Liebe Leserinnen und Leser,

gestern empfahl ich Ihnen, den Blick auf die Anleihemärkte zu richten. Heute zeigt sich, warum. Die geopolitische Risikoprämie hat sich über Nacht tief in die europäische Realwirtschaft gefressen – und Washington hat eine rote Linie überschritten, die Berlin fassungslos zurücklässt.

US-Finanzminister Scott Bessent kündigte eine befristete Lockerung der Sanktionen gegen russisches Öl an. Der Grund ist so simpel wie brisant: Brent notiert weiter jenseits der 100-Dollar-Marke, die historische IEA-Reservefreigabe verpuffte, und die auf See festliegenden russischen Tanker sind plötzlich die letzte verfügbare Stellschraube. Washington erlaubt deren Aufkauf, um den Preisdruck zu lindern. Pragmatismus schlägt Prinzipien – zumindest diesseits des Atlantiks.

Der transatlantische Riss

Die Zahlen der IEA lesen sich weiterhin wie ein Krisenszenario: Acht Millionen Barrel Öl pro Tag fehlten im März auf dem Weltmarkt. Die Golfstaaten haben ihre Produktion um mindestens zehn Millionen Barrel gedrosselt – rund zehn Prozent der globalen Nachfrage. Die Straße von Hormus bleibt das strategische Nadelöhr. Zwar beteuerte der iranische UN-Botschafter Amir Saeid Iravani, Teheran werde die Route nicht schließen, pochte aber im selben Atemzug auf das „Recht, die Sicherheit zu bewahren". Eine diplomatische Formel, die nach der expliziten Blockade-Drohung des neuen Obersten Führers Modschtaba Chamenei niemanden beruhigt.

Bundeskanzler Friedrich Merz fand am Rande seines Norwegen-Besuchs deutliche Worte: Die US-Lockerung sei schlichtweg „falsch". Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche warnte davor, „Putins Kriegskassen noch weiter zu füllen". Die Botschaft aus Berlin ist unmissverständlich. Doch sie offenbart zugleich die unterschiedlichen Schmerzgrenzen: Washington hat Schieferöl als Puffer, Europa hat Abhängigkeit als Achillesferse.

Bauzinsen über vier Prozent – und eine Insolvenzwelle

Was abstrakte Geopolitik für den Alltag bedeutet, lässt sich an einer einzigen Zahl ablesen: 4,01 Prozent. So hoch liegt laut FMH-Finanzberatung der durchschnittliche Bauzins für ein zehnjähriges Darlehen. Die psychologisch wichtige Vier-Prozent-Marke ist durchbrochen. Wer auf eine baldige Zinssenkung der EZB gehofft hatte, wird sich gedulden müssen – Ökonomen gehen davon aus, dass Frankfurt die Zinsen in diesem Jahr nicht mehr anfassen wird. Der Öl-Schock weckt die Inflationsgespenster der Pandemie-Jahre.

Gleichzeitig bricht die industrielle Basis weg. Die Industrieproduktion in der Eurozone sackte im Januar unerwartet um 1,5 Prozent ab. Und die Jahresbilanz 2025 des Statistischen Bundesamtes zeichnet ein düsteres Bild: 24.064 Firmenpleiten – ein Plus von 10,3 Prozent und der höchste Stand seit 2014. „Im Schnitt musste in Deutschland alle 20 Minuten ein Unternehmen Insolvenz anmelden", fasste DIHK-Chefanalyst Volker Treier zusammen. Alle zwanzig Minuten. Man muss sich diese Taktung auf der Zunge zergehen lassen.

Streik-Chaos gegen Rekordgehälter

Während der Mittelstand um Luft ringt, zeigt die Unternehmenswelt ihre ganzen Kontraste. An den Flughäfen Frankfurt und München herrscht am zweiten Streiktag Stillstand: Mehr als 600 Lufthansa-Flüge fielen dem Pilotenstreik zum Opfer. Zehntausende Reisende sitzen fest.

Auf der anderen Seite fließen die Gewinne. Shell und BP gehören zu den offensichtlichen Profiteuren der dreistelligen Ölpreise. Und in München knallen die Korken: Allianz-Chef Oliver Bäte strich nach einem operativen Rekordjahr eine Gesamtvergütung von 11,6 Millionen Euro ein – 1,4 Millionen mehr als im Vorjahr und fast doppelt so viel wie seine Vorstandskollegen. In einer Republik, in der alle zwanzig Minuten ein Unternehmen stirbt, ist das eine Zahl, die politischen Sprengstoff birgt.

Ein Beben ganz anderer Art erlebte die Tech-Welt: Adobe-CEO Shantanu Narayen trat nach schwachen Umsatzzahlen überraschend zurück. Die Aktie stürzte vorbörslich um acht Prozent ab und droht auf den tiefsten Stand seit 2019 zu fallen.

Bitcoin: 20 Millionen geschürft, eine Million übrig

Wo suchen Investoren Zuflucht, wenn Notenbanken zögern und Regierungen Sanktionen nach tagespolitischer Opportunität anpassen? Gold notiert bei rund 5.096 Dollar je Unze. Doch der bemerkenswertere Meilenstein liegt im Digitalen: Anfang dieser Woche wurde der 20-millionste Bitcoin geschürft. Nur noch eine Million Münzen trennen das Netzwerk vom absoluten Limit. Der Preis kletterte zuletzt auf 72.000 Dollar – eine spürbare Erholung gegenüber den Tiefständen der Vorwoche. MicroStrategy kaufte in den letzten 48 Stunden Bitcoin im Wert von bis zu 180 Millionen Dollar nach. Das algorithmische Vertrauen in digitale Knappheit gewinnt offenbar genau dann an Anziehungskraft, wenn das Vertrauen in politische Berechenbarkeit schwindet.


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Was jetzt zählt

Der DAX rettete sich zur Mittagszeit nach anfänglichen Verlusten auf rund 23.479 Punkte. Die Nervosität bleibt greifbar, doch Panik sieht anders aus.

Wir gehen in ein Wochenende, an dem die Märkte geschlossen sind, die geopolitischen Konfliktherde aber brandgefährlich offen bleiben. Mein Rat bleibt derselbe wie gestern: Behalten Sie die Anleihemärkte im Blick. Wenn die Inflationstreiber durch den Ölpreis weiter Fahrt aufnehmen, wächst der Druck auf die EZB – und damit auf die Refinanzierungskosten jedes einzelnen europäischen Unternehmens. Die erstaunliche Gelassenheit der Aktienmärkte steht vor ihrem nächsten Stresstest.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende.

Herzlichst, Ihr

Eduard Altmann