„Wir gehen davon aus, dass eine Trendwende stattgefunden hat und Asien Hauptprofiteur sein wird“
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Wie geht es nach dem Comeback von Emerging Markets-Aktien im Vorjahr weiter, speziell mit Asien? Bleibt die Tendenz zu Umschichtungen aus US-Technologie-Titeln in Richtung asiatische Branchenkollegen aufrecht? Diese und andere Fragen beantwortet Leopold Quell, Fondsmanager im Team „Aktien, CEE & Global Emerging Markets“ von Raiffeisen im Interview.
BÖRSE EXPRESS: 2025 war ein starkes Jahr für Schwellenländeraktien, der globale MSCI EM Index stieg stärker als die Industrieländer und legte in US‑Dollar um 34 Prozent zu. In Euro gerechnet waren es rund 18 Prozent. Der Raiffeisen-Asia-Opportunities-ESG-Aktien performte gut, dennoch betrug das Plus für 2025 "nur" 12,1 Prozent. Was waren die Hauptfaktoren für die gute Performance des globalen Emerging Market Index und die Underperformance des Fonds?
LEOPOLD QUELL: Kapital war (und ist) extrem USA-lastig positioniert. Wir gehen davon aus, dass eine Trendwende stattgefunden hat und Asien ein Hauptprofiteur von Allokationsumschichtungen sein wird. Emerging Markets spielen realwirtschaftlich global eine enorme Rolle – bei Bevölkerung, Industrieproduktion, Rohstoffen, Devisenreserven – nur nicht an der Börse. Diese Diskrepanz beginnt sich zu schließen. Von diesem Paradigmenwechsel kann man als Investor in der Region über Jahre profitieren.
Der Raiffeisen-Asia-Opportunities ESG hat ASEAN-Länder überdurchschnittlich hoch gewichtet. Aus gutem Grund glauben wir doch an die attraktiven Chancen in Ländern wie Indonesien, Malaysia oder Thailand. 2025 jedoch wurden diese vom Kapitalmarkt eher stiefmütterlich behandelt, weshalb wird hinter dem erwähnten Index (der aber nicht unsere Benchmark ist) geblieben sind. Wir sehen dies aber sportlich und sind überzeugt, 2026 Outperformance zu erzielen.
BÖRSE EXPRESS: Wie sieht Ihr Ausblick für asiatische Schwellenländeraktien für 2026 aus - insbesondere auch zum Thema Bewertung - und wo liegen dabei die größten Risiken?
LEOPOLD QUELL: Die letzten 10–15 Jahre gehörten den USA – getrieben von Software, Plattformmodellen und expansiver Fiskalpolitik. Emerging Markets hingegen liefen hinterher. Wir sind der Meinung, dass wir vor einem strukturellen Wechsel stehen. Bewertungen in den Schwellenländern sind deutlich niedriger als in den entwickelten Märkten. Das ist aber nicht unser Hauptargument für einen Einstieg – trotzdem stellt es einen Puffer dar. Mit anderen Worten: Im Falle einer globalen Korrektur, kann aus Emerging Markets kaum Luft entweichen, weil die Bewertungen moderat sind. Generell gilt: die Weltwirtschaft wird multipolarer. Industrie, Produktion, Halbleiter, Infrastruktur – vieles davon liegt in Asien. Allerdings bleiben bekannte Risiken bestehen: Geopolitik, Währungsvolatilität, ein mögliches Abflachen der globalen Konjunktur und eine abrupt endende KI-Investitionswelle. Strukturell sehen wir Asien jedoch erstklassig positioniert.
BÖRSE EXPRESS: Auf welche Branchen setzen Sie Ihre Hoffnungen im laufenden Jahr bzw. womit begründen Sie diese Aussichten? Bleibt KI einziger Wachstumstreiber für Halbleiterproduzenten in Nordasien?
LEOPOLD QUELL: KI ist aktuell der sichtbarste Wachstumstreiber. Aber man muss verstehen: KI ist kein reines Software-Thema. In den letzten Wochen sahen wir eindrucksvoll, wie leistungsfähige Large Language Models - u.a. von Anthropic - plötzlich die Geschäftsmodelle klassischer Softwarefirmen infrage stellen. Software-Margen werden neu bewertet. Gleichzeitig passiert etwas anderes: Je stärker KI wird, desto wichtiger wird die physische Infrastruktur dahinter: Speicher, Foundries, Equipment, Substrate, Kühlung. KI kann Software ersetzen – aber sie kann keinen Chip herstellen. Sie kann kein HBM stacken. Sie kann keinen EUV-Scanner bauen. D.h. Hardware ist King. Und diese Hardwarehersteller/-zulieferer sitzen zu großen Teilen in Asien.
BÖRSE EXPRESS: Derzeit sind die Länder Taiwan, China, Südkorea und Indien sowie die Branchen IT und Finanzen im Raiffeisen-Asia-Opportunities-ESG-Aktien am stärksten gewichtet. Inwieweit ändert sich diese Gewichtung aufgrund Ihres Ausblicks?
LEOPOLD QUELL: Taiwan und Südkorea bleiben strategisch entscheidend, weil sie im Zentrum der globalen Hardware-Wertschöpfung stehen. China gewichten wir selektiv und differenziert. Indien bleibt struktureller Gewinner mit Reform- und Demografiedynamik. Wir rotieren nicht taktisch aufgrund kurzfristiger Marktbewegungen, sondern entlang langfristiger Strukturtrends. Und der strukturelle Trend lautet derzeit: Vom Software-Zyklus zum Infrastruktur-Zyklus.
BÖRSE EXPRESS: Der Raiffeisen-Asia-Opportunities-ESG-Aktien investiert nur in Unternehmen, die nach ESG-Kriterien eine Anlage rechtfertigen. Zwar werden sich die diesbezüglichen Bedingungen auch in Asien verbessert haben, doch mit welchen Herausforderungen muss man als Fondsmanager bei der Anwendung von ESG-Kriterien nach wie vor rechnen?
Aus dem europäischen Blickwinkel wird ESG in Asien aus unserer Sicht oftmals übertrieben herausfordernd beschrieben. Und ja, historisch waren Transparenz, Governance-Standards, Staatseinfluss oder Datenqualität teilweise unterdurchschnittlich. Mittlerweile sehen wir große Fortschritte. ESG und Emerging Markets sind absolut vereinbar! Dass wir z.B. keine Rüstungsaktien kaufen oder Öl-Unternehmen gänzlich vermeiden, hat uns 2025 Performance gekostet, aber wir stehen leidenschaftlich hinter dem Thema und sind überzeugt, dass unser Ansatz langfristig überlegen ist.
BÖRSE EXPRESS: Wie gehen Sie bei der Aktienauswahl nach ESG-Kriterien im Detail vor?
LEOPOLD QUELL: Unser Nachhaltigkeits-Ansatz entspricht Art. 8 SFDR und umfasst einen Beurteilungsprozess mit Mindestvorgaben. Die erste Säule basiert auf der Einschätzung von Zukunfts-Themen, wobei Sektoren und Geschäftsfelder qualitativ hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeitsaspekte und ihres Beitrags zur Transformation bewertet werden. Diese Bewertungen werden als Negativ- und Positivkriterien auf das Titeluniversum angewandt.
Die zweite Säule, der ESG-Unternehmenswert, integriert verschiedene, sich ergänzende Bewertungen externer Partner sowie die interne Bewertung der Corporate Governance, von Kontroversen und der SDGs. Damit werden die von der EU-Regulatorik vorgegebenen Kriterien, wie der Ausschluss fossiler Energieträger, erfüllt und die wichtigsten nachteiligen Nachhaltigkeitsauswirkungen (PAIs) berücksichtigt. Beim ESG-Unternehmenswert finden Negativkriterien auf Basis eines Kriterien-Sets und Positivkriterien auf Basis des detaillierten, externen Stakeholder-Research Anwendung. Die Beurteilung der Negativkriterien und Kontroversen wird durch Daten von externen Anbietern unterstützt.
Die dritte Säule bildet die Engagement-Beurteilung, bei der über Unternehmensdialoge und Stimmrechtsausübung Verhaltensänderungen angestrebt werden, basierend auf den aus den Zukunfts-Themen abgeleiteten Engagement-Feldern. Der Ausschluss von kontroversen Waffen ist unternehmensweit sichergestellt.
Der letzte und ebenso wichtige vierte Schritt ist die fundierte Finanzanalyse.
BÖRSE EXPRESS: Den Raiffeisen-Asia-Opportunities-ESG-Aktien sollte ich lieber heute als morgen kaufen, da....
LEOPOLD QUELL: … wir gerade einen Paradigmenwechsel erleben. Weg von den USA, hin zu Asien. Emerging Markets sind nicht „nur günstig“. Sie stellen einen Großteil der realen Weltwirtschaft dar, und sie beherbergen die physische Infrastruktur der kommenden Dekade. Die letzten 15 Jahre gehörten US-Software und Plattformmodellen. Das nächste Jahrzehnt wird geprägt sein von: Halbleitern, Speichern (DRAM, NAND, HBM), Industrie, Infrastruktur und Energie. Und diese Themen sind – strukturell – asiatisch.< … wir gerade einen Paradigmenwechsel erleben. Weg von den USA, hin zu Asien. Emerging Markets sind nicht „nur günstig“. Sie stellen einen Großteil der realen Weltwirtschaft dar, und sie beherbergen die physische Infrastruktur der kommenden Dekade. Die letzten 15 Jahre gehörten US-Software und Plattformmodellen. Das nächste Jahrzehnt wird geprägt sein von: Halbleitern, Speichern (DRAM, NAND, HBM), Industrie, Infrastruktur und Energie. Und diese Themen sind – strukturell – asiatisch.
von Christa Grünberg
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