Tokios Erdrutsch, Delhis Öl-Blockade und die Berliner Rüstungs-Illusion
Liebe Leserinnen und Leser,
es schneit in Tokio, und während die Flocken auf den Asphalt von Shibuya fallen, zeichnet sich am anderen Ende der Weltkarte eine politische Verschiebung ab, die weit über den Inselstaat hinausreicht. Die Bilder, die uns heute aus Japan erreichen, sind mehr als nationale Nachrichten: Premierministerin Sanae Takaichi steuert laut den heutigen Exit-Polls auf einen historischen Sieg zu.
Es ist das neueste Puzzlestück einer globalen Neuordnung. Während wir hierzulande oft den Blick auf unsere eigenen Strukturdebatten verengen, formieren sich draußen die Allianzen neu. Der heutige Sonntag liefert uns dafür gleich zwei bemerkenswerte Indizien: Ein Japan, das sich politisch härtet und eng an die Trump-Administration bindet, und ein Indien, das überraschend deutlich auf Distanz zu russischem Öl geht.
Das Wochenende mag ruhig erscheinen, doch unter der Oberfläche verschieben sich gerade die tektonischen Platten der Geopolitik – mit direkten Folgen für Ihr Depot. Lassen Sie uns die Lage einordnen.
Der Takaichi-Triumph und die neue Pazifik-Achse
Die Prognosen des Senders NHK von heute Morgen lassen kaum Zweifel: Die Liberaldemokratische Partei (LDP) unter Sanae Takaichi steuert auf 274 bis 328 Sitze zu. Das ist nicht nur eine komfortable Mehrheit; zusammen mit dem Koalitionspartner rückt sogar die verfassungsändernde Zweidrittelmehrheit in greifbare Nähe.
Takaichi, die erste Frau an der Spitze Japans, hat mit ihrer „Sanakatsu"-Bewegung offensichtlich den Nerv der Zeit getroffen. Ihr Rezept: Klare konservative Kante und eine demonstrative Nähe zu US-Präsident Donald Trump. Für die Märkte ist das Signal eindeutig: Stabilität im Osten.
Dies passt nahtlos in das Bild, das die Wall Street am Freitag zeichnete, als der Dow Jones erstmals die historische Marke von 50.000 Punkten durchbrach. Die Investoren feiern eine „America First"-Dynamik, in der Japan als verlässlicher, derekulierter Anker im Pazifik fungiert.
Und Europa? Der DAX wirkt in diesem Szenario fast unentschlossen. Zwar rettete sich der deutsche Leitindex mit einem Wochenplus von 0,7 Prozent auf 24.781 Punkte, doch charttechnisch klemmt er zwischen den gleitenden Durchschnitten fest. Wir sehen hier die klassische Divergenz: Die USA und ihre pazifischen Verbündeten stürmen voran, während der alte Kontinent noch seinen Platz in dieser neuen Ordnung sucht.
Indiens Kehrtwende: Ein kalter Entzug für Moskau
Vielleicht die brisanteste Nachricht für Rohstoffanleger kommt heute aus Neu-Delhi. Indische Raffinerien – lange Zeit die dankbarsten Abnehmer für billiges russisches Öl – weigern sich offenbar, Lieferungen für April anzunehmen. Schwergewichte wie Indian Oil und Reliance Industries wollen Berichten zufolge keine russischen Ladungen mehr buchen.
Der Hintergrund ist Realpolitik in Reinform: Indien und die USA stehen kurz vor einem Handelsabkommen. Neu-Delhi scheint bereit, die Energieallianz mit Moskau zu opfern, um sich wirtschaftlich enger an Washington zu binden. Sollte sich dieser Trend verfestigen, hat das massive Auswirkungen auf den Ölmarkt (Brent notiert aktuell bei rund 64 Dollar) und reißt ein Loch in die russische Staatskasse. Es zeigt einmal mehr: In der Weltwirtschaft von 2026 ist Geopolitik der wichtigste Preistreiber.
Die trügerische Ruhe der deutschen Auftragsbücher
Auf den ersten Blick sahen die Zahlen, die uns zum Wochenausklang aus Wiesbaden erreichten, fantastisch aus: Ein Anstieg der deutschen Industrieaufträge im Dezember um satte 7,8 Prozent – der stärkste Sprung seit zwei Jahren. Auch die Exporte legten überraschend kräftig um 4,0 Prozent zu.
Doch Vorsicht ist geboten. Wenn man den Lack abkratzt, kommt darunter vor allem eines zum Vorschein: Rüstung. Die Statistik wurde maßgeblich von „Großbestellungen" getrieben – ein Euphemismus für das Hochfahren der Verteidigungsindustrie in unsicheren Zeiten. Dass die Aktie von Rheinmetall zuletzt dennoch korrigierte und unter 1.700 Euro rutschte, zeigt, wie nervös die Anleger selbst bei diesem Boom-Thema sind. Analysten hinterfragen zunehmend, ob die Bewertung die Realität nicht längst überholt hat.
Gleichzeitig offenbart die Energiewende Risse. Trotz des massiven Ausbaus von Anlagen sank die Stromerzeugung aus Wind im Jahr 2025 auf 132,6 Terawattstunden (Vorjahr: 138,3 TWh). Das Wetter spielt nicht mit, und die Infrastruktur hinkt hinterher. Wenn dann noch die SPD, wie heute bekannt wurde, in einem neuen Grundsatzpapier eine „Neudefinition" der Beziehungen zu den USA fordert, wächst die Sorge, dass Deutschland sich politisch und wirtschaftlich zwischen die Stühle setzt.
Tech-Giganten und Industrie-Sorgen
Während die „Old Economy" kämpft, fließt das Kapital weiter in die Intelligenz der Zukunft. Wir berichteten gestern bereits über Amazons gigantische 200-Milliarden-Dollar-Wette auf die KI-Infrastruktur. Doch auch im Sicherheitsbereich boomt die Technologie: Palantir meldet Rekordeinnahmen und profitiert davon, dass nun auch deutsche Polizeibehörden trotz ethischer Debatten auf ihre Software setzen.
Während sich die Weltwirtschaft zwischen Old Economy und digitaler Zukunft neu sortiert, lohnt ein Blick auf die Schlüsseltechnologie dieser Transformation: Halbleiter. Nach intensiver Recherche habe ich vier Chip-Aktien identifiziert, die von der massiven KI-Infrastruktur-Welle profitieren könnten – jenseits der bekannten Namen. In einem kostenlosen Webinar zeige ich Ihnen, welche Unternehmen im Zentrum des globalen Chip-Booms stehen und warum Mikrochips das neue Öl der Weltwirtschaft sind. Kostenlose Chip-Aktien-Analyse ansehen
Im scharfen Kontrast dazu steht die Erosion der deutschen Industriebasis: Thyssenkrupp Steel steigt bei den Hüttenwerken Krupp Mannesmann aus – ein weiterer Rückzug auf Raten. Immerhin gibt es Lichtblicke: Siemens konnte einen Milliardenauftrag für fahrerlose S-Bahnen in Kopenhagen an Land ziehen. Deutsche Ingenieurskunst ist gefragt, aber die Wertschöpfung verschiebt sich zusehends ins Ausland oder in die digitale Sphäre.
Was die neue Woche bringt
Der Blick nach vorne verspricht Spannung. In der kommenden Woche stehen entscheidende Daten an:
- Dienstag: US-Einzelhandelsumsätze – konsumiert der Amerikaner weiter auf Pump?
- Mittwoch: Siemens Energy legt Zahlen vor – kann der Turnaround bestätigt werden?
- Donnerstag: Das UK-BIP gibt Aufschluss über die post-Brexit Realität 2026.
- Freitag: BIP-Daten aus der Eurozone und US-Inflationsdaten.
Zudem sollten wir Mailand im Auge behalten. Die dortigen Proteste gegen die Olympischen Winterspiele, die heute in gewaltsame Ausschreitungen mündeten und von der italienischen Regierung scharf als Werk von „Feinden Italiens" verurteilt wurden, erinnern uns daran, dass soziale Spannungen in Europa jederzeit hochkochen können.
Bleiben Sie wachsam. Die Weltkarte wird gerade neu gezeichnet – stellen Sie sicher, dass Ihr Depot nicht auf der alten Version basiert.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Rest des Wochenendes.
Herzlichst,
Ihr Eduard Altmann








