einige Adressen wie Callahan Advisors LLC haben zuletzt zugekauft, andere reduzieren Engagements. In den vergangenen zwei Jahren kauften Institutionelle insgesamt rund 77,5 Millionen Aktien im Volumen von etwa 30,8 Milliarden US‑Dollar, gleichzeitig wurden aber auch 57,8 Millionen Aktien wieder abgegeben.

Die größten Investoren bleiben an Bord. Die Vanguard Group hält knapp 10 % der ausstehenden Aktien, ein weiterer großer institutioneller Investor kommt auf 9,7 %. Dass zentrale Ankeraktionäre ihre Positionen nicht grundsätzlich in Frage stellen, verschafft dem Titel Rückenwind – ändert aber nichts daran, dass die Bewertung neu verhandelt wird.

Bewertung: „Deep Value“ oder neue Normalität?

Die zentrale Kontroverse dreht sich inzwischen um die Frage der angemessenen Bewertung. Durch den Kursrückgang ist Adobe auf Bewertungsniveaus gefallen, die der Markt dem Konzern seit Jahren nicht mehr zugestanden hat. Das Unternehmen wird aktuell mit einem Forward-KGV deutlich unter dem Sektor-Durchschnitt der Softwarebranche gehandelt.

Noch deutlicher wird der Abschlag, wenn man auf die Schätzungen einzelner Analystenmodelle blickt. Diskontierte Cashflow-Bewertungen kommen auf einen fairen Wert von rund 532 US‑Dollar je Aktie – daraus ergäbe sich ein hoher Aufschlag gegenüber dem aktuellen Kurs. Auf Basis von prognostizierten, bereinigten Gewinnen und dem freien Cashflow sprechen manche Beobachter daher von „Deep-Value-Terrain“.

Doch es gibt eine Gegenposition: Skeptiker erinnern daran, dass günstig bewertete Softwaretitel in einem strukturell veränderten Umfeld lange Zeit „günstig“ bleiben können. Der Baird-Analyst Rob Oliver bleibt deshalb bei einer neutralen Einstufung. Seine Einschätzung: Adobe könnte mit seiner Strategie zur KI-Monetarisierung langfristig richtigliegen, doch solange sich das nicht klar in einem beschleunigten Umsatzwachstum zeigt, wird der Markt diese Fantasie vermutlich nur zögerlich einpreisen.

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Auch der Blick auf die Konsensschätzungen unterstreicht die Spaltung an der Wall Street. Das durchschnittliche Kursziel liegt bei gut 450 US‑Dollar und signalisiert damit einen zweistelligen prozentualen Aufschlag zum aktuellen Niveau. Gleichzeitig wurden die Ziele in den vergangenen Monaten sukzessive nach unten angepasst:

  • Jefferies reduzierte das Kursziel von 590 auf 500 US‑Dollar
  • Morgan Stanley senkte von 450 auf 425 US‑Dollar
  • TD Cowen nahm das Ziel von 420 auf 400 US‑Dollar zurück
  • Oppenheimer stufte von „Outperform“ auf „Perform“ ab

Die Botschaft: Langfristig sehen viele Experten noch erhebliches Potenzial, zugleich schwindet die Bereitschaft, hohe Prämien für unsichere KI-Erwartungen zu bezahlen.

KI-Monetarisierung im Fokus

Operativ versucht Adobe, seine starke Marktposition in die KI-Welt zu übertragen. Das Management betont, dass KI-beeinflusste, wiederkehrende Umsätze inzwischen etwa ein Drittel des Geschäfts ausmachen. KI-bezogene Erlöse liegen bereits bei über 250 Millionen US‑Dollar, was zeigt, dass die Technologie nicht nur ein Marketingthema ist, sondern tatsächlich Erträge generiert.

Für das laufende Geschäftsjahr 2026 peilt Adobe einen bereinigten Gewinn je Aktie von 23,30 bis 23,50 US‑Dollar an. Für das erste Quartal stellt das Unternehmen 5,85 bis 5,90 US‑Dollar in Aussicht. Diese Spanne deutet auf eine weiterhin solide Profitabilität hin, auch wenn der Markt stärker auf die Wachstumsdynamik als auf die aktuelle Marge schaut.

Der Blick zurück auf das vergangene Geschäftsjahr 2025 zeigt zudem, dass das Kerngeschäft noch stabil läuft:

  • Rund 22,9 Milliarden US‑Dollar der insgesamt 23,8 Milliarden US‑Dollar Umsatz stammten aus Abonnements
  • Damit generiert Adobe etwa 96 % der Erlöse aus wiederkehrenden Einnahmen
  • Die annualisierte Umsatzrate lag zum Jahresende bei 25,2 Milliarden US‑Dollar, ein Plus von 11,5 % gegenüber dem Vorjahr

Damit liefert das Unternehmen weiterhin zweistellige Wachstumsraten und ein hoch planbares Geschäftsmodell – genau diese Kombination wurde in der Vergangenheit allerdings deutlich höher bewertet als heute.

Konkurrenzdruck durch KI-Native

Die größte Sorge des Marktes ist weniger der Ist-Zustand, sondern das, was noch kommen könnte. Neue, KI-native Wettbewerber und Tools ermöglichen es inzwischen auch weniger versierten Nutzern, Inhalte zu erstellen, für die früher professionelle Software und umfangreiche Kenntnisse nötig waren. Das stellt den Preissetzungsspielraum und die Bindungskraft klassischer Kreativ-Suiten grundsätzlich in Frage.

Besonders im Blick: Canva. Dessen Analystentag im April gilt als wichtiger Stimmungstest dafür, wie ernst die Bedrohung durch alternative Kreativplattformen einzuschätzen ist. Sollte der Anbieter kräftige Wachstums- und Produktinitiativen präsentieren, könnte das den Wettbewerbsdruck im Premiumsegment weiter verschärfen.

Adobe reagiert mit eigenen Initiativen. Eine im Dezember 2025 angekündigte Partnerschaft mit Runway soll die nächste Generation von KI-Video-Funktionen in das Produktportfolio bringen. Parallel dazu legte der Konzern ein Förderprogramm über 10 Millionen US‑Dollar für Kreative auf und präsentierte neue KI-Videofunktionen beim Sundance-Filmfestival, wo laut Unternehmensangaben rund 85 % der Filmemacher auf Adobe-Werkzeuge setzen. Die Botschaft an den Markt: Adobe will die KI-Welle nicht nur managen, sondern aktiv mitgestalten.

Fazit: Viel KI-Fantasie, Bewertungsabschlag bleibt

Unterm Strich prallen bei Adobe derzeit zwei Welten aufeinander: Ein weiterhin wachsendes, stark abonnementsgetriebenes Geschäftsmodell mit gut planbaren Cashflows und ein Kapitalmarkt, der die langfristigen Folgen des KI-Wandels deutlich kritischer einpreist. Die aktuelle Bewertung zeigt, dass Skepsis gegenüber klassischen Software-Premien höher gewichtet wird als die DCF-Modelle, die rechnerisch einen deutlichen Abschlag signalisieren.

In den kommenden Quartalen wird sich für Anleger vor allem an zwei Punkten entscheiden, wie sich der Kurs entwickelt: Erstens, ob Adobe mit konkreten Zahlen belegen kann, dass KI-Funktionen zusätzliche, messbare Umsätze und Margenbeiträge liefern. Zweitens, wie stark Canva und andere Wettbewerber beim anstehenden Analystentag und weiteren Produktvorstellungen ihren Anspruch untermauern, Adobe Marktanteile im Kreativsegment streitig zu machen.

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